Kultur : „Mehr Wasser!“

Filmklassiker vorgestellt: „Titanic – In Nacht und Eis“ im Filmmuseum / Von Michael Wedel

Heroisch selbst im Untergang. Szene aus „Titanic - In Nacht und Eis“.
Heroisch selbst im Untergang. Szene aus „Titanic - In Nacht und Eis“.Foto: FM

Vor allem Babelsberger Filmgeschichte wird im Filmmuseum gehegt und gepflegt. Das heißt, die vielfältigen Dokumente, Kostüme, Technik, Nachlässe werden gesammelt und dem Publikum präsentiert. Und natürlich kommen cineastische Kostbarkeiten zur Aufführung. In unserer Serie „Filmklassiker vorgestellt“, die gemeinsam mit dem Museum entstand, stellen wir heute den Film „Titanic – In Nacht und Eis“ (1912) von Mime Misu vor.

Vor 100 Jahren, in der Nacht auf den 15. April 1912, ereignete sich mit dem Untergang der „Titanic“ eine Schiffskatastrophe, an der sich die Fantasie des Films immer wieder aufs Neue entzündet hat. Fast jede Epoche der Filmgeschichte hat ihre Version des Unglücks geliefert. Die bekannteste ist (und bleibt wohl auch) James Camerons Blockbuster von 1997, der gerade noch einmal in 3D die Kinos überschwemmt: Zu groß war und ist der Sog dieser nach allen Regeln der Unterhaltungskunst komponierten, durch digitale Tricktechniken veredelten Erinnerungssymphonie im schillernden Gewand des ultimativen Liebesfilms.

Was heute kaum noch jemand weiß: Die erste vollständige filmische Dramatisierung der „Titanic“-Katastrophe kam schon vier Monate nach dem Unglück in Deutschland in die Kinos: Jahrzehntelang galt „Titanic – In Nacht und Eis“ als verschollen und ist daher ebenso unbekannt geblieben wie sein Regisseur, der Rumäne Mime Misu (1888-1953). Die Dreharbeiten begannen Mitte Mai 1912 mit Außenaufnahmen im Hamburger Hafen und an der Küste vor Cuxhaven. Die Kollision mit dem Eisberg und der Untergang des größten Luxusliners seiner Zeit wurden mithilfe eines acht Meter langen Modells am Krüpelsee bei Königs Wusterhausen nachgestellt. Für die Darstellung der Innenszenen an Bord der „Titanic“ errichtete man im Hinterhof der Berliner Chausseestraße auf einer Kippbühne schwankende Kulissen, durch die der Wellengang auf See sowie die Erschütterungen unter Deck anschaulich wurden. Pressevertreter berichteten: „Wasser, Dampf, Feuer, Rauch und alles mögliche erfüllt die Luft. Man sieht schrecklich Verunglückte über den Unglücksort hinweg, und während das stockende Herz lähmenden Schreck verursacht, ruft ein vermeintlich wahnsinnig Gewordener: ‚Noch mehr Feuer! Der andere Kessel muß auch explodieren! Laßt die Menschen ersaufen! Mehr Wasser!’“ Mit dem vermeintlich wahnsinnig Gewordenen war Regisseur Misu gemeint.

Nicht nur der Einsatz zumindest im deutschen Film nie zuvor gesehener Spezialeffekte macht „Titanic – In Nacht und Eis“ heute zu einem Klassiker des frühen Katastrophenfilms. Stilistisch beeindruckt er durch die geschickte Verbindung von dokumentarisch anmutenden Szenen, die zeitgenössischen Wochenschauen nachempfunden sind, und einer avancierten Erzähltechnik, die bereits über alle Mittel der Spannungserzeugung verfügt: Die Entdeckung des Eisbergs wird aus der Perspektive einzelner Besatzungsmitglieder in Schuss-Gegenschuss-Bildern emotional aufgeladen. Die Rettungsaktionen von Kapitän und Funker im Wettlauf gegen den Untergang sind über den Schnitt so miteinander verbunden, dass die Handlungsschauplätze an Bord ständig wechseln. Das Finale des Films schließlich kulminiert in der kaum verhohlenen Aufforderung an das Publikum im Kino, den Choral „Näher, mein Gott, zu Dir“ anzustimmen, den die Bordkapelle zum Untergang gespielt haben soll.

Trotz des immensen Kassenerfolgs, den „Titanic – In Nacht und Eis“ sogar in den USA erzielte, war die Filmkarriere seines Regisseurs nur von kurzer Dauer. In den Folgejahren inszeniert Misu weitere Schiffsuntergangs-Dramen, sucht ab 1916 sein Glück in Hollywood. 1920 ist er mit einer eigenen Produktionsfirma wieder in Deutschland, zieht sich jedoch im darauffolgenden Jahr endgültig aus dem Filmgeschäft zurück. Sein früher „Titanic“-Film, das Urbild aller folgenden, dürfte Misu seinen Platz in den Filmgeschichtsbüchern jedoch auf Dauer sichern.

Michael Wedel ist wissenschaftlicher Leiter des Filmmuseums Potsdam

„Titanic – In Nacht und Eis“ ist am Freitag, dem 13. April um 19 Uhr im Filmmuseum, Breite Straße 1A, zu sehen. Bei dem Filmabend anlässlich des 100. Jahrestages des „Titanic“-Unglücks wird auch Michael Wedels Buch „Kollision im Kino. Mime Misu und der Untergang der Titanic“ vorgestellt