• Lustvoll Grenzen überschreitend Deutschlandpremiere von Jess Curtis in der fabrik

Kultur : Lustvoll Grenzen überschreitend Deutschlandpremiere von Jess Curtis in der fabrik

Astrid Priebs-Tröger

Als die Zuschauer am Freitagabend in die fabrik eingelassen werden, ist vieles anders als sonst. Der Bühnenraum ist hell erleuchtet und fünf Darsteller liegen lange bevor es losgeht, rücklings ausgestreckt auf dem weißen Tanzteppich. Zwischen ihnen stehen vorwiegend weiße Gegenstände, die als Interieur einer Wohnung gelten können. Doch Kühlschrank, Badewanne, Klobecken, Spiegel, Schaufensterpuppe oder Fahrrad könnten auch einfach auf die Straße gestellt worden sein. Man weiß es nicht. Dazu hängen jede Menge Seile über dem Bühnen- und Zuschauerraum, an denen Hände, Stiefel, Schlittschuhe oder Boxhandschuhe befestigt sind, auch eine halbe menschliche Büste liegt im Publikumsbereich.

Was dann in den nächsten zwei Stunden passiert, kann man am ehesten als lustvoll grenzüberschreitendes Laboratorium charakterisieren. Der amerikanische Performancekünstler und Choreograf Jess Curtis kennt keine Berührungsängste. Für seine Produktion „Dances for non/fictional bodies“, die am Freitag in der fabrik Deutschlandpremiere feierte, hat er ein internationales Team aus Verwandlungskünstlern und Rollenspielern, multidisziplinären Performern, die im Tanz genauso wie im klassischen Gesang zu Hause sind, als auch Zirkusartisten und Musiker (Matthias Herrmann) versammelt. Diese sechs Künstler gehen, wie man im Programmheft nachlesen kann, in ihrem mehrteiligen Projekt, zu dem auch Filmvorführungen und Diskussionen gehören, unter anderem der Frage nach, „wie unsere Vorstellungen und unsere Körper aufeinander einwirken?“ Curtis interessiert dabei nicht nur der „perfekte“ menschliche Körper, sondern er arbeitet auch in diesem Projekt gleichberechtigt mit Menschen, die von der sogenannten Norm abweichen, zusammen.

Die britische Tänzerin Claire Cunnigham, die als fragiler schwarzer Schwan an Krücken 2008 das Publikum bei den Potsdamer Tanztagen begeisterte, gehört jetzt zu Curtis Truppe und zeigt einmal mehr, wie wenig die Klischees über Menschen mit Behinderungen der Wirklichkeit standhalten. Es ist zudem viel spannender und berührender Cunnighams Bewegungen mit und ohne Krücken zuzuschauen, als das endlose Radeln von Curtis durchtrainiertem Körper auf einem Standfahrrad zu folgen oder ihn beim Gewichtheben zu beobachten.

Das Spiel mit Geschlechterrollen und –identitäten beherrschen Maria Francesca Scaroni und Bridge Markland meisterlich, die auf offener Szene zwischen männlich und weiblich, hässlich oder verführerisch wechseln. Das alles geht ineinander über, sodass es schwer fällt, sich im Einzelnen daran zu erinnern. Viele Verwandlungen geschehen zeitgleich, haben direkt nichts miteinander zu tun und ergeben schon gar keine Geschichte mit rotem Faden. Stattdessen ist man Zeuge unzähliger paralleler Sequenzen, die sich wie ein verrückt-rotierender Traum anfühlen.

Curtis selbst zeigt immer wieder seinen Modell-Körper, um ihn wenig später sekundenschnell altern zu lassen, indem er in Bademantel und Schlafanzug mittels Gehhilfe zum Klobecken schlurft. Und wenn er dann kopfüber in diesem steckt und dazu „Light my Fire“ von „the Doors“ eingespielt wird, ist das komisch und irritierend zugleich, aber nicht zu erklären. Genauso wie, wenn Claire Cunnigham großartig Bachs Kantate „Christ lag in Todesbanden“ singt und dabei mit Kopfschutz, wie ihn Boxer tragen, in der Badewanne sitzt.

Auch all die anderen „Experimente“ von Jörg Müller, der mal einen Striptease hinlegt oder mit einem Plüschhasen als übermächtigem Geschlechtsteil auftritt, blitzen kurz auf, hinterlassen aber wenig Spuren. Die vielen im Programm geäußerten Fragen verschwinden hinter der atmosphärisch dichten, surreal anmutenden Performance mit vielen überraschenden Bildern, die an einigen Stellen aber leider überfrachtet und auch insgesamt etwas zu lang geraten ist.Astrid Priebs-Tröger

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