• Liegekonzert im Potsdamer Nikolaisaal

Liegekonzert im Potsdamer Nikolaisaal : Nichts für schwache Nacken

Der Streetartkünstler Jim Avignon malte am Mittwoch zu Weltmusik im Nikolaisaal. Beziehungsweise daneben. So richtig zusammenpassen wollten die Künste nämlich nicht.

Laute Farben: Jim Avignon schuf eine "Digitale Parade".
Laute Farben: Jim Avignon schuf eine "Digitale Parade".Foto: Helena Davenport

Potsdam - Seufzer waren am Mittwochabend vor Konzertbeginn im Nikolaisaal zu hören – die mal mehr, mal weniger nach Befreiung klangen. Andere Besucher haderten noch, wollten sich nicht so richtig hinabsinken lassen in ihre Liegestühle, die in sechs Reihen auf der Bühne aufgestellt worden waren. Und von denen man – das sagte eine Sitznachbarin – so perfekt die Mondlandschaft des Saals begutachten konnte, die verschieden großen Klangdiffusoren also, die tatsächlich etwas Planetenhaftes haben.

Und die Zuschauerin hatte auch in einem anderen Punkt Recht: Um an die Decke zu starren, waren die Strandliegen perfekt. Allerdings wollte die für den Künstler Jim Avignon aufgestellte Leinwand, beziehungsweise die zehn Meter lange Papierbahn, auf der er wenig später zu malen begann, nicht ins Blickfeld gelangen. Und so richtig bequem – wie vom Veranstalter angekündigt – wollte es auch nicht werden. Einige Besucher stellten ihre Lehnen senkrechter und versperrten dadurch den anderen die Sicht. Man kennt das ja aus Zug und Flugzeug. 

Keine gemeinsame Aktion

Eine Premiere sei der Abend für alle drei, sagte Avignon zu Beginn des Konzerts mit Live-Painting – sowohl für den Warschauer Violinisten Mateusz Smoczynski, seinen Kollegen am Cello, Stephan Braun, als auch für ihn selbst. Avignon ist für sein schnelles Tempo bekannt, malt sonst eher in Berliner Technoclubs, aber auch anderswo in Berlin laufen einem seine knalligen und charakterstarken Geschöpfe über den Weg.

Nach diesen einleitenden Worten begann auch schon das Cello mit warmem flächigen Sound. Braun schaute dabei immer wieder zu Avignon, schien seine Streichbewegungen von denen des Malers abhängig zu machen. Letzterer verteilte zunächst flache Rauten auf dem Papier, in glänzendem Schwarz. Das Cello wurde sodann bedrohlicher, flatterhafter, schräger – aber der Streetartkünstler ging so gar nicht darauf ein. Ob er vielleicht doch von Anfang an einen festen Plan verfolgte? Eine gemeinsame Aktion war jedenfalls bis zum Ende nicht sichtbar. Auch nicht, als der Geiger einsetzte, zunächst solo, spielerische und zugleich grazile Töne erwirkte, und Avignon dünne blaue Bahnen auf dem Weiß verteilte – das nämlich wirkte wiederum etwas zu gewollt.

Zu zweit ging es musikalisch weiter, Cello und Geige spielten zusammen – aber warum um alles in der Welt verstärkt? In einem Saal, der doch für seine gute Akustik bekannt ist. Hinzu kommt: Angekündigt war Jazz, zur Entspannung – man konnte leichte Kost erwarten. Was aber die Musiker am Mittwoch zum Besten gaben, war vielleicht Weltmusik, in keinen Fall jedoch Jazz. Mal fühlte man sich in ein irisches Volksfest versetzt, im nächsten Moment zu „Tausendundeine Nacht“.

Kein Wunder, dass das Publikum nach eineinhalb Stunden dazwischenklatschte, plötzlich gelöst, aus der Liegeposition aufgerichtet. Es sollte aber noch eine Viertelstunde weitergehen, bis Avignon sein Kunstwerk vollendet hatte: „The digital Parade“ schrieb er in die Mitte. Kunterbunt war der Abend in jeder Hinsicht.