• Lia Rodrigues in der Potsdamer fabrik: Fratze der kalten Macht

Lia Rodrigues in der Potsdamer fabrik : Fratze der kalten Macht

Die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues löste in der fabrik mit ihrer „Wut“ eine Explosion der Körper aus.

Die Tänzerinnen und Tänzer in „Furia“ performen mit unglaublicher Energie. 
Die Tänzerinnen und Tänzer in „Furia“ performen mit unglaublicher Energie. Foto: fabrik

Potsdam - Stille. Wie an einem friedlichen Morgen. Im Hintergrund der Bühne zeichnet sich ein weißes Zelt ab. Allmählich kristallisiert sich ein Gesicht heraus, wächst ein Mann aus der Dunkelheit hervor. Er hievt sich an dieser Zeltstange hoch, schmiegt sich an sie wie an eine begehrte Frau. Das Zelt verwandelt sich schließlich in eine Fahne, aus dem Einzelnen wird eine Karawane gefallener Menschen, die sich gegenseitig ziehen und stützen. Wo werden sie stranden? Eine Uhr tickt zu diesem Trauermarsch der Ausgestoßenen.

Die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues beginnt ihre neue Produktion „Furia“ (Wut), die am Wochenende in der fabrik Premiere hatte, mit sanften Tönen. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Die Gefallenen entziehen sich allmählich ihrer Seelenpein, erheben sich. Rhythmen ihrer Ahnen peitschen sie aus ihrer Ohnmacht heraus. Diese dröhnende Trommelmusik durchdringt den restlichen Abend, legt sich steinschwer auf die Brust der Zuschauer. Nicht jeder erträgt es. Einige wenige verlassen die Vorstellung, die an den rituellen Tanz der amerikanischen Ureinwohner erinnert, bevor sie sich auf Kriegspfad begeben. Sie stampfen sich förmlich mit ihren Körpern in Trance, um ihre ganze Kraft für die Schlacht zu mobilisieren. 

Fratzenhaft schmerzerfüllt, ja animalisch

Lia Rodrigues nimmt in ihrer furiosen siebzigminütigen Inszenierung über menschliche Katakomben assoziationsreiche Anleihen aus der leidgetränkten Weltgeschichte. Die sechs Tänzerinnen und drei Tänzer sind in ständiger Verwandlung: erinnern an den Ku-Klux- Klan, an die Pieta und an Voodoo-Puppen. Fratzenhaft schmerzerfüllt, ja animalisch, fallen sie übereinander her, dann vereinen sie sich wieder in einem kurzen Freudentaumel. Es ist diese unglaubliche Energie, die mitreißt, den Atem nimmt, die Szenen des liebevollen Begehrens und der Vergewaltigung wie in einem Höllenritt aufeinanderprallen lässt.

Lia Rodrigues’ persönliche Antwort auf die Ausgeburt der kalten Macht – den Sexismus, die Militärgewalt und den neuen Faschismus in Brasilien – ist die Kraft der geballten Faust, die Energie des vereinten Tanzes: ihr Cancan. Sie wird sich in Maré, in einer der härtesten Favelas Rio de Janeiros, wo sie mit ihrer Kompanie arbeitet, nicht mit Rassismus und Ausgrenzung abfinden. Sie reißt diesen falschen Heiligen ihr Engelshaar herunter, lässt die durchrüttelten nackten Körper ihrer Tänzer wie Peitschenhiebe gegen die gezogenen blanken Messer knallen. Atemlos, entfesselt. 

Die Zeit der leisen Poesie scheint aufgebraucht, wenn Menschen wie Müll weggeworfen werden. Wir sehen, wie aufgeblasene, selbstverliebte Peiniger onanieren, ihr Herz in der Hose haben, es zerdrücken. Blut spritzt. Es gibt kein Innehalten gegen diese infantilen Egomanen. „Furia“ entfacht auf dem Schlachtfeld der Körper eine Explosion, die beben und erzittern lässt. Am Ende halten die Tänzer schweigend Transparente hoch. Auf einem steht: „SOS Amazonia. The Brazilian State is a Killer“. Das Publikum feiert diese „Wut“ mit langem Applaus.