Kultur : Malen mit Vektoren

Arbeiten autistischer Künstler im Oberlinhaus

Oliver Dietrich

Potsdam - Friedrich Pfeil ist dieser ganze Trubel sichtlich zu viel. Menschen drängen sich, dann das Blitzlicht der Kameras. Neben den Keramiken und Gemälden, die hier im Oberlinhaus in Babelsberg seit Samstag ausgestellt werden, fallen Pfeils Bilder auf, weil sie nicht mit Stift oder Pinsel auf Papier, sondern am Rechner entstanden sind. Sein MacBook hat Pfeil dabei, wie es sich für einen angehenden Informatiker gehört. Seine Figuren bestechen durch Regelmäßigkeit, Form, Farbe – und scharfe Linien. Pfeil aber ärgert sich, in der Einführung wurde irgendetwas von Pixeln erzählt, „das ist doch Mist“, sagt er, „Das sind keine Pixel, das sind Vektoren“, korrigiert er. Vektoren kann man vergrößern, Pixel fallen auseinander.

Er klappt seinen Rechner auf und öffnet das Programm „Illustrator“, mit dem er die Bilder entstehen lässt. Wichtigstes Element, sein Material quasi, sind Zahlen: klicken, einen Wert eingeben, ausrechnen lassen. Beim Ausdrucken der Bilder gibt es natürlich Verluste, aber die gibt es auch schon am Bildschirm: Was die Auflösung betrifft, sei Apple eine Katastrophe, findet Pfeil. Verliebt in Details und Zahlen – das ist oft das Klischee, das bedient wird, wenn es um Autisten geht. Manchmal, so ist das eben mit Klischees, stimmt es sogar. „Ich bin Autist, na und?“, sagt Pfeil später. Eigentlich wirkt er aber wie ein ganz gewöhnlicher Computer-Nerd.

Anna Zietz erzählt viel weniger, eigentlich reicht sie nur kurz die Hand, strahlt – und ist wieder weg. Sie lässt ihre Bilder und Keramiken erzählen, quietschbunt sind die, mit Titeln wie „Mein Vater ist Treckerfan“, „Krankenschwesterkoffer“, „Nackig Mann“ – alles Arbeiten, die durchaus als vergnügliche Avantgarde durchgehen könnten. Ebenso die Bilder von Martina Flohr: Wie lange sie denn an einem Bild so malt, wird sie gefragt. Sie überlegt kurz: „Donnerstag?“, antwortet sie zaghaft. Eigentlich ist es wie immer bei der Kunst: Sie wird geschaffen, um etwas auszudrücken, für das es keine Worte gibt.

Im Berufsbildungswerk des Potsdamer Oberlinhauses gibt es bereits seit einem Jahr regelmäßig Kunstausstellungen, und weil Kunst immer auch Kommunikation ist, bot sich die Idee an, hier autistischen Menschen eine kommunikative Plattform zu bieten. Oder wie Martina Reinke, Vorsitzende des Brandenburger Landesverbandes des Autismus Deutschland e.V., am Samstagmorgen bei der Eröffnung der Ausstellung sagte: „Menschen, die sich nicht wie wir ausdrücken können, sollen ermutigt werden.“ Die Idee des Ermutigens steckt im Namen des Kunstprojektes – „Übermut“ – gleich mit drin. Und Mut brauchen Autisten, um sich der eigenen, ganz speziellen Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft immer wieder neu auszusetzen. Kommunikation fällt Menschen mit dieser Form der Entwicklungsstörung meist schwerer, allerdings sind gewisse kognitive Fähigkeiten oft weitaus stärker ausgeprägt als bei anderen Menschen. Einen Ausflug in die Welt der Autisten können Potsdamer übrigens nicht nur im Oberlinhaus, sondern auch am Hans Otto Theater machen: Im Theaterstück „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ spielt Holger Bülow einen autistischen Jungen, in dessen wunderbarer Welt es sich gut lachen lässt. Oliver Dietrich

Die Kunstausstellung „Übermut“ ist bis zum 30. Mai im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses, Steinstraße 80, zu sehen

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