• Literaturwissenschaftler hinterfragt Autoren: Hatte Theodor Fontane Stil?

Literaturwissenschaftler hinterfragt Autoren : Hatte Theodor Fontane Stil?

Heinrich Böll und Peter Handke lässt er aus, Theodor Fontane verreißt er. Literaturwissenschaftler Michael Maar sprach im Potsdamer Einstein Forum über Stil in der Literatur und stellte eine unbekannte Autorin vor. 

Literaturwissenschaftler Michael Maar beschäftigt sich mit dem Stil der großen Autoren. 
Literaturwissenschaftler Michael Maar beschäftigt sich mit dem Stil der großen Autoren. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Potsdam - Theodor Fontane schreibt wie Wassermelonen schmecken. Ungefähr so beschrieb es der Literaturwissenschaftler Michael Maar am Dienstagabend im Einstein Forum. Dort stellte er erste Passagen seines Buchs „Eine Frage des Stils. Gute Prosa von Goethe bis Herrndorf“ vor, das im Herbst dieses Jahres bei Rowohlt erscheinen soll. Darin untersucht er – wie der Titel schon verrät – den Schreibstil und -ton berühmter Autoren, vornehmlich aus dem deutschsprachigen Raum. Fontane kommt dabei weniger gut weg.

Dabei habe er gar nichts gegen den märkischen Autor, betonte Maar. Es sei vielmehr der Fontaneton, der irgendwie immer gleich klingt: „Es ist wie mit Wassermelonen, an denen man an sich nichts auszusetzen hat, an denen man sich aber irgendwann überisst.“ Besonders in der wörtlichen Rede finden sich laut Maar viele Wiederholungen. Als Beispiel bringt er eine doch-oder-Satzkonstruktion, die sehr häufig in Fontanes Werken zu finden ist. „Aber es bleibt doch dabei, sie sind sich gleich oder wenigstens sehr ähnlich“, heißt es im Roman „Quitt“ und Maar findet noch viele weitere Beispiele, die fast gleich klingen. 

Auch Goethe wird auseinandergenommen

Auch mit dem Ende der Hauptfigur des „Stechlin“ ist der Literaturwissenschaftler nicht ganz einverstanden. Stechlin seufzt kurz vor seinem Tod: „Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang.“ „Seufzt man wirklich so?“, fragte Maar am Dienstag und bemerkte außerdem, dass Fontanes Figuren fast nie etwas „sagen“, sondern immer etwas „seufzen“, „lachen“ oder dergleichen. Der im letzten Jahr groß gefeierte brandenburgische Dichter, ist nicht der einzige, der von Maar so auseinandergenommen wird. Auch Johann Wolfgang Goethe oder Friedrich Hölderlin müssen einiges an Kritik einstecken. 

Als „Literaturdetektiv“, der im Prinzip sein ganzes Leben lang für dieses Buch gelesen habe, bezeichnete Eva Menasse Michael Maar am Dienstag. Die Schriftstellerin, die Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Einstein Forums ist, moderierte den Abend und stellte gleich zu Beginn die entscheidende Frage: Lässt sich Stil überhaupt definieren? „Dieser Frage weiche ich auf 700 Seiten aus“, gibt Maar auch prompt zu. Natürlich sei Stil nichts Messbares, aber jeder Autor habe doch seinen eigenen Fingerabdruck. „Das Geheimnis des Stils kann man nicht fassen, aber man kann sich sehr wohl damit befassen“, sagte er. Und unterscheiden, wer ein großer Stilist ist und wer nicht – das könne man sowieso. Michael Maar ist für seine Arbeiten selbst schon mehrfach ausgezeichnet worden, mit seiner Entdeckung eines deutschen Vorbildes von Nabokovs „Lolita“ sorgte er 2004 für eine langanhaltende Debatte. 

Schriftstellerin Eva Menasse moderierte den Abend.
Schriftstellerin Eva Menasse moderierte den Abend.Foto: Andreas Arnold/dpa

Heinrich Böll und Peter Handke spielen keine Rolle

Sein im Herbst erscheinendes Buch ist dabei keineswegs eine trockene, wissenschaftliche Abhandlung. Im Gegenteil: Die im Einstein Forum vorgetragenen Auszüge bestachen durch einen plaudernden, unterhaltsamen Ton. Anhand vieler Textbeispiele widmet er sich der Kunst der bewussten Wiederholungen, der schon angesprochenen wörtlichen Rede oder auch dem Jargon bestimmter Autoren. Außerdem hat Maar 50 Autorenporträts geschrieben, die Biografien und Werke verknüpfen. 

Wonach er seine Protagonisten ausgewählt habe, wollte Menasse wissen. „Nach Vorlieben und Abneigungen“, antwortete Maar und fügte hinzu: „Fünfundvierzig von den fünfzig finde ich wirklich prima.“ Auch das ist so erfrischend bei ihm: Er schont die großen Namen nicht, ja lässt sogar einige gänzlich weg. Heinrich Böll zum Beispiel oder auch Peter Handke. „Ich lebe mit dieser Lücke“, so der Literaturwissenschaftler schlicht.

Unbekannte Frauen der Literatur

Dafür schafft er Platz für schreibende Frauen. Für bekannte wie Hildegard von Bingen oder Annette von Droste-Hülshoff, aber auch für unbekanntere wie Johanna Schopenhauer oder Rahel Varnhagen von Ense. Letztere betrieb zwischen 1790 und 1806 einen literarischen Salon, den berühmte Gäste wie Ludwig Tieck, die Humboldtbrüder oder Friedrich Schlegel besuchten. 

Da es Frauen lange nicht möglich war, sich im eigentlichen Literaturbetrieb, also mit dem Schreiben von Romanen, durchzusetzen, blieben ihnen Tagebuch und Briefe. So auch bei Rahel Varnhagen von Ense, die eine geniale Gesprächspartnerin gewesen sein soll und ihre Texte „originell, klug und mit Stil“ verfasste, wie Maar betonte. „Sie ist die deutsche Virginia Woolf.“ Pointierte Briefzeilen wie „Lieben ist ein außerirdisches Verhältnis“ oder „Ich lebe noch. Nun wissen Sie alles“ zeugen davon – und lassen garantiert nicht an Wassermelonen denken. 


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