Kultur : Mit Biss

Autor Jochen Schmidt eröffnete Reihe „Wort frei“

Astrid Priebs-Tröger

Es wirkt improvisiert. Direkt am Infotresen stehen ein gutes Dutzend Stühle mit Blick auf Hörbücher, DVDs und Katalogcomputer. Bevor die erste Veranstaltung der neuen Lesereihe „Wort frei“ am Mittwochabend beginnt, kann man in den ausgelegten Büchern der Stadt- und Landesbibliothek blättern. Genau am „Tag der Bibliotheken“ startet dort in Zusammenarbeit mit der Kiezbuchhandlung „Viktoriagarten“ aus Potsdam-West eine Lesereihe, die „Junge Literatur zwischen Turnhalle & Viktoriagarten“ abwechselnd in der Bibliothek und in der Buchhandlung vorstellen wird.

„Turnhalle“ meint dabei das Ausweichquartier der Stadt- und Landesbibliothek, die seit Beginn der Sanierung in der Fachhochschule am Alten Markt, in der ehemaligen Turnhalle des früheren Institutes für Lehrerbildung, untergebracht ist. Zum Auftakt hatten Andrea Schneider und Stefanie Müller, die beiden Inhaberinnen von „Viktoriagarten“ den langjährigen Lesebühnenautor und Mitbegründer der Berliner Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“, Jochen Schmidt, eingeladen, der aus seinem 2010 erschienenen Buch „Weltall. Erde. Mensch“ sechs seiner ungemein genau beobachteten und mit Ironie aufgeladenen Kurzgeschichten liest. Die haben zumeist einen ganz konkreten Ausgangspunkt, beispielsweise einen Einkauf bei Rewe, und mäandern dann über das Angebot an Zahnpasta bis zum Biertrinken nach Dresden-Neustadt und fangen in dieser assoziativen Momentaufnahme sowohl einen konkreten Mikrokosmos als auch den gesellschaftlichen Makrokosmos ein.

Und obwohl Schmidt, der sonst in Berlin Hallen füllt, in Potsdam nicht mal ein Dutzend Zuhörer hatte, greift er zum Mikrofon und performt in Lesebühnenmanier inklusive Gesangseinlage seine entspannt-intelligenten Bemerkungen zu Joyce’ „Ulysseus“, einer Augsburger Begegnung mit Udo Jürgens, den Vorzügen von Ostzahnpasta oder einem Dialog zwischen Vater und Kind zum leidigen Thema Mathematik. Das hatte Biss und viel hintergründigen Witz und in Ermangelung eines Moderators kündigte der Autor mit dem schütteren Blondhaar über der hohen Stirn seine philosophischen Alltags- und literarischen Assoziationen mit gekonntem Understatement selbst an.

„Weltall. Erde. Mensch“, für Eingeweihte stellte sich sofort ein Bezug zum Titel eines ehemaligen Jugendweihebuches in der DDR her, das mit einer Auflage von vier Millionen Exemplaren als das am weitesten verbreitete Druckwerk der ehemaligen DDR galt. Es sollte ein umfassendes System von Natur und Gesellschaft auf Basis der marxistisch-leninistischen Weltanschauung abbilden. Jochen Schmidts Komposition von Kurzgeschichten vereint vor diesem einfältigen Resonanzraum die vielschichtige Weltanschauung eines waschechten Ostberliners, der immer wieder ironisch gebrochen sein Herkommen beleuchtet und sich an der rasanten Gegenwart und deren (Konsum-)Kultur reibt.

Dabei leben Schmidts Texte sehr durch den kongenialen Vortrag und man fragt sich, ob es überhaupt sinnvoll ist, diese in Buchform – er selbst las von losen Blättern – zu veröffentlichen. Nichtsdestotrotz hatten die beiden Buchhändlerinnen eine Auswahl von ihm und anderen bekannten Lesebühnenautoren mitgebracht, die nach der Veranstaltung käuflich erworben werden konnten. Die neue Lesereihe „Wort frei“ will vor allem unbekannte und unkonventionelle Autoren vorstellen und man kann schon am morgigen Samstag im „Viktoriagarten“ den Dresdner Autoren Francis Mohr, der ebenfalls Lesebühnenerfahrung hat, mit seinem Debütroman „Flashback Ost“ live erleben. Astrid Priebs-Tröger

„Wort frei“ mit Francis Mohr am Samstag, 27. Oktober, um 20 Uhr, Geschwister-Scholl-Straße 10, Viktoriagarten

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