Made in Potsdam : Was wird kommen?

Das Stück "Ononon“ präsentierte Tanztheater mit Kisten und Objekten beim Festival „Made in Potsdam“.

Astrid Priebs-Tröger
Überraschung aus der Kiste. Clément Layes in „Ononon“.
Überraschung aus der Kiste. Clément Layes in „Ononon“.Foto: promo/Elise Scheider

Potsdam - Wie viele Gemeinsamkeiten, was für ein Kontrastprogramm. „What will come“ hätte als Motto über gleich zwei Produktionen des dritten Tages des Tanzfestivals „Made in Potsdam“ stehen können. Denn sowohl „Ononon“, das am frühen Freitagabend für Kinder ab sechs Jahren im KunstRaum geziegt wurde, als auch „What will come“– eine Inszenierung für Erwachsene in der fabrik – spielte mit Erwartungen und dem Ungewissen. Und mit Objekten, genauer gesagt mit Kisten.

„Ononon“ von Clément Layes mit einer riesengroßen und „What will come“ von Julia B. Laperrière und Sébastien Provencher mit zwei größeren und vielen kleineren Behältnissen. Auf die podestartige Kiste im Kinderstück stellten sich zu Anfang die beiden Performer Cécile Bally und Clément Layes mit der Einladung ans vorwiegend erwachsene Publikum, das Folgende doch bitte mit den Augen von Sechsjährigen anzuschauen.

Dann hopsten Layes und Bally fröhlich in ihre Kiste und mehrmals hintereinander wieder raus. Klappe auf, Klappe zu. Was wird kommen, fragte man sich. Allerlei – neben selbstfahrenden Blumentöpfen und Paketen, einem quietschenden Wischmopp und einer verwelkten Rose auch irgendwann jede Menge Seifenblasen. Immer hin und her zwischen „On“ und „Off“.

Ruhe im Karton?

Irgendwann will Cécile Bally dem unzuverlässigen Hocker und dem ganzen anderen Kram mit einer Axt zu Leibe rücken. Ruhe im Karton? Fehlanzeige. Denn jetzt wirft Clément Layes wie entfesselt jede Menge Bälle, Handschuhe, Kissen und Krimskrams direkt ins Publikum und zieht es so mit ins Spiel. Es folgen Ping Pong, Konfettiregen und fröhliches Chaos. Und dazwischen singen Wir sind Helden „Guten Tag, ich will mein Leben zurück“. Alles zusammen: Wild und anarchisch. Und wieder ein Beitrag zum neuen und inzwischen prämierten „Explore-Dance-Programm“ der fabrik.

Eine strenge Schwarz-Weiß-Ästhetik und spürbare Aseptik herrschte hingegen bei „What will come“. Im Halbdunkel standen im gänzlich weißen Raum zwei verschieden große weiße und viele kleinere Kisten, letztere in Reih und Glied hintereinander. In den großen, die teilweise transparent waren, konnte man nach und nach schemenhaft nackte Körper erkennen.

Elektronischer Klangteppich

Auch bei dem sich anschließenden „Geburtsprozess“ war vorerst vage unbedecktes menschliches Fleisch zu sehen. In Zeitlupe entstanden starke Rückenplastiken, agierten Körper ohne Kopf, nur mit ihren vier Gliedmaßen über den Kistenrand wachsend. Roh und surreal war das. „What will come“ – war die Frage, die man sich nach jeder weiteren Aktion der später aus ihren Kisten gestiegenen schwarz gekleideten Performer stellte.

Nichts von dem, was Julia B. Laperrière und Sébastien Provencher taten, ergab einen „Sinn“, war einigermaßen „logisch“ zu erklären. Sie krochen auf allen Vieren über den Boden, kurz synchron, dann in entgegengesetzte Richtungen. Er berührte die in Reih und Glied stehenden kleinen Kartons, sie stellte sie kurz darauf schräg hin. Ihr späteres, immer hektischer werdendes Kistenstapeln wurde eher durch den anschwellenden elektronischen Klangteppich von Braulio Bandera als durch eigene Emotionen angeheizt.

Denn solche scheinen bei beiden Figuren nicht zu existieren oder sie werden unter dem Deckel gehalten, während gleichzeitig ein opulentes Farbenspiel in rosa (Lichtdesign: Nicola Dubois) explodierte und ähnlich wie im Kinderstück immer mehr Kram – hier: Ordner, weiße Blätter und bunte kleine Steine – den Kisten entwichen. Und die Tänzer langsam mehr und mehr im Chaos versinken. Um sich diesem zu entziehen, kroch sie unter den schwarz-weißen Teppich im Hintergrund und er baute am Bühnenrand mit bunten Steinen kleine Pyramiden.

Bestechend an „What will come“ war die Synthese der bildnerischen und der Soundwirkung und dass es mit großer Konsequenz Erzähl- und Darstellungsgewohnheiten unterläuft. Doch stärker als die Wirkung der Objekte blieben die menschlichen Körper-Plastiken in der Erinnerung haften, die auch ganz am Ende der exzentrischen Performance förmlich mit Licht und dem Boden verwoben zu sein schienen. 

>>Vollständiges Programm zu "Made in Potsdam" auf  www.fabrik.de
 

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