Kultur : Lieder als einzige Heimat

Jiddische Lieder, musiziert von Nora Engelen und Peter Goden

Dirk Becker

Jiddische Lieder, musiziert von Nora Engelen und Peter Goden Ungeschminkte Herzlichkeit und eine tiefe Menschlichkeit, vor allem deshalb sei auch heute noch die jiddische Musik so erfolgreich, so die Sopranistin Nora Engelen und der Pianist Peter Goden aus Neumünster. Bei ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte der europäischen Juden stießen sie auf das vielfältige Liedgut dieses Volkes. Und das Herzliche und Menschliche, verbunden mit diesem einzigartigen Humor, ergriff auch die beiden und ließ sie ihr Programm „Jiddische Lieder“ zusammenstellen, mit dem sie am Sonntagabend in fast ausverkaufter Aula der evangelischen Grundschule zeigten, dass noch einiges mehr zum Erfolg und Faszination dieser Musik gehört. Der Verein zur Förderung der Kirchenmusik an der Evangelischen Pfingstkirchengemeinde e. V. hatte zu diesem stillen Abend geladen. Seit 1995 bemühen sich die Mitglieder um die Finanzierung einer neuen Orgel durch Spendengelder für die Pfingstkirche, die etwas versteckt hinter dem Schulgebäude in der Weinbergstraße steht. Peter Goden eröffnete das Konzert mit einem tragenden, stark von orientalischen Einflüssen geprägten Lied auf der Querflöte. Eine einfache Melodie, die sich in schlichten Variationen wiederholend, von der ewigen Sehnsucht der Juden nach ihrer hebräischen Heimat erzählte. Diese Sehnsucht zog sich dann wie ein roter Faden durch das gesamte Programm. Nora Engelen sang die typisch kurzen Lieder mit angemessener Zurückhaltung. Die kleinen, oft wunderbar poetischen und pointierten Geschichten über Liebe, Hochzeit, Verwandtschaft, den allgegenwärtigen Rebbe und vor allem die tiefe Gläubigkeit, die von den beiden Musikern zuvor immer kurz übersetzt wurden, interpretierte sie ohne jeden Pathos, einfühlsam und gleichzeitig fesselnd. Mit Goden am Klavier - ein sensibler Begleiter - gelang es ihr dabei fast spielend die schwierige, ungnädig-grelle Akustik der als Turnhalle genutzten Aula zu meistern. Nora Engelens Mimik, ihre Gestik blieben während des gesamten Konzertes immer auf ein Minimum reduziert. Sie ließ die Texte sprechen, ihre Stimme, die feinen Phrasierungen und Spannungsbögen waren dabei Erklärung genug. So ließ sie Raum für die starken Empfindungen der jiddischen Musik. Denn nicht nur Herzlichkeit und Menschlichkeit machen diese Lieder so faszinierend. Sie lassen auch den Nichtjuden die Sehnsucht eines vertriebenen und zu oft noch unerwünschten Volkes fühlen, dem manchmal nur diese Lieder blieben. Lieder die zur einzigen Heimat und so zum wichtigsten Vermächtnis wurden, weil sie von der eigenen Geschichte und von den eigenen Hoffnungen erzählen. Mit „ponar-wiglid“ brachten Nora Engelen und Peter Goden ein besonders beklemmendes Beispiel der musikalischen Auseinandersetzung mit der Jahrhunderte währenden Vertreibung und damit verbundenen ständigen Angst des jüdischen Volkes zu Gehör. Gleich darauf folgte „schpil-she mir a lidele in jiddisch“, das hoffnungsvoll und zuversichtlich vom Frieden zwischen allen Menschen erzählt. Zwei Gegensätze, welche die jiddische Musik derart prägten, hier wunderbar auf den Punkt gebracht. Erst nach drei Zugaben ließ das Publikum Nora Engelen und Peter Goden gehen.Dirk Becker

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