• Lesung im Garten: Bohemiens im Fischerhof

Lesung im Garten : Bohemiens im Fischerhof

Die Veranstaltungsreihe "Im Garten vorgelesen" startete mit einer Lesung auf dem Fischerhof von Mario Weber. Präsentiert wurde der Roman „Boheme. Szenen aus dem Pariser Leben“ von Henri Murger.

Christoph H. Winter

Potsdam - Links auf der Havel ziehen Motoryachten und Fähren vorbei, ein Fischreiher posiert in der Sonne vor Smartphonekameras, rechts die Überreste der Stadtmauer, dazwischen Netze, Reusen und allerhand Trouvaillen, die Fischer Weber und seine Mannschaft als Bei- oder Hauptfang aus der Havel zogen. Dazwischen aber auch die Schauspielerin Simone Kabst, der Synchronsprecher Uve Teschner und der Klarinettist Matthias Simm, die am Samstag gemeinsam den Roman „Boheme. Szenen aus dem Pariser Leben“ des französischen Schriftstellers und Bohemiens Henri Murger auf die Bühne, besser: vor das Publikum, noch besser, weil grundsätzlicher: ins Bewusstsein bringen. Die szenische Lesung war der Auftakt zu der, von der "Urania" organisierten Veranstaltungsreihe "Im Garten vorgelesen". 

Denn der 1851 erschienene Text gehört, trotz seiner weitgehenden Unbekanntheit, zu den wirkmächtigsten Texten des 19. Jahrhunderts. Dies gründet vor allem darin, dass er der 1896 uraufgeführten Oper „La Bohème“ des italienischen Komponisten Giacomo Puccini zur Vorlage dient. Die „Szenen aus dem Pariser Leben“ erzählen die launigen Geschichten aus dem Leben junger Pariser Künstler, Musiker und Philosophen – allesamt arm, aber ambitioniert, mitunter talentiert, dennoch prekär, vor allem aber leidenschaftlich liederlich.

Wie eine großbürgerliche Wohnung

Kerstin Reimann vom veranstaltenden Verein „Urania“ hat aus den 300 Seiten Text die unterhaltsamsten Stellen zusammengestellt, die von Kabst und Teschner szenisch gelesen werden, dazwischen greift Simm zur Klarinette, in deren Spiel sich Vogelgezwitscher und Nebelhörner mischen. Überhaupt scheint der Ort wesentlicher Bestandteil der Aufführung zu sein. Der ausverkaufte Fischerhof Weber nämlich wirkt ob der ausgestellten Fischerei-Utensilien wie eine jener großbürgerlichen Wohnungen im sechsten Pariser Arrondissement, die durch ihre noch nicht ganz dringende Renovierungsbedürftigkeit Charme und Patina der französischen Hauptstadt ausmachen.

Die Lebensentwürfe der Boheme-Clique um Alexander Schaunard zeichnet vor allem aus, dass sie eines nicht sind, nämlich bürgerlich. Amouröse Bande werden dort aus zufälligen Bekanntschaften geknüpft, halten dann aber doch länger als erwartet; das Weihnachtssouper im Café wird genau deshalb zum dekadenten Gelage, weil es sich keine der beteiligten Personen leisten kann und aus einem Streit um eine möblierte Wohnung wird eine der ersten Wohngemeinschaften der Literaturgeschichte. Murgers Erzählpersonal ist eloquent, tiefsinnig und angenehm leichtfüßig: Was gerade noch gekränkte Eitelkeit, ist im nächsten Moment schon gemeinsames Lachen. Simone Kabst und Uve Teschner gelingt es, diese ambivalenten Beziehungsdynamiken stimmlich eindrucksvoll herauszuarbeiten, sodass das vielschichtige Figurenpanorama des grundlegenden Boheme-Textes der Weltliteratur im romantischen Sinne gegenwärtig wird. Am Havelufer zwischen Kaffee und Weißwein der poesiealbumreife Satz: „Wenn man die Liebe nicht gründlich begräbt, dann steht sie immer wieder auf.“ In der Frühabendsonne wehen weiße Pappelpollen über die Havel.