Kultur : Lebenslinien in Ton

Die Ausstellung der Keramikerin Carola Buhlmann auf der Freundschaftsinsel

Astrid Priebs-Tröger

Alle Potsdamer kennen sie. Auf Fotos von Touristen aus aller Welt wird sie seit mehr als fünfundzwanzig Jahren verewigt. Und sie ziert auch die Einladungskarte zur Ausstellung anlässlich des 80. Geburtstages ihrer Schöpferin. Gemeint ist Carola Buhlmanns Plastik „Die grüne Familie“, die seit 1979 an der Brandenburger, Ecke Lindenstraße steht.

Aber kennen wir sie wirklich? Immer wieder ist die Rede davon, dass ursprünglich ein Mädchen dazugehörte, aber seit seiner Zerstörung in den neunziger Jahren kein Geld da sei, es wieder hinzustellen. Stimmt das? In der jetzigen Ausstellung im Pavillon auf der Freundschaftsinsel steht ein Modell der liebenswerten Figurengruppe von 1976 und der aufmerksame Betrachter stutzt. Auch hier ist kein Mädchen zu finden. Haben wir uns alle getäuscht, hat die Künstlerin es nachträglich entfernt oder haben wir immer nur sehen wollen, was wir uns wünschten? Eine „heile“ Familie sozusagen? Carola Buhlmann ist entwaffnend offen und antwortet lachend auf die Frage nach dem Verbleib des Mädchens: „Die ist nie da gewesen!“

Damit ist klar, dass der Keramikerin, die seit einem halben Jahrhundert in Neu-Fahrland zu Hause ist, mit dieser Familie ein großer Coup gelungen ist: Nämlich der, im Bewusstsein der „normalen“ Menschen verankert zu sein. Die „grüne Familie“ als Marke Buhlmann?

Doch Carola Buhlmanns Werk darauf zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Und so kann der Besucher in der aktuellen Exposition, die seit 1986 erst ihre zweite auf der Freundschaftsinsel ist, mit keramischen Arbeiten aus fünf Jahrzehnten auch viele andere Facetten aus ihrem Schaffen entdecken: Menschen- und Tierplastiken, Vasen und Fayencen, Wandteller und keramische Mosaike und nicht zuletzt Bilder der Malerin, die auch mal Trickfilmzeichnerin bei der DEFA war. Und dabei eine ungemein lebensbejahende und vielseitige Künstlerin kennen lernen. Carola Buhlmann wurde 1926 in Berlin geboren und sollte ihre Jugend im zweiten Weltkrieg erleben. Gleich nach dessen Ende wurde sie, gerade neunzehnjährig, Neulehrerin in ihrer Geburtsstadt, studierte abends an der Käthe-Kollwitz-Schule, um dann ab 1953 als freischaffende Keramikerin zu arbeiten. Natürlich findet man in ihren Plastiken auch Spuren der ehemals staatlich verordneten Kunstauffassungen, diese kommen aber niemals pur daher. Neben der „grünen Familie“, die keinesfalls wie ein „vorbildliches“ sozialistisches Ehe- und Elternpaar wirkt, gibt es aus dem gleichen Jahr einen „Kaukasischen Schäfer“ zu sehen. Der verschmitzte weißhaarige Alte mit schwarzer Baske ist ein großer Bewahrer und Beschützer, nicht nur seines Schafes, das beinahe ein menschliches Antlitz hat, sondern der ganzen Erde, deren Teil er ist. Und diese Natürlichkeit und Erdverbundenheit, oft auch verbunden mit Ironie, zeichnet viele ihrer folgenden Werke aus. Riesige grüne Vasen aus den 80er Jahren oder Gefäße aus Japan aus den 90ern. In der Farbigkeit, den Strukturen und Formen sind sie warm, oft rund und mit erdiger Ausstrahlung. Und eben zeitlos schön.

Daneben gibt es auch zwei Leuchter zum Thema Holocaust. Auf ihnen finden sich Spuren von Menschenleibern, sind Namen der Orte des Grauens eingeschrieben, nicht vordergründig, aber deutlich. In der Mitte des Pavillons stehen zwei grüne eckige Vasen aus der aktuellen Produktion. Auf ihnen hat die vitale Achtzigjährige augenscheinlich eigene Lebenslinien in den Ton gebrannt. Ritzungen, Gravuren, Zeichen überziehen die wenig ebenen grünen Flächen wie ein dichtes Netz, darunter eine Schicht aus Leibern, Gesichtern und Schattenwesen. Zeugen eines Lebens, das sich vielfach übereinander abgelagert hat: Reich und vielfältig und als Teil eines großen Ganzen. Das ist wunderschön, wirkt sowohl erdig als auch vergeistigt. Scheint dabei zerbrechlich und fast schon wieder der Natur zurückgegeben. Kulmination eines Lebenswerkes einer warmherzigen Frau und Künstlerin, die uns vor mehr als einem Vierteljahrhundert die „grüne Familie“ und jetzt diese wunderbaren Gefäße und Skulpturen schenkte.

Ausstellung bis zum 29. Oktober geöffnet, von Mittwoch bis Samstag von 12 bis 18 Uhr. Finissage am 28. Oktober um 15 Uhr mit Lesung und Konzert. Der Erlös kommt der Freundschaftsinsel zugute.

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