Kultur : Luise im Glück

Im Königlichen Musterdorf Paretz wartet das Schloss Still-im-Land auf Besucher

Foto: SPSG/ Hans Bach

Hier gibt es kein Schlangestehen und kein Gedränge: weder vor Luises Klavier noch vor dem Porzellan-Nachttopf Friedrich Wilhelm III. In diesem Schloss kann sich der Besucher majestätisch ausbreiten. Das Ankommen fällt indes weniger herrschaftlich aus. Die Frage „Wo ist denn das Schloss?“ kennen die Paretzer zur Genüge. Und fürwahr: Der Sommersitz des preußischen Königspaares nimmt sich eher bescheiden aus. Selbst die Hauptstraße macht einen Bogen drum herum. Und der sonnengegerbte graue Rasen vor dem „Schloss Still-im-Land“, wie Fontane das Herrenhaus einst nannte, macht derzeit auch wenig Staat.

Doch der äußere Schein trügt. Der Traum vom Landschloss, dem die Baumeister David Gilly und Sohn Friedrich eine schlichte Fassade gaben, trägt im Inneren die süßesten Früchte. Auf den prachtvoll bemalten Papiertapeten wuchert es wild und farbenfroh die Wände hinauf. Kaiserkronen und Schwertlilien, Vogelbeeren und Trauben, Rosenstämme und Passionsfrüchte – ein wahres Dickicht wächst und leuchtet den Gästen entgegen. Davor stehen fein gedrechselte Mahagoni-Möbel. Damals der letzte Schrei. Auch türkischer Weizen, schlicht Mais genannt, schmückt die Wände. So wie auch auf den weiten Feldern, die die Straße säumen, wenn man bei dem Dörfchen Uetz von der B273 abbiegt und schnurstracks ins lauschige Grün eintaucht.

Königin Luise und ihr Gemahl haben es sich hier in Paretz offensichtlich gutgehen lassen. Neun Jahre Sommerglück, bevor die Napoleonischen Kriege drüber ritten. Noch als Kronprinz kauft Friedrich Wilhelm für 85 000 Taler das ganze Dorf – und lässt es abreißen. Es zeigt sich anno 1797 in einem miserablen Zustand. Wie viele Dörfer nach dem 30-jährigen Krieg. Doch dieses kleine Anwesen – eine gute Kutschenstunde von Potsdam entfernt – steigt in die erste Liga auf. Der König baut es nach modernsten Erkenntnissen wieder auf. Vorbei die Zeit, als die Ziege neben der Babywiege schläft. Es gibt nun Ställe fürs Vieh und Brandschutzgassen zwischen den Häusern. Wer heute übers Paretzer Kopfsteinpflaster fährt, spürt noch immer das Städtische am Anger, das Abgezirkelte der Vierseitenhöfe im königlichen Musterdorf, das aber nicht nur Kulisse ist. Das Leben ist inzwischen irgendwie entwichen. Kaum eine Seele ist an diesem Vormittag mitten in der Woche unterwegs. Nur zwei Kinder queren mit Pferd die Straße. Der große Parkplatz ist verwaist.

Gut 200 Jahre früher, im Jahr 1802, fahren an nur zwei Tagen 75 Kutschen vor: die königliche Familie mit einem gut 200-köpfigen Hofstaat, den Köchen und Lakaien, dazu Kisten voller Kleider und Geschirr. So steht’s geschrieben. Hier, im nahen Havelland, kann die steife Etikette an der Haustür abgelegt werden. Die Hochsteckfrisur mit dem geflochtenen Kranz muss natürlich dennoch sitzen, wenn es im Damensattel zum Ausritt geht oder sogar ein Tänzchen mit den Bauern auf der Tenne beim Erntedankfest gewagt wird. „Ich kann es kaum erwarten, dass es nach Paretz geht“, schreibt Luise ihrem Vater, dem Herzog von Mecklenburg-Strelitz. Hier kann die hübsche junge Frau ausgelassen Federball und Billard spielen, singen und musizieren, sticken und auch kegeln auf der eigenen Bahn. Ja, es gibt sogar ein gemeinsames Schlafgemach: das Blaue Zimmer. Undenkbar im Kronprinzenpalais zu Berlin. Das Paar findet dennoch zueinander: hier wie dort. Zehn Kinder bringt Luise zur Welt, sieben davon werden erwachsen. Nicht immer reist die ganze Familie in die Paretzer Sommerfrische. Die Erzieher bestimmen mit, welche Kinder dürfen, welche nicht. Vielleicht ist Luise mal ganz froh über die Ruhe, um den eigenen Neigungen nachzugehen.

Im kleinen Park hinterm Haus hat sie sich ein Refugium, einen sentimentalen Landschaftsgarten, schaffen lassen, der dem Neuen Garten in Potsdam ähnelt und die Seele weitet. Vielleicht kommt sie hier auch zum Lesen, was der holde blässliche Gatte nicht gern sieht. Bis zur Havel kann sie blicken. Einige Bäume könnten davon noch erzählen. Inzwischen versperren sie die Sicht. Damals sitzt es sich schön auf dem Grottenberg, dem künstlichen Hügel mit Tempelruine, Grotte und japanischem Pavillon. In den 1960er-Jahren wird dieser Hügel zugeschüttet, um jetzt wieder freigelegt zu werden.

In und um das Schloss türmen sich Erinnerungsfetzen. Der frühe Tod der 34-jährigen Königin ließ 1810 Stille in das Schloss ziehen und zugleich ihren Nachruhm sprießen. Der König lebt hier seine Trauer aus. Schließlich beschließen die Kinder, dass Paretz zum Familienmuseum wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten Russen den Landsitz, Umsiedler kommen, später ziehen eine Bauernhochschule und die Verwaltung der Tierproduktion Paretz ein. Vieles geht durch die Zeiten verloren: durch Kunstraub und Vandalismus.

Aber die kostbaren Papiertapeten, gefertigt unter anderem in der Tapetenmanufaktur im Jagdschloss Glienicke, gelangen 1948 ins Neue Palais und damit in Sicherheit. Ruth Cornelsen, Verlagschefin, bezahlt die Restaurierung und gibt damit Ende der 1990er- Jahre die Initialzündung, dass sich die Stiftung Schlösser und Gärten wieder auf das Schmuckstück am Rande der Stadt besinnt und ihm den königlichen Charme zurückgibt.

Vielleicht öffnet irgendwann auch ein Café im Schloss, um so, wie einst Luise, Teestunde halten zu können. Mit der Gastronomie ist es nicht weit her in der Dorfidylle. Dafür grasen Pferde auf der Weide hinterm Park. Und im Frühling breitet sich der Nickende Milchstern wie ausgegossene Milch über den Rasen aus. Jetzt, im Sommer, lohnt der Abstecher zum Fährhaus Ketzin. Dort gibt es Fischsuppe – und den freien Blick auf die Havel gratis dazu. Ganz in majestätischer Stille.

Lichte Tage, laue Nächte: Die perfekte Zeit, um auszuschwärmen. In unserer Sommerserie stellen wir Orte in der Mark vor. Kommenden Mittwoch geht es zu den Dommusiken nach Brandenburg