• Benjamin Fredrich: Katapult-Gründer liest im Freiland Potsdam

Lesung von Katapult-Gründer im Freiland : Benjamin Fredrich: Alles selber machen

Katapult-Magazin-Begründer Benjamin Fredrich liest im Freiland in Potsdam aus seinem Roman „Die Redaktion“. Dabei legt er einen wenig literarischen, dafür umso authentischeren Auftritt hin.  

Oliver Dietrich
Katapult-Magazin-Gründer Benjamin Fredrich bei seiner Lesung im Freiland.
Katapult-Magazin-Gründer Benjamin Fredrich bei seiner Lesung im Freiland.Foto: Oliver Dietrich

Potsdam - Man könnte die Geschichte von Benjamin Fredrich als die eines regulären Start-up-Gründers erzählen. Gute Idee, gute Kondition – gutes Geld, fertig. Könnte man, stimmt aber so nicht. Deshalb hat der Begründer des Katapult-Magazins sie selbst aufgeschrieben, im eigenen Verlag unter dem Titel „Die Redaktion“ herausgebracht und somit nebenbei die absolute Wahrheit für sich gepachtet. 

Das kann man bei so viel Transparenz tatsächlich behaupten: Wie kann ein Leistungssportler aus Mecklenburg-Vorpommern es innerhalb kürzester Zeit schaffen, entgegen dem Trend eines der auflagenstärksten Print-Magazine aus dem Boden zu stampfen? Und – Achtung! – nebenbei noch einen Wald zu kaufen, um das Papier dafür zu produzieren, und eine Journalistenschule zu gründen? In Greifswald, also Meck-Pomm – gut, er hat es am vergangenen Mittwochabend bei seiner Lesung im Freiland selbst erklärt.

Das war jedoch weniger literarisch. Fredrich saß eher vor überschaubarem Publikum auf der Kleinbühne, kippelte mit dem Stuhl knapp bis zum Umfallen, hielt sich das Buch bis kurz vor die Nase, als würde er es zum ersten Mal sehen, lachte aber alsbald die Pointen vorneweg. Dilettantisch? Nee, von wegen: authentisch! Selten so gelacht wie Mittwochabend. Schöne Prosa, klar – aber eben glaubhaft und belegbar. Und was wir erleben, scheint die Revolution des Lokaljournalismus, ach was, gleich der großen Journalismuswelt zu sein! Puh, durchatmen.

Hausmeister verdient genauso viel wie Chefredakteur

„Alles muss man selber machen“, so das Mantra, oder eben die Augen halbwegs offenhalten. „Katapult“ funktioniere anders als herkömmliche Hierarchien, der Hausmeister verdiene genauso viel wie der Chefredakteur, ein kommunistisches Handlungskonzept als bewusster Kontrapunkt zum längst überholt geglaubten Gewinnmaximierungsgedöns: Idealismus schlägt Kontostand, Lektion Nummer eins. Berüchtigt geworden und oft kopiert ist der Katapult-Verlag schließlich durch seine Grafiken: Visualität schlägt Buchstaben, Lektion zwei. Und Ironie, Nummer drei: Bis heute werden im Katapult-Magazin nur die negativen Leserbriefe veröffentlicht.

Ist ein als „Roman“ deklariertes Buch darüber jetzt Selbstreflexion als Autokorrektur – oder „nur“ eine autobiografische Begleitung, die die Unglaublichkeit des eigenen Erfolges in eine warme Decke wickelt? Das kann Benjamin Fredrich schlicht egal sein. Ob Kapitel wie „Ulli die Eule“, „3000-Euro-Johnny“, sich als rechtsradikales Pseudo-Magazin in die „Titanic“ zu schummeln oder Zwist mit Übermedien: Ist doch gleich. 

Katapult MV als Gegenentwurf zum Nordkurier

Seine Abonnenten hat das Magazin aus dem Stand immerhin 2020 auf 2,5 Millionen hochschnellen lassen, und zwar im Print, da würden herkömmliche Zeitungen nur von träumen. Und hier schließt sich der Kreis: Der regionale Ableger „Katapult MV“ wurde dieses Jahr in Greifswald übrigens als expliziter Gegenentwurf zum als dominant-konservativ empfundenen „Nordkurier“ gegründet, der als systematisch rassistisch interpretiert wurde – da geht es tatsächlich um regionale Berichterstattung. Und während der geschmähte Mainstream in ehrfürchtiger Stille verharrt, wird an anderer Stelle Boden wettgemacht. Print ist nicht tot, von wegen.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Potsdam und Brandenburg live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die sie hier für Apple und  Android-Geräte herunterladen können.]

Ängste gehörten dennoch dazu, erst recht wenn man keine Ahnung habe: „Wir leben im Chaos, und das ist so gewollt“, erklärt Fredrich. Besser keine große Planung, als alles über Bord werfen zu müssen. Es scheint ja zu funktionieren: „Wir werden im Frühjahr eine Journalismus-Schule in Greifswald gründen“, erzählt Fredrich. Die herkömmlichen seien ja schon immer von Interessen geleitet. Eine alte Schule sei schon gekauft, als Büros müsse man nur beheizbare Hochsitze in die Bäume bauen. Ganz sicher: Das wird klappen. 

Benjamin Fredrich: „Die Redaktion“, KATAPULT-Verlag, Greifswald, 2020: 239 Seiten, 18 Euro, mit Illustrationen von Andrea Köster

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.