• Lyrik made in Potsdam: Wer viel weint, muss nicht so oft aufs Klo

Lyrik made in Potsdam : Wer viel weint, muss nicht so oft aufs Klo

Das Debüt der Lyrikerin Andrea Lütkewitz.

Grit Weirauch

Mit literarischen Debüts ist es so eine Sache: Oft kommen sie ganz laut daher, knallen einen neuen Ton und eine ganz neue Erzählweise auf den Tisch, sodass allen, Lesern, Verlegern und nicht zuletzt dem Autor, regelrecht schwindlig werden kann. Bei Lyrikdebüts passiert so etwas nicht, sie sind viel leiser, bleiben oft ungehört. Schwindlig werden kann einem aber durchaus. Denn der Charme solcher Bücher liegt in dem Werden, das man als Leser begleitet: Da erblickt etwas das Licht der Welt, was vielleicht noch nicht fertig ist, aber doch schon über sich hinausweist und einen ganz eigenen Zauber hat.

Andrea Lütkewitz’ Erstveröffentlichung ihrer Gedichte unter dem Titel „Nuss Schalen Bruch“ ist so ein Lyrikband. Im Eigenverlag erschienen, recht schmal und springt doch ins Auge: In dunklen Blautönen ist das Cover gestaltet, wie düstere Wasser- oder Wolkenbewegungen sieht das aus, hingetuscht von der Potsdamerin Zeichnerin Susanne Laser. Es ist das erste gemeinsame Buchprojekt zwischen Laser und der 1975 in Leer/Ostfriesland geborenen und seit 1998 in Potsdam lebenden Andrea Lütkewitz, die auch für diese Zeitung schreibt.

Das Buch beginnt mit einem Satz, der wohl von der Oma stammt – und der ein Gedicht ist: „Wer viel weint, muss nicht so oft aufs Klo.“ Dieser Spruch, in seiner großmütterlichen Weisheit und Zärtlichkeit, gibt genau auch die leise Melancholie vor, die das Bändchen durchzieht. Der erste Teil des Bandes ist mit „Wurzeln“ betitelt, die Gedichte sind neben „Oma“ mit „Mutter E.“, „Vater“, „Kind“ und „Was blau ist“ betitelt. Lasers Zeichnung dazu zeigt ein Mädchen mit Pferdeschwanz, mit feinem Strich, sparsam nur ausgemalt, nur die Lippen, Wangen und Haar sind in Rottönen, dem Mädchen steht jemand auf dem Kopf, mit Füßen und Beinen. Als ob die Wurzeln im Kopf eingepflanzt sind.

In dem Gedicht Mutter E. klingt das Thema an einer Stelle so: „Ich und dein Mageninhalt,/ wogend faulweich,/ wir bilden Schwimmhäute/ Unbrauchbar an Land/ Schorf und fort.“ Das Motiv des Weiterziehens, des Weggehens tritt auch in anderen Gedichten immer wieder zu Tage – und auch die Einsamkeit, die daraus erwächst: „Wilder als ich wusste,/ bin ich gewesen,/ in keinem eurer Gärten/ aufgeblüht (...) Heute sagt ihr:/ Eine Davongelaufene/ ist ohne Recht,/ sich einsam zu fühlen“.

Zwischen Abgrenzung und Zuwendung bewegen sich die Zeilen und legen tiefere Seelenschichten frei. Das gelingt Andrea Lütkewitz meist mit sehr schönen Bildern und Wort- und Silbenklängen. So auch in den Teilen des Bandes „Wasser“ und „Wir“ – mit Natur- und Liebeslyrik. Da heißt es in einem Gedicht, eine Segeltour durch die Gefilde von Freundschaften und Liebeswerben: „Brautkleider in den Achseln,/ eilt ihr ins Land, während ich/ Herzmärkte backbord,/ blaue Flecken in den Schürzen,/ schuppige Abschiede/ in alte Zeitungen einpacke“.

Manchmal aber gewinnt die Vorliebe der Autorin für Wortgetürme die Überhand. Dann stapeln sich Bilder in ihrer Vielzahl und Gegensätzlichkeit auf und verschränken sich ineinander wie Bauklötze. Den Gedichten – und dem Leser – bleibt da der Atem weg, und der Zugang zu einem Gefühl oder einfach nur einer Stimmung versperrt. Und auch noch nicht jeder Rhythmus sitzt, manche Zeile holpert, ob das nun gewollt ist oder nicht, ist dabei egal, das Gedicht gerät aus dem Tritt, als ob die Autorin ihre Stimme noch nicht ganz gefunden hat. So überzeugen nicht alle Texte gleichermaßen. Aber das müssen sie ja auch nicht. Denn schließlich ist es Lyrik und außerdem ein Debüt.

In jedem Fall ist Andrea Lütkewitz mit „Nuss Schalen Bruch“ ein überaus lesenswerter Anfang geglückt. Auch sehenswert ist der Band allemal, dank der wunderbaren Zeichnungen von Susanne Laser, die die Sinne noch mehr für die Gedichte weitet. 

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— Andrea Lütkewitz:Nuss Schalen Bruch. 23 Gedichte, illustriert von Susanne Laser, Potsdam 2018, 12 Euro

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