Kultur : Leitfaden zum Ungehorsam

Gut gewollt, aber kaum künstlerisch: Maxi Obexers „Illegale Helfer“ in der Reithalle

Die Welt der klaren Grenzen. Maxi Obexers Stück „Illegale Helfer“ geht auf das gleichnamige dokumentarische Hörspiel aus dem Jahr 2015 zurück. Im Bühnenraum werden die Berichtenden, hier Darstellerin Andrea Thelemann (rechts), vor der Kamera zu Befragten darüber, wie sie Flüchtlingen helfen.
Die Welt der klaren Grenzen. Maxi Obexers Stück „Illegale Helfer“ geht auf das gleichnamige dokumentarische Hörspiel aus dem Jahr...Foto:HL Böhme

Vielleicht konnte es gar nicht anders sein: Nach dem Wind, der der deutschen Erstaufführung des Stückes „Illegale Helfer“ von Maxi Obexer erst entgegen- und dann in den Rücken geblasen hatte, folgte mit der Premiere in der Reithalle, was man die Flaute nennen könnte. Eine rechtspopulistische Partei hatte dem Hans Otto Theater nahegelegt, das Stück angesichts seines Themas – humanitäre Hilfe auch jenseits der Grenzen des Legalen – noch einmal „zu überdenken“. Der Intendant des Theaters hatte das einzig Richtige geantwortet: dass Theater dazu da sei, eben diese Grenzen zu reflektieren. Was soll Theater sonst behandeln, wenn nicht moralische Fragen?

Das war der Vorlauf. Es war für das Theater leicht, auf der richtigen Seite zu stehen – auf der Seite der Kunst. Am Premierenabend dann zeigte sich aber, dass das so leicht gar nicht ist: „Illegale Helfer" von Maxi Obexer, in der Regie von Yvonne Groneberg nur 70 Minuten kurz, hinterlässt drei starke Eindrücke. Erstens: Das Stück will unbedingt und ungebrochen das Richtige zeigen, die Mitmenschlichkeit gegenüber Menschen, die kein Bleiberecht haben. Zweitens: Es rennt damit offene Türen ein. Drittens: Es ist ziemlich unkünstlerisch. Und viertens, könnte man ergänzen: Ausgerechnet da, wo es Kunstgriffe wagt, funktioniert es am wenigsten.

Die Bühnenanordnung (Nikolaus Frinke) ist dokumentartheatergemäß einfach. Eine hellgraue Wand auf einer Drehbühne. Die Wand erinnert an neutrale Befragungsräume, zugleich an die willkürlichen Grenzen, die unsere Welt aufteilen: in links und rechts, vorne und hinten, legal und illegal, wir und die. Vor der Wand ein Stuhl, daneben eine Kamera.

Die vier Darsteller – Denia Nironen, Andrea Thelemann, Friedemann Eckert, Christoph Hohmann in virtuosem Wechsel – , die das von der Autorin dokumentarisch recherchierte Material psychologisch einfühlsam als Berichtende wiedergeben, werden in dem Moment, in dem sie sich setzen, zu Befragten. Freie werden zu Festsitzenden. Der Bühnenraum ist karg genug für Assoziationen, Reflexionen. Woran liegt das, dass sich im Kopf trotzdem keine Räume auftun wollen?

Einen wesentlichen Grund nennt die Autorin im Programmheft selbst. Sie wolle anstatt von Katastrophen und Tragödien die andere Seite der Flüchtlingsgeschichten zeigen, schildert sie zunächst ihren nachvollziehbaren Ansatz: Mut, Zivilcourage, Solidarität. Um dann aber zu ergänzen: „Das Stück enthält durchaus einige Tipps, wie wir uns organisieren können, was möglich ist. Insofern kann es auch als Ratgeber gelesen werden.“ „Illegale Helfer" ist genau das: ein Leitfaden zum Ungehorsam à la „Flüchtlingssolidarität für Dummies“.

Vom Einrichten einer Poststelle für Illegale über das Organisieren eines kostenlosen medizinischen Netzwerkes bis zur Scheinheirat werden viele Formen der Hilfeleistung vorgestellt. Das ist tatsächlich sehr informativ und als Ratgeber interessant, als Theater nicht. Zehn illegale Helfer verschiedenster Herkunft lässt Maxi Obexer auftreten. Österreicher, Schweizer, Deutsche. Eine Studienrätin. Einen Richter. Einen Rechtsanwalt. Eine junge Mutter. Eine Aktivistin mit Wollmütze und Selbstgedrehten. Auch Du könntest Helfer sein!, ruft das Stück ins Publikum. Es hat recht. Aber weil es weiß, dass es recht hat, ist es so wenig interessant.

Dabei hilft auch nicht, dass es im Textbuch Lukas gibt. Lukas ist der Kunstgriff, der nicht funktioniert. Er wird von Friedemann Eckert gespielt und soll die Brücke darstellen zwischen denen auf der Bühne, die bereits helfen, und denen, die potenziell helfen könnten – uns. Lukas hört sich von unterhalb der Rampe an, was die anderen erzählen, dann fragt er ins Publikum: „Geht’s mich an? Sollte es das? Warum sollte es mich angehen?“ Nicht die schulmeisterlichen Fragen sind daran störend, sondern dass das Stück die Antwort schon parat hat, und dass der Konflikt, in dem Lukas sich befindet, daher wirkt wie ein behaupteter. Richtung Ende steht Lukas dann auch auf der Bühne. Es ist, als würde die Inszenierung sagen: wo er hingehört.

Es ist vielleicht hilfreich zu wissen, dass „Illegale Helfer“ nur ein kleines Destillat aus der Auseinandersetzung der Autorin mit dem Flüchtlingsthema ist. 2005 hatte sie es für ihr Stück „Das Geisterschiff“ erstmals aufgegriffen. Das Hörspiel „Illegale Helfer“ wurde bereits Anfang 2015 produziert. Darin mag ein weiterer Grund liegen, warum sich „Illegale Helfer“ seltsam gestrig sieht. Der Verwaltungsrichter im Stück sagt etwa an einer Stelle, 64 000 Asylanträge würden in Deutschland gestellt, nur zwei Prozent angenommen. 2015 waren es über eine halbe Million Anträge. Aber abgesehen von den unterschiedlichen Dimension: Das interessantere Theater bleibt das Theater, das die Frage stellt. Nicht das, das sie beantwortet.