• Literaturfestival "lit:potsdam": Martin Walser: „In der Liebe habe ich nichts dazugelernt“

Literaturfestival "lit:potsdam" : Martin Walser: „In der Liebe habe ich nichts dazugelernt“

Martin Walser eröffnet am heutigen Freitag das Literaturfestival "lit:potsdam". Am Samstag liest der 88-Jährige aus "Ein liebender Mann". Ein Gespräch über die Zustände der Seele mit dem umstrittenen Autor.

Ariane Lemme
Martin Walser: "Gelassenheit wäre schön. Aber mit dem Alter wird es auch nicht besser."
Martin Walser: "Gelassenheit wäre schön. Aber mit dem Alter wird es auch nicht besser."Foto: Patrick Seeger/dpa

Herr Walser, wenn Sie morgen in Potsdam lesen, dann soll es um nicht weniger gehen als die „Vermessung der Liebe“.

Der anspruchsvolle Titel kommt von den Veranstaltern, das könnte ich natürlich nie anbieten – die Liebe vermessen. Ich muss auch ganz klar sagen: Ich habe noch nie über die Liebe geschrieben, sondern immer aus Liebe. Bitteschön, das ist ein Unterschied – und auch ein viel größerer Anspruch. Denn das bezieht sich ja nicht nur auf die Liebe zwischen Männern und Frauen. Auch männliche Figuren kann ich nicht entwickeln, nicht erzählen, wenn ich sie nicht liebe.

Was bedeutet das konkret?

Der krasseste Fall war Reich-Ranicki. Ich hätte den Roman („Tod eines Kritikers“, Anm. d. Red.) nicht schreiben können, wenn ich ihn nicht geliebt hätte. Wenn ich monatelang mit einer Figur beschäftig bin, dann habe ich nichts mehr gegen sie.

Ihre Kritiker haben das anders gesehen.

Opportunistische Zeitgenossen haben mir das als Antisemitismus ausgelegt. Ich gebe zu – und das ist vielleicht das Einzige, was diesen Sturm auf mich verständlich macht –, dass das Buch im Nachhall meiner Paulskirchenrede erschien. Ich habe meine Sprache angewandt, von Schande, nicht von Schuld gesprochen – und mein Ergebnis war: Das Gewissen ist nicht delegierbar. Du kannst nicht andere für dich Auschwitz bedauern lassen. Du bist gefragt. Das darf ich immer noch sagen.

Sie wurden also immer nur missverstanden?

Ich habe den Fehler gemacht, an einer Stelle keine Namen zu nennen. Als ich von der Instrumentalisierung Auschwitz’ sprach, bezog Ignatz Bubis das auf die jüdischen Probleme – ich meinte aber Jens und Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung ist eine Strafe für Auschwitz. Das war Auschwitz natürlich nicht, die Teilung war das Interesse der Siegermächte. Aber dazu muss man geschichtlich denken – was Schriftsteller ungern tun.

Also ist es immer die Liebe, die Ihre Grundvoraussetzung fürs Schreiben ist?

Das ist vielleicht sogar ein ernst zu nehmender Mangel bei mir, dass ich nicht ohne Liebe schreiben kann. Schreiben, das ist, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist. Und das ist Liebe, die vergrößert. Sie ist aber auch eine Selbstverblendung.

Aber aus Hass schreiben, das geht nicht?

Das ist mir nicht gegeben.

In „Ein liebender Mann“, aus dem Sie in Potsdam lesen, haben Sie sich mit der Liebe des 73-jährigen Goethe zu der 19-jährigen Adligen Ulrike von Levetzow beschäftigt. Aus reiner Liebe zu Goethe?

Ich habe eines Tages morgens um 5 Uhr mit dem Schreiben angefangen, ich konnte nicht anders. Das ist aber immer so bei Romanen, dass du eine Anziehungskraft von etwas spürst. Ich war selber gespannt, wie das gehen kann, mit der Liebe, ich wusste das doch nicht. Also hab ich alles Mögliche passieren lassen, bis sich zum Schluss herausstellte: Es geht nicht.

Haben sie sich – trotz der Quellenlage, die ja zeigt, dass Ulrike von Levetzow Goethe eine Abfuhr erteilte, vorbehalten, vielleicht einen Ausweg für seine Liebe zu finden?

Natürlich, das habe ich immer gehofft, aber ich wusste eben nicht, wie. Ich war soweit informiert, dass es keine Briefe von Goethe an Ulrike gab. Das muss man sich vorstellen: dieser unendliche Briefschreiber! Gegen Ende bin ich, weil ich ein pedantischer, pflichthöriger Mensch bin, noch nach Marienbad gefahren, ich wollte diesen Blick von der Goethe-Wohnung hinüber zum Haus der Levetzows. Der Mann, der mich dort herumführte, schenkte mir dann ein Buch von 1902, aus dem hervorging, dass Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod Briefe von Goethe – und von einem Zweiten – verbrannt hat und somit mit ins Grab genommen hat.

Hat das etwas für Sie verändert?

Das fand ich ungeheuer befreiend – ich konnte also schreiben, was ich wollte. Schreiben macht ja von selbst jeden kühn, so sehr, wie man es sich gar nicht vorstellen kann, wenn man gerade nicht schreibt. Also habe ich die Goethe-Briefe geschrieben, das muss man sich mal vorstellen. Aber damals war es mir gar kein Problem.

Wo wir schon bei der Fiktion sind: Haben Sie beim Schreiben für sich eine Antwort darauf gefunden, ob sie ihn je zurückgeliebt hat? Auch hier sprechen die Quellen ja eher dagegen.

Für mich hat sie geliebt, auch wenn auf diese, euch vielleicht unzugängliche Art, auf die eine 19-Jährige einen 73-Jährigen liebt. Also ja: In meinem Buch hat sie ihn geliebt. Auf dem Fest etwa ist er ja auch eifersüchtig wie ein 20-Jähriger.

Diesen Nebenbuhler haben Sie ebenfalls erfunden. Weil es ohne Eifersucht einfach nicht geht in der Liebe?

Ja, die gehört dazu. Und natürlich gab es damals diese Feste, auf denen Goethe mit Ulrike war, auf denen es auch ganz andere, junge, strahlende Kerle gab. Die sicher auch mit Ulrike tanzten.

Wird man mit dem Alter nicht gelassener?

Ich könnte mich aus der Affäre ziehen und sagen: Mit dem Alter wird alles schlimmer. Aber das stimmt nicht. Es wird allerdings auch nicht besser. Ich muss sagen: Ich habe nichts dazugelernt – Liebe ist Liebe. Gelassenheit wäre schön, das bleibt aber eine Wunschstimmung. Die erlangt man allenfalls nach dem Schmerz. Durch den muss man aber durch.

Den großen Altersunterschied – alter Mann liebt junge Frau – haben Ihnen manche Kritiker als zu klischeehaft übel genommen.

Ja, aber als ich „Lebenslauf der Liebe“ schrieb, in dem eine ältere Frau einen jüngeren Mann liebt, haben sie das dann nicht thematisiert.

Ihrem alten Goethe haben Sie den Satz in den Mund gelegt: Lieben darfst du noch, aber du musst dich daran gewöhnen, nie mehr geliebt zu werden. Ist es wirklich so bitter?

Zu dieser Stimmung musste ich ihn kommen lassen. Denn selbst wenn Ulrike ihn geliebt haben sollte, dann zweifellos nicht so, wie er sie. Man darf auch nicht vergessen: Er hat unter ihrem Einfluss die „Marienbader Elegie“ geschrieben. Wer das nur vom Durchlesen kennt, der hat keine Ahnung, die hatte ich auch nicht, bis ich es mir einmal laut vorgelesen habe. Das ist so eine mitteleuropäische Erledigungsart – er schreibt das größte Liebesgedicht der deutschen Literatur – und das ist es dann.

Das heißt, Schreiben ist immer nur eine Kompensation für die fehlende Liebe?

Ein Mensch ist ja ein Haus mit vielen Stockwerken. In einem schreibt er die „Elegie“, in einem anderen ist er völlig blank vor Schmerz, weil sie an ihm vorbeifährt. Beides zugleich. Natürlich kann er sich immer wieder in seine „Elegie“ flüchten, aber damit muss er trotzdem fertigwerden. Insofern ist dieses Privileg von Schriftstellern, von Malern, sich ausdrücken zu können, kein Betäubungsmittel. Aber ich kann jetzt, heute, gerne an dieses Buch denken, das ich ja auch nicht ohne Anlass geschrieben habe.

Was war der Anlass?

Das muss ich nicht sagen, dazu habe ich ja das Buch geschrieben.

Aber, gäbe es denn überhaupt Literatur, wenn alle immer glücklich verliebt wären?

Der Schmerz, das darf man schon so nennen, ist die universale Bedingung des Daseins. Und wer im Ausdrucksgewerbe beschäftigt ist, der lebt davon, dass es den Schmerz gibt. Mir fällt ein, was mir fehlt. Wenn ich immer alles hätte, wäre ich ja blöd, wenn ich schriebe. Das klingt vielleicht komisch, aber wir Schriftsteller haben ja nichts Positives, wie etwa die Relativitätstheorie, anzubieten.

Den Schmerz zu teilen ist nichts Positives?

Es gibt verschiedene Vertröstungen, man darf aber auch nicht unterschätzen: Die handwerkliche Arbeit an so einem Buch ist etwas unglaublich Schönes. Ich bin ja kein Goethe-Fachmann, meine Legitimation, trotzdem über ihn zu schreiben, war nur der Schmerz. Ich wusste, wie das wehtut, wenn man etwas nicht hat. Und dann fiel mir das Thema wie von selbst ein.

Thomas Mann hat sich an den Stoff „Goethe und Ulrike“ nicht herangewagt. Stattdessen schreib er „Lotte in Weimar“.

Dazu entwirft er so ein Goethe-Denkmal, macht ihn zu einer über alles erhabenen Person. Dieser Ironie-Fürst mit seiner „naturelbischen Gesinnungslosigkeit“, ich glaube, so nannte er ihn, der über allem schwebt, der hat mit meinem leidenden Goethe nichts zu tun!

„Ein liebender Mann“ ist nicht Ihr jüngstes Buch – warum lesen Sie in Potsdam trotzdem daraus?

Zum Thema Liebe hätte ich natürlich auch aus „Das 13. Kapitel“ lesen können, aber „Ein liebender Mann“, das ist einfacher.

Bevor Sie am Samstag daraus lesen, werden Sie am Freitag erst aus Ihren Tagebüchern lesen und mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters diskutieren, auch über die Veränderungen im Literaturbetrieb im Zuge der Digitalisierung. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft Ihrer Branche?

Ich bin mit Büchern aufgewachsen, ohne Karl May hätte ich keine Kindheit gehabt, diese Lektüre hat mich ein für allemal zum Leser gemacht. Und meine Leser schreiben mir Briefe. Interessant dabei ist: Die Menschen glauben, sie schreiben mir etwas zu meinen Büchern – zum Glück schreiben sie in Wahrheit immer nur über sich selbst. Das ist das Schönste überhaupt, das vermittelt die Illusion, dass du wirklich existierst. Also ja, es gibt sie noch, die Leser.

Auch unter den jungen Lesern?

Wenn Lehrer klagen, die Schüler lesen nichts mehr, halte ich das für Blödsinn. In meiner Klasse in Lindau damals waren wir 24 Schüler. Darunter waren drei Leser, mich eingeschlossen. Diese drei von 24, die wird es immer geben. Das genügt. Ketzerisch könnte ich aber auch sagen: Es liegt an den Lehrern. Die müssen ein Beispiel geben – keine Empfehlungen.

Haben Sie Ihren vier Töchtern denn nie Lese-Empfehlungen gegeben?

Niemals gab es in unserem Haus den Satz „Lies dies oder das“. Ich habe aber immer nachgeschaut, was lesen die eigentlich. Und wenn die Eine dann Gedichte von Erich Fried las, den ich nicht schlecht finde, dann hätte ich vielleicht lieber Hölderlin empfohlen – hab ich aber nicht.

 

Das Gespräch führte Ariane Lemme

Zur Person: Martin Walser erhielt für sein literarisches Werk zahlreiche Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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