Leitungswechsel am Nikolaisaal Potsdam : Lieblingsfarbe: Bunt

Michael Dühn ist der neue Programmdirektor am Nikolaisaal. Alles neu machen will er trotzdem nicht.

Zugewandt. Michael Dühn war Orchestermanager in Dortmund, jetzt ist er Programmdirektor des Nikolaisaals Potsdam.
Zugewandt. Michael Dühn war Orchestermanager in Dortmund, jetzt ist er Programmdirektor des Nikolaisaals Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Angst? Nein, Angst hat dieser Mann keine. Nicht vor Andrea Palent und ihrem Schatten. Fragt man Michael Dühn, den neuen Programmdirektor des Potsdamer Nikolaisaals, wie sich das so anfühlt, in die Fußstapfen jener Frau zu treten, die dieses Haus seit seiner Neugründung im Jahr 2000 erfolgreich leitete, sagt er den schönen Standardsatz: „Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe.“ Respekt vor der Leitungstätigkeit Palents, auch vor ihren Erfolgen. Nicht mehr, nicht weniger.

Mit Michael Dühn, 1977 in Berlin-Ost geboren, übernimmt nach den 18 Jahren von Andrea Palent nun eine neue Generation die künstlerische Planung im Haus. Palent hatte seit 1990 die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci sowie später den Nikolaisaal in Doppelfunktion geleitet – und auch die Geschäftsführung innegehabt. Das geballte Gewicht dieser Verantwortung ist nach dem selbstgewählten Rückzug Palents nun auf drei Schultern verteilt: Die Flötistin Dorothee Oberlinger übernimmt die Leitung der Musikfestspiele, kaufmännische Geschäftsführerin von Nikolaisaal und Musikfestspielen ist seit 1. September Heike Bohmann, die bisherige Prokuristin der Musikfestspiele. Seit dem 1. Oktober ist er, Michael Dühn, als Programmdirektor des Nikolaisaals nun der Dritte im Bunde.

In Dortmund war er der Oliver Bierhoff des Orchesters

Ganze elf Tage ist er im Amt, als wir uns begegnen – und mit einem Fuß noch in Dortmund. Bevor er den Posten in Potsdam bekam, war er Orchestermanager am Theater Freiburg, danach Dramaturg für Musiktheater und Konzert am Theater Aachen, und zuletzt vier Jahre lang Orchestermanager bei den Dortmunder Philharmonikern. Seinen dortigen Job vergleicht er, mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, mit dem von Oliver Bierhoff: Er war zuständig für Finanzen und Pläne des Orchesters. Ein Job im Hintergrund, ja – „Aber ich war schon relativ sichtbar, denke ich.“ Michael Dühn ist groß, zugänglich, keiner, der sich hinterm Schreibtisch versteckt. Ein Macher und Menschenfreund, so wirkt es.

So ein Job wie der in Dortmund lässt einen nicht von einem Tag auf den nächsten los. So kommt es, dass Michael Dühn an Tagen wie diesen morgens um fünf von NRW aufbricht, um mittags in Potsdam zu sein und sich mit der Frau zu treffen, deren Schatten ihn wohl noch eine ganze Weile begleiten wird. Ohne dass Dühn so wirkt, als ob ihn das stören würde. Er weiß, dass er eine bestens funktionierende, in der Stadt gut verankerte Institution übernommen hat. „Das Haus ist super aufgestellt“, sagt Dühn und verweist auf die 85-prozentige Auslastung der letzten Spielzeit.

Des Lobes voll für das Programm von Andrea Palent

Andrea Palent war das mit einer gekonnten Mischung aus Klassik und Popularmusik gelungen – mit der Kammerakademie Potsdam hat der Nikolaisaal zudem ein international tourendes Hausorchester mit ausgezeichnetem Ruf. Michael Dühn ist des Lobes voll für diese Ausgangssituation und verspürt offenbar nicht den Drang, an dieser löblichen Basis viel zu verändern. Befragt nach dem Programm, das er sich für Potsdam vorgenommen hat, unterstreicht er den „hohen Qualitätsanspruch“, der das Programm schon jetzt auszeichne, die „moderaten Preise“ des Konzertsaals, die hochqualitativen Angebote für alle, „vom Baby bis zu den Senioren“, die inhaltliche Bandbreite von Sinfoniekonzerten über Freistil-Angebote bis hin zu den Konzerten mit dem Filmorchester Babelsberg. All das ist nicht neu; all das soll es weiterhin geben.

„Nein, es geht nicht darum, das Haus neu zu erfinden“, sagt Dühn, uneitel genug, um nicht mit aller Macht nach einem eigenen Stempel zu suchen, den er dem Haus verpassen könnte. Wobei: Es soll eine musikalische Plattform für Nachwuchs geben, so viel verrät er schon. Sonst hält er sich bedeckt, was die Pläne für sein erstes selbst gestaltetes Programm für die Spielzeit 2019/2020 angeht. Die jetzige Saison hat noch Andrea Palent entworfen. Keine Details also, dafür aber Grundsätze. Worum es Michael Dühn in Potsdam geht: „Möglichst nah ran, möglichst mitten rein ins Publikum. Die eigene Begeisterung für die Musik weitergeben.“ Und begeistern kann er sich in der Musik für fast alles. Schon zu Studienzeiten – in Berlin und Dublin – war er in Chören unterwegs, heute berührt ihn eine Musical-Gala ebenso wie Mahlers Sinfonien, elektronische Musik mit Orchester, aber auch Jazz, Bach oder Mozart. Lieblingsmusik? Keine. „Ich sage gerne: Meine Lieblingsfarbe ist Bunt. Die Hauptsache für mich ist, dass die Musik live gespielt wird.“

Potsdam ist für den Ostberliner auch eine Art Heimkehr

Als Ostberliner kennt Michael Dühn Potsdam schon lange, jetzt wohnt er hier, in der Nähe des Bassinplatzes. An der Stadt mag er den „überschaubaren Kontext“ , den sie ihm bietet, das „überdurchschnittliche Interesse“ der Menschen an der Entwicklung ihrer Stadt. Bauthemen regten in Dortmund niemanden auf. Es ist das erste Mal seit Studientagen, dass er, der in Hohenschönhausen Aufgewachsene, in Ostdeutschland lebt und arbeitet. Eine Heimkehr? „Ja, schon“ – auch wenn er sich selbst nie als ostdeutsch empfunden hat. Und doch: Als er neulich am Alten Markt stand und durch die Plattenbauten zur Nikolaikirche sah, berührte ihn das. Das, sagt Michael Dühn, war der bislang denkwürdigste Moment in Potsdam. 


Am 10. November um 18.30 Uhr führt Michael Dühn in das 3. Sinfoniekonzert im Nikolaisaal Potsdam ein.

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