• Lange Nacht der freien Theater: Tierisch rund

Lange Nacht der freien Theater : Tierisch rund

Die 9. Lange Nacht der Freien Theater zog am Samstag Jung und Alt ins Potsdamer T-Werk. So werden die Zuschauer zu Saisonbeginn angefüttert und können dann je nach Gusto den freien Truppen durchs Land hinterherreisen oder warten, bis sie im Laufe des Sommers in Potsdam Station machen.

Astrid Priebs-Tröger
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05.05.2013 21:00

Sonnenwetter pur. Das lockte am Wochenende in den Biergarten, zum Open-Air-Spektakel oder auch zum Landausflug. Alles in einem konnte man am Samstag bei der 9. Langen Nacht der Freien Theater im T-Werk erleben. Und so kamen auch über 300 Besucher in den Schirrhof, um gleich drei Open-Air-Aufführungen an einem Abend zu sehen.

Im milden Abendsonnenschein tanzten zuerst Claudia Engel und Matthias Ludwig von den „flunker produktionen“ aus Wahlsdorf beschwingt über eine saftig grüne Wiese. Hatten sich beide doch erst vor Kurzem bei einem Landausflug der Städterin kennengelernt. In ihrer Bauer-sucht-Frau-Persiflage „Stadt. Land. Kuh“ zeigte das kleine Theater aus dem Süden Brandenburgs mittels nicht nur äußerlich sehr konträrer Charaktere viel von den Klischees und Missverständnissen, die auch heute noch das Verhältnis von Stadtmenschen und Dorfbewohnern prägen. Mittelpunkt ihrer krachend komischen Inszenierung war jedoch unbestritten eine lebensgroße braun-weiße Plüschkuh. Bei der Demonstration von deren Körpervorgängen konnte auch so mancher im Publikum noch etwas lernen!

Danach drängten die Zuschauer ins T-Werk, um auf einer der beiden Bühnen einen weiteren Kosthappen dieses fünfstündigen Kulturmarathons zu ergattern. Zur Auswahl standen jetzt Shakespeares „Was ihr wollt“ vom Potsdamer Poetenpack oder eine weitere Dorfgeschichte mit dem skurrilen Titel „Frieda sei mit euch – aber auch Anneliese“ vom event-theater Brandenburg. Dieses entpuppte sich als deftiges Bauerntheater mit dem bekannten knochentrockenen norddeutschen Humor des Satirikers Dietmar Wischmeyer und das gut gelaunte Publikum in der vollgestopften Probebühne drückte nachdrücklich sein Bedauern darüber aus, dass nach gerade mal fünfundzwanzig Minuten das schenkelklopfend komische Rededuell von Frieda und Anneliese, die von Hank Teufer und Nico Will verkörpert wurden, schon wieder zu Ende war.

Doch das ist Prinzip der Langen Nacht der Freien Theater. Man wird zu Saisonbeginn im wahrsten Sinne des Wortes angefüttert und kann dann je nach Gusto den freien Truppen durchs Land hinterherreisen oder warten, bis sie im Laufe des Sommers in Potsdam Station machen. Dabei haben die meisten Besucher sicher die internationale Wandertheatertruppe „Ton und Kirschen“ auf dem Plan. Die multikulturelle Truppe um Margarete Biereye und David Johnston machte am Samstagabend ihrem Ruf wiederum alle Ehre. Der oft als trist verschriene Schirrhof verwandelte sich im Nu in einen Platz voller poetischer Jahrmarktsatmosphäre.

Vier Männer setzten einen Pfahl ins Pflaster, von dessen Spitze vier Lichterketten ausgingen und fertig war die Illusion von Zirkus. Mittels einer riesigen eisernen zweirädrigen Achse wurde dann noch ein Karussell simuliert und die von der Glindower Gruppe ausgegrabene frühe Brecht-Geschichte „Hans im Glück“ nahm ihren Lauf. Und obwohl die Truppe erst wenige Wochen daran probt, hatte man das Gefühl, schon mitten in einer melancholisch-verrückten Geschichte angekommen zu sein. Dazu trug die situationsmalend eingesetzte Musik – von Klezmer, über Flamenco bis hin zum Rock ’n’ Roll – bei und die Präsenz der wunderbaren Schauspieler, allen voran Margarete Biereye und Rob Wyn Jones, bei, denen diese Geschichte über Gewinn und Verlust auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Sie kommt Anfang August in Templin zur Premiere.

Jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, zog es die meisten nochmals ins Theater zurück. Leider musste man bei diesem ständigen und eigentlich wohltuendem Rein und Raus dann doch zum zweiten Mal eine ganze Weile im Stau im Festzelt feststecken, sodass man sich wünschte, dass die Türen zu beiden Bühnen doch einen Moment früher geöffnet worden wären. Denn wie bei einem gutbestückten Büfett drängelten sich die Besucher, um ja auch wirklich einen der delikaten Happen zu ergattern. So einen konnte man aber auch haben, wenn man es sich auf dem Schirrhoff in einem der zahlreichen Sitzmöbel bequem machte und dem jungen Jazzpianisten Moses Vester lauschte.

Als vorletzte Etappe des schon oft erprobten Stilmixes aus Figurentheater, Tanz, Musik und Schauspiel sowie Masken- und Feuertheater waren die Berliner Company „Shakespeare und Partner“ und die Potsdamer Tänzerin Laura Heinicke angekündigt. Auch hier die gelöste und aufnahmebereite Stimmung eines Genießerpublikums, das auch den zweiten Shakespeare des Abends – hohe Sprechkunst und exzellentes Schauspielertheater mit viel Situationskomik - mit Bravorufen goutierte.

Und auch um 22.30 Uhr saßen und standen die Theaterbesucher, darunter immer noch eine Handvoll Kinder, dicht an dicht, um die Show „Feuermuehlen“ von Gregor Wollny und Jeanette Flexonette zu erleben. Doch wer eine technisch perfekte Feuershow erwartet hatte, wurde bald enttäuscht. Stattdessen zeigten die beiden mit Pudelmützen und Schwimmerbrillen und ganz in Weiß gekleideten Clowns eher skurril poetische Momente im Umgang mit brennenden Windmühlen. Umjubelter Höhepunkt dann auch hier zwei Szenen mit Enten und einem Elefanten in der Hauptrolle, sodass sich der Abend tierisch gut rundete.

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