• Massengewalt im 20. Jahrhundert: Wenn herkömmliche Begriffe nicht reichen

Massengewalt im 20. Jahrhundert : Wenn herkömmliche Begriffe nicht reichen

Für radikale Regierungen ist Massenmord nicht zwingend die erste Lösung.“ Christian Gerlach hat eine neue Studie über Massengewalt im 20. Jahrhundert geschrieben – Morgen stellt er sie in Potsdam vor „Massengewalt entsteht auch aus dem Bedürfnis, sich selbst vor Gewalt zu schützen.“

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05.07.2011 22:05

Herr Gerlach, wenn Sie von Massengewalt im 20. Jahrhundert sprechen, dann sprechen Sie von „extrem gewalttätigen Gesellschaften“. Warum genügen Ihnen in diesem Zusammenhang nicht mehr herkömmliche Begriffe wie Genozid, ethnische Säuberung, Völkermord oder Vernichtungspolitik?

Es geht dabei nicht allein um die Begriffe, sondern um die Konzepte, die dahinter stehen. Diese Konzepte sind analytisch nur begrenzt produktiv. Das versuche ich auch in meinem Buch darzustellen. Da ist einmal die Staatsfixiertheit des Genozid- oder Völkermordbegriffs. Hinzu kommt die Fokussierung auf eine bestimmte Ethnie, das Herauslösen von einzelnen Fällen von Gewalt, also Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe, aus dem Gesamtkontext. In Wirklichkeit richtet sich die Gewalt in den meisten Fällen gegen mehrere Gruppen zur gleichen Zeit.

In Ihrem Buch „Extrem gewalttätige Gesellschaften. Massengewalt im 20. Jahrhundert“, das Sie am morgigen Donnerstag in Potsdam vorstellen, zeigen Sie unter anderem an Beispielen in Armenien, Indonesien und Ostpakistan vor allem soziale Bedingungen für Massentötungen auf. Gewalt, die nicht einseitig, sondern multipolar verläuft, die immer aber auch einen staatlichen Hintergrund hat?

Das ist sehr oft der Fall. Hauptsächlich geht es in dem Buch ja um Gewalt gegen mehrere Opfergruppen, die aber oft zusammenhängt mit einer staatlichen Politik.

Aber nicht nur mit dieser staatlichen Politik allein. Sie rücken die „partizipatorische Gewalt“ in den Vordergrund, also „teilnehmen und profitieren“. Diese Gewalt ist dann nicht mehr allein auf eine begrenzte Tätergruppe beschränkt, sondern durchzieht auch die breite Bevölkerungsschicht.

Genau diesen partizipatorischen Charakter von Gewalt betone ich sehr stark. Da wurde mir entgegengehalten, dass Partizipation doch etwas Gutes sei. Wie ich diesen Begriff also in diesem Zusammenhang benutzen konnte. Aber meinem Argument liegt zugrunde, dass sich im 20. Jahrhundert der Charakter von Massengewalt hin zu einer solchen Partizipation verändert hat. Und das kann soweit gehen, dass Gewalt entsteht, die zum Teil von Teilen des Staates gar nicht gewollt wird, wie am Beispiel von den Massenmorden in Indonesien in den Jahren 1965 und 66. Da waren der Präsident, viele Minister der Zentralregierung und etliche Provinzgouverneure und Teile der Streitkräfte gegen die Massaker. Trotzdem fanden sie statt. Und das in rasantem Tempo und erschreckendem Ausmaß.

Heißt das, dass Massengewalt irgendwann den Punkt erreicht hat, an dem sie nicht mehr zu kontrollieren ist, zu einer Art Selbstläufer wird?

Das Argument des Buches ist, dass selten von einem totalen Selbstlauf die Rede sein kann. Aber es gibt Eigendynamiken, die dazu führen, dass Gewalt auch außer Kontrolle gerät. In dem Kapitel über die Guerillabekämpfung habe ich versucht, das besonders deutlich zu machen. Wo großangelegte Umsiedlungsprogramme zur Partisanenbekämpfung einhergehen mit staatlichen Ideen über eine gesellschaftliche Neuordnung, gerät Massengewalt mit großer Regelmäßigkeit außer Kontrolle. Allein 20 Fälle auf vier Kontinenten habe ich anführen können.

Dieser partizipatorische Charakter wurde in der Wissenschaft bisher vorwiegend als eine Art Nebenerscheinung von Massengewalt betrachtet, nicht aber als Hauptgrund und Movens für solche Exzesse. Kann das auch daran liegen, dass man solche niederen Beweggründe wie Raub und Sozialneid nicht als Ursache für das Unbegreifliche akzeptieren wollte?

Ja, und es gibt Menschen, die der Ansicht sind, dass es der Würde der Opfer mehr entspricht, ihrem Andenken mehr dient, wenn sie allein aus Rassenhass umgebracht wurden und nicht aus Habgier. Das ignoriert, dass oft beide Antriebe und andere ineinander greifen und das sich gerade daraus auch die Dynamik und Wucht beispielsweise der Verfolgung der Juden im Zweiten Weltkrieg speiste. Manchen scheint es aber, als würde das Andenken an die Opfer in den Schmutz gezogen, wenn man solche ökonomische Argumente mit einbringt.

Ist vielleicht nicht der Mensch selbst das alleinige Grundübel, da er immer wieder zu Gewalt neigt?

Im Leben eines jeden Tieres gibt es die Notwendigkeit von Gewalt. Oder die kann es geben. Menschen haben durch ihre soziale Organisation versucht, sich vor Gewalt zu schützen. Zuerst einmal gegen tierische und natürliche Gewalt. Aber diese soziale Organisation birgt in sich schon wieder Konfliktstoff. Letztendlich entsteht Massengewalt auch aus dem Bedürfnis heraus, sich selbst vor Bedrohungen und Gewalt zu schützen.

Was paradox klingen mag.

Ja, aber wir werden das immer wieder finden. Selbst Hitler hat die Vernichtung der Juden damit begründet, dass man sich nur so vor ihnen schützen könne. Ganz ähnlich wurde über die Armenier, über sogenannte Volksfeinde in der Sowjetunion, über Feinde der Roten Khmer oder über die Tutsi in Ruanda argumentiert.

Wenn Kategorien wie Genozid, Völkermord und ethnische Säuberung bei der Auseinandersetzung mit Massengewalt so beschränkt sind, warum arbeitet man dann in der Wissenschaft noch so stark damit?

Das hat meiner Meinung nach politische Gründe. In „Extrem gewalttätige Gesellschaften“ setze ich mich stark vom Konzept Genozid und Völkermord ab. Daneben gibt es aber noch weitere Begriffe, mit denen man sich kritisch auseinandersetzen könnte, wie beispielsweise politische Gewalt. Aber die Anhänger des Genozidkonzepts versuchen diese Diskussion zu monopolisieren.

Warum sollten sie das tun?

Weil ein Kampf um Ressourcen stattfindet. Ein Kampf um akademische Stellen, um Forschungsgelder, um Sendezeiten und um politischen Einfluss. Denn es geht hier auch darum, dass Kollegen womöglich, sei es den Internationalen Gerichtshof, sei es das Außenministerium der USA oder andere Regierungen beraten wollen.

Aber das hat doch mit der Arbeit eines Historikers nichts mehr zu tun.

Nein, das stimmt so nicht. Peter Schöttler hat ein Buch „Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft“ geschrieben, das sich mit der Verhandlung der Geschichte zur NS-Zeit auseinandersetzt. Aber ich bin der Meinung, Geschichte ist immer Legitimationswissenschaft. Denn Geschichte ist im Kern dazu da, Identität zu produzieren. Vorwiegend nationale oder lokale Identität. Leider ist Geschichte zu erforschen nicht wertneutral.

In „Extrem gewalttätige Gesellschaften“ zeigen Sie auf, dass oft Krisensituationen zu Konflikten führen, die wiederum Ausbrüche von Massentötungen bedingen. Kann man hier von einem Grundmuster für Massengewalt sprechen?

Meine Fallstudien laufen nicht alle nach dem gleichen Strickmuster ab und es werden auch nicht immer die gleichen Fragen gestellt. Aber es gibt übergreifende Schlussfolgerungen. Unter anderem die von der tiefgreifenden Krise, die nicht nur das Regime, sondern auch die Gesellschaft betrifft. Aber die Krise steht nicht immer zwingend am Anfang. Die Krise und die Konflikte und Gewaltausbrüche versuche ich als miteinander verbundene Prozesse darzustellen. Denn zu sagen, da sei zuerst mal eine Krise und aus der folgt dann der Konflikt und daraus die Gewalt, das wäre dann doch zu einfach.

Wären aufgrund dieser übergreifenden Schlussfolgerungen Prognosen möglich, um solche extrem gewalttätigen Gesellschaften zu verhindern, oder bliebe dies immer durch das Moment des Unbegreiflichen unmöglich?

Es gibt mit Sicherheit in jedem der von mir angeführten Fälle das Moment des Unbegreiflichen. Ganz besonders auch für Leute, die das miterleben, am eigenen Leib erfahren. Denn diese Leute suchen ständig nach Orientierungsmöglichkeiten, um zu verstehen, was da gerade passiert. Nur so können sie Schlussfolgerungen ziehen, um sich, ihre Angehörigen und andere zu schützen. Aber zuerst einmal bin ich Historiker und kein Futurologe. Und als Historiker würde ich jetzt antworten: Vorhersagen gern, wenn ich die Quellen habe. Aber da wir diese Quellen noch nicht haben, ist das schlecht möglich. Außerdem haben sich Historiker in solchen Fällen politischer Vorhersagen immer als sehr schlechte Propheten erwiesen. Man kann aber doch auf bestimmte Warnzeichen achten.

Am Ende Ihrer Studie zitieren Sie Peter de Preez, der sagt, dass Massenmorde keine bizarren Ausnahmeereignisse seien, „sondern eine psychologisch nachvollziehbare und bis zu einem gewissen Grad normale Reaktion auf eine bestimmte Art gesellschaftlicher und politischer Krise.“ Das klingt äußerst ernüchternd und könnte heißen, dass wir regelmäßig mit extrem gewalttätigen Gesellschaften rechnen müssen.

Nicht regelmäßig, aber schon sehr oft. In meinem Buch zeige ich aber auch, und das hat ebenfalls die Forschung der vergangenen fünf oder sechs Jahre betont, dass auch radikale Regierungen nicht zwingend mit Massenmord als erste Reaktion auf Konflikte antworten. Die suchen zuerst auch andere Arten der Reaktion auf solche Krisen oder Kriege und greifen erst als dritt- oder viertbeste Lösung zu solchen Mitteln. Gleichzeitig versuche ich zu vermitteln, dass eine Reihe von Faktoren zusammenkommen müsste, damit sich eine extrem gewalttätige Gesellschaft entwickeln kann. So einfach und häufig ist das dann zum Glück auch wieder nicht.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Christian Gerlach stellt sein Buch am morgigen Donnerstag um 19.30 Uhr im Lepsiushaus, Große Weinmeisterstraße 45, vor. Der Eintritt ist frei. „Extrem gewalttätige Gesellschaften. Massengewalt im 20. Jahrhundert“ ist in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet 39,99 Euro

 

Christian Gerlach, geb. 1963, ist einer der besten Kenner der Geschichte von Massengewalt. In früheren Büchern befasste er sich mit der Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkriegs. kip

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