• Literaturfestival "Lit:Potsdam": Von Brüchen und Kitt

Literaturfestival "Lit:Potsdam" : Von Brüchen und Kitt

Es geht um „Über Lebensstrategien“ und Martin Walser kommt: Das diesjährige Festival „Lit:Potsdam“

Ariane Lemme
Mann für Debatte. Mit Martin Walser kommt einer der umstrittensten deutschen Schriftsteller zu „Lit:Potsdam“.
Mann für Debatte. Mit Martin Walser kommt einer der umstrittensten deutschen Schriftsteller zu „Lit:Potsdam“.Foto: dpa

Warum ausgerechnet Martin Walser? Das Literaturfestival „Lit:Potsdam“, das in diesem Jahr zum dritten Mal in Potsdam stattfindet, will eigentlich immer einen thematischen Bezug zu Brandenburg herstellen. Aber zugleich eben auch: Immer einen der ganz großen Schriftsteller einladen, jemanden, der durch die Wucht seiner Sprache, aber auch durch die Wucht seines Namens glänzt.

Daran ist ja nichts verkehrt. Trotzdem hätte man sich, als am gestrigen Donnerstag das Programm für das diesjährige Festival vorgestellt wurde, einen zwingenderen Grund gewünscht für die Einaldung Walsers. Ein wenig mehr als: Wir wollten einen prominenten Schriftsteller, der als „Writer in Residence“ für mehr als einen Tag nach Potsdam kommt.

Sie sei seit Jahren mit Walser verbunden, sagt Lavinia Frey von der Kultur- und Konzeptagentur Graf und Frey, die das Programm für das Festival zusammengestellt hat, das vom 3. bis 5. Juli stattfindet und bei dem wieder rund 3000 Besucher erwartet werden. Doch auch das ist noch kein wirklich triftiger Grund, einen der umstrittensten deutschen Autoren der Gegenwart einzuladen. Auch wenn er sich zuletzt von seiner Paulskirchenrede aus dem Jahr 1998 – in der er eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ abgelehnt hatte – distanziert hat. „Mit 88 Jahren noch so beweglich im Kopf zu sein, nicht zu verknöchern und noch mal umzudenken, das ist schon eine Leistung“, sagt Lavinia Frey. Und natürlich braucht ein Festival, braucht Literatur das Potenzial zur Reibung, zum Streit um das, was zählt, was schmerzt. Ein Schriftsteller, der sich nicht vorwage, sich nicht exponiere mit einer Position, so Frey, löse auch keine Debatten aus.

Darum aber geht es den Veranstaltern, dem Verein „Lit:Potsdam“. Deshalb darf in diesem Jahr auch das Thema Russland und Ukraine nicht fehlen, den Orten in Europa, an dem Menschen derzeit um – so heißt es im Programm – „ihre Heimat und nationale Identität“ kämpfen. Und klar, Schriftsteller können mit ihrem ureigensten Material – der Phantasie, mit der sie die Realität oft in ein klareres Licht rücken – dem Denken eine neue Richtung geben.

„Über Lebensstrategien“ heißt deshalb ein Programmpunkt, bei dem es nicht allein um den Krieg in der Ukraine geht – aber auch. Die beiden Berliner Autorinnen Kirsten Fuchs und Regina Scheer, beide aufgewachsen in Ostdeutschland, lesen gemeinsam mit Sherko Fatah, deutscher Schriftsteller mit irakischen Wurzeln, und der Ukrainerin Katja Petrowskaja. In Umbrüchen tummeln sich eben die stärksten Geschichten. Davon wird auch Adriana Altaras, kroatische Tochter jüdischer Partisanen, erzählen können, die zusammen mit der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron unter dem Titel „Globalisierte Heimat“ liest.

Mit dem Kitt, der bei so viel Brüchigem, Sichwandelndem alles zusammenhalten kann, beschäftigen sich der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schierach und Harald Martenstein, die unter dem Label „Würde und andere Werte“ aus ihren Büchern lesen werden. Denn egal, wie fremd das Leben einem manchmal wird, die Würde, die eigene und die der anderen, muss eben immer unantastbar bleiben. Auch, wenn von Schierachs jüngstes Buch das Gegenteil behauptet.

Damit das alles nicht vergebene Mühe ist, stellt „Lit:Potsdam“ auch in diesem Jahr ein breites Programm für Kinder und Jugendliche auf die Beine – und geht damit erstmals auch direkt in die Schulen. Das seien, so die Veranstalter, zwar quasi nicht-öffentliche Lesungen, aber „genau dort erreichen wir die meisten“. Und wenn pro Klasse auch nur ein Kind erkenne, dass beschriebenes Papier nicht tot ist, dass dahinter immer ein sehr lebendiger Kopf steckt, haben sich die insgesamt 60 000 Euro Förderung, die Stadt und Land dem Festival zu je gleichen Teilen zukommen lassen, vielleicht schon gelohnt.

Das gesamte Programm im Internet unter www.litpotsdam.de