Kultur : Mit dem Ausflugsdampfer geflohen

Zwei Absolventen der Filmhochschule Potsdam spielen die Hauptrollen in einer WDR-Produktion

Martin Stralau

Einen Mann von der Statur Horst Krauses - bekannt aus diversen Polizeiruf 110- Folgen und dem Kinofilm „ Schultze gets the Blues“ – ist gar nicht so einfach aus dem Weg zu räumen. Trotzdem kann man auch das mit einfachen Mitteln schaffen. Gelungen ist das den beiden Potsdamer Schauspielern Sebastian Stielke und Dirk Talaga in dem Dokumentarspielfilm „Endstation Freiheit“, einer WDR-Produktion. Doch dazu später mehr.

In dem auf einer wahren Begebenheit aufbauenden Film von Regisseurin Inga Wolfram bekleiden die beiden zusammen mit Horst Krause die Hauptrollen. Thema ist der Fluchtversuch von vier jungen Männern, alle Anfang 20, die es im Osten Berlins von 1962 nicht mehr länger aushalten. Sie arbeiten gemeinsam auf dem größten Fahrgastschiff der damaligen Ost-Berliner „Weißen Flotte“, der „Friedrich Wolf“, auf der Spree in der Gegend zwischen Oberbaumbrücke, Treptow und Landwehrkanal. Bald hecken sie spontan den Plan aus, auf dem Wasserweg in den Westen zu fliehen. Initiatoren dieses Unterfangens sind der Schiffskoch Jörg Lindner und der Steuermann Peter Warczewski, gespielt von Sebastian Stielke und Dirk Talaga.

Die Chance ist günstig. Die Schiffsbesatzung soll im Berliner Osthafen Transformatoren für die Stromversorgung an Bord laden und bekommt dafür einen Sonderpassierschein. Ihr Plan für die Nacht vom 6. auf den 7. Juni sieht wie folgt aus: Zusammen mit ihren zwei Freunden, einem Maschinisten und Kellner, wollen sie das Schiff in die Nähe des Hafens bringen. Ihr Ziel ist es, kurz vor Erreichen dieses Ortes abzudrehen, in den Landwehrkanal zu stoßen und dadurch nach Kreuzberg (Westberlin) zu gelangen. Zu diesem Zweck haben sie nun auch noch zwei Magdeburger Monteure eingeweiht, die kurz zuvor an Bord gekommen sind, um die Transformatoren zu installieren. Schiffskoch Jörg Lindner schafft es sogar bei einem Landgang seine als Putzfrau verkleidete Lebensgefährtin und sein zwei Monate altes Baby, das in einer Sporttasche transportiert wird, mit an Deck zu schleusen.

Ein großes Problem stellt nun der Kapitän, gespielt von Horst Krause, dar. Der weiß von nichts und muss ausgeschaltet werden. Wie gut, dass er im Film gerne zur Flasche greift. Viel Aufwand bedarf es also nicht, ihn so besoffen zu machen, dass er rechtzeitig außer Gefecht gesetzt ist.

Die Flucht scheint jedoch kurzfristig beendet zu sein, gar ein tragisches Ende zu nehmen, als Ostberliner Grenzposten beim Abdrehen des Schiffes vor dem Osthafen gegen 5 Uhr morgens die Situation durchschauen und das Feuer auf das Schiff eröffnen. Insgesamt geben sie 138 Schüsse ab. Doch in weiser Voraussicht hatten die vier jungen Männer eine Panzerverkleidung an die gefährdeten Schiffsseiten angebracht. Brenzlig wird es nun in erster Linie dadurch, dass das Schiff gleichzeitig von einer Ostberliner Wasserstreife beschossen wird. Letztendlich aber gelingt die Flucht über den Landwehrkanal trotz all dieser Vorfälle. Denn Westberliner Grenzer haben ihrerseits das Feuer auf die ostdeutsche Wasserstreife gerichtet und können diese abdrängen. Der Weg in die Freiheit für die vier jungen Männer ist nun endlich geöffnet.

Sebastian Stielke und Dirk Talaga haben in diesem Jahr ihr vierjähriges Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Babelsberg beendet. Die Dreharbeiten im Mai dieses Jahres seien für sie „eine sehr schöne Erfahrung“ gewesen. Drei Tage lang standen zwei Teams parallel vor der Kamera, eines in der Kombüse, das andere an Deck. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Horst Krause lebte von einer sehr entspannten Atmosphäre, „der wusste immer was er will, hat ein sehr bestimmtes Auftreten“, so Stielke. Für die Zukunft seien sie so verblieben, dass sie mit ihm „mal ein Bier zusammen trinken wollen“. Eine schöne Situation ergab sich für Sebastian Stielke aus einem kuriosen Zusammentreffen am Set. „Da stand plötzlich jemand vor mir, der sich als Herr Lindner vorstellte.“ Es vergingen einige Momente bis Stielke verstanden habe, dass es sich bei dem Mann um das Baby handelte, das damals bei dem realen Fluchtversuch eine Rolle spielte. Die anderen Protagonisten aus der Realität, die den Filmfiguren als Vorbild dienten, treffen sie in ein paar Tagen.

Das für den Film gewählte Genre Dokumentarfilm kommt aus den USA und verknüpft Spielfilmsequenzen mit Interviews von Zeitzeugen oder Originalaufnahmen von einst. Die beiden befreundeten Schauspieler gehen jetzt zunächst einmal getrennte Wege. Dirk Talaga werde in Potsdam bleiben und schauen, was für Angebote auf ihn zukommen. Sebastian Stielke geht für ein Theaterjahr nach Wilhelmshaven. Für die Zukunft könnten sich beide sowohl Engagements am Theater als auch bei Film und Fernsehen vorstellen. Zusammen vor der Kamera können sie sich mit allen anderen Zuschauern am 9. August, um 23.15 Uhr in der ARD sehen. Martin Stralau