Kultur : Meditativ bis animalisch

Doppelabend der Tanztage begeisterte

Astrid Priebs-Tröger

Der erste Doppelabend der diesjährigen Tanztage – zwei weitere werden folgen – ist bereits Geschichte. Zwei ganz unterschiedliche Tänzer- und Choreografenhandschriften wurden da am Donnerstag in der fabrik und im T-Werk präsentiert. Der französische Choreograf Fabrice Lambert hat in „Gravité“, das in Potsdam seine Deutschlandpremiere erlebte, einen sehr ungewöhnlichen Tanzraum kreiert. Sein Tänzer (Kerem Gelebek) bewegt sich in/auf einer millimeterdünnen Wasserschicht und dieses Spiel wird simultan auf einer Großleinwand gespiegelt. Anfangs beherrschen nur die beiden Flächen den Bühnenraum, der Tänzer liegt erdenschwer, in weißem Hemd und schwarzer Hose, auf dem festen Boden davor. Doch dann kommen auf der Leinwand erste Wellenbewegungen ins Bild und man bekommt einen Vorgeschmack auf die strenge grafische Schönheit, die dann eine knappe halbe Stunde lang die Projektionsfläche beherrschen wird.

Bevor sich der Tänzer wie in Zeitlupe aufrichtet, langsam „übers“ Wasser zu laufen beginnt und schließlich, wie einst Narziss, darin sein Spiegelbild entdeckt, ahnt man schon, dass dies ein Abend ganz meditativer Natur sein wird. Als der Tänzer nahezu unbeweglich auf der Wasserfläche liegt, ergeben sich für das Auge des Zuschauers auf der Leinwand jedoch jede Menge konzentrischer Kreise, die fast so etwas wie eine bisher unbekannte Raumdimension schaffen. Seine Körperenergie versetzt das Wasser in mal zarte, mal lebhafte Schwingungen, es scheint, als würden seine inneren Bewegungen/Energieströme nun sichtbar für alle nach außen transportiert.

Das hat etwas sehr Universelles und ungemein Berührendes, nicht nur weil es an die eigene Lebensenergie gemahnt. Frappierend ist auch, wenn der Tänzer große Bewegungen macht oder die Richtung ändert scheint er selbst Teil der Wellen zu sein, wird von ihnen verschlungen, für kurze Zeit unsichtbar. Dazwischen kann man ihn beispielsweise in Haltungen wie ein Embryo oder wie ein Fliegender sehen und die menschliche Figur verliert dabei immer mehr von den bekannten Konturen, wird Teil eines großen Ganzen, an dem man sich, wie auch an ziehenden Wolken am Himmel, kaum satt sehen kann.

Dann, nach kurzer Wanderung über das Gelände der Schiffbauergasse, beginnt im T-Werk ein animalisches Kontrastprogramm. Der spanische Tänzer und Choreograf Daniel Abreu hat seinen fast einstündigen Abend „Perro“ (Hund) genannt. Und anfangs deutet rein gar nichts darauf hin, dass der Tänzer mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte und Anzughose diesen in sich entdecken und auch herauslassen würde. Zu Beginn seines Solos benutzt Abreu vor allem die Mimik seines Gesichtes und die Gestik seiner Arme und Hände, um rasch hintereinander so verschiedene Assoziationsräume wie Kämpfen, Lauschen, Betteln oder Sexualität zu kreieren. Nach dieser oft auch komischen Eröffnung zieht Daniel Abreu seine Schuhe aus, wischt die vorherigen Geschichten weg und wird langsam aber sicher zum nackten Vierbeiner. Und es beginnt im Licht eines Scheinwerfers eine expressive Feier der männlichen Stärke und Eleganz, die schöne kraftvolle Kreatur entdeckt ihr animalisches Selbst. Dieses ungemein ästhetische Spiel endet im Dunkel und danach folgt, der Tänzer ist jetzt wieder ein bekleideter Zweibeiner, ein expressives Solo an der schwarzen leeren Bühnenrückwand, welches dann abermals in einer sehr kraftvollen Körperarbeit des nackten Rückens und der durch das Auge kaum mitzuverfolgenden wirbelnden Arme gipfelt.

Insgesamt konnte sich dabei der Eindruck einstellen, als seien die sehr unterschiedlichen Teile von „Perro“ Puzzlestücke zu mehreren eigenständigen Stücken, die es noch dramaturgisch auszuformen gilt. Das Publikum ließ sich jedoch mühelos in diese halbdunklen, zum Teil sehr intimen Welten entführen und reagierte zum Schluss mit Trampeln und Bravorufen. Astrid Priebs-Tröger

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