• Lange Nacht der freien Theater in Potsdam: Endlich wieder Raum einnehmen

Lange Nacht der freien Theater in Potsdam : Endlich wieder Raum einnehmen

Bei der 16. Ausgabe standen die Pandemie und ihre Folgen im Fokus der Akteure. Zu sehen gab es 13 verschiedene Aufführungen - auch die Besucherinnen und Besucher wurden eingebunden.

Astrid Priebs-Tröger
Die Cottbuser Choreografin Golde Grunske überzeugte mit Côn.Takt.Los, ihrem intensiven Stück für vier Tänzer:innen. 
Die Cottbuser Choreografin Golde Grunske überzeugte mit Côn.Takt.Los, ihrem intensiven Stück für vier Tänzer:innen. Foto: Christiane Schleifenbaum

Potsdam - „Wenn jetzt der Vorhang aufgeht, würde ich gern die Veränderung sehen.“ Dies ist der Schlusssatz aus der gerade neu entstehenden Produktion „Blackout“ des Potsdamer Künstlerkollektivs Kombinat, die am Samstagabend das sechsstündige pralle Programm der 16. Langen Nacht der freien Theater des Landes Brandenburg im T-Werk in der Schiffbauergasse beschloss.

Diesmal kombinierten Paula E. Paul und Sirko Knüpfer nicht wie sonst Tanz und Film, sondern sie unternahmen einen auditiven Exkurs hinter die Kulissen. Bühnentechniker:innen aus der Vorgängerproduktion „Kunstpause“ kommen hier diesmal im völligen Bühnen-Dunkel zu Wort und reflektieren darüber, was Kunst ihnen persönlich bedeutet und wie sich die Coronakrise auf ihr Leben und ihre Arbeit auswirkte.

Damit sind Kombinat erfreulicherweise nicht mehr die Einzigen, die sich mit der Pandemie und ihren Folgen auseinandersetzen. Die Cottbuser Choreografin Golde Grunske überzeugte mit Côn.Takt.Los, ihrem intensiven Stück für vier Tänzer:innen, das die Erfahrungen vor allem junger Menschen, die Grunske während der Pandemie zu ihren Gefühlen befragte, in starke Bilder und klaustrophobische Energien verwandelt.

Großer Bedarf nach Austausch 

In einen sehr intimen Austausch über ihr Leben und die Kunst in der gegenwärtigen Krise traten auch die Tänzerin und Choreografin Laura Heinecke und der walisische Schauspieler und Regisseur Gareth Clark. In „Hidden Self“, das nach einem mehrwöchigen Skype-Austausch in einem analogen Begegnungsprozess in Potsdam mündete, gingen sie den Fragen „Wie nimmst Du Raum ein?“ und „Wann versteckst Du Dich?“ nach.

Auch das Publikum im Studio zwei sollte sich genau mit diesen Fragen in Briefform an Unbekannte auseinandersetzen. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, wer jedoch einen Absender auf seinem Brief hinterließ, wird womöglich doch eine Antwort bekommen. Diese drei Beispiele zeigen, wie sehr die Krise in den Künstler:innen nachwirkt und dass es einen großen Bedarf nach Austausch über das Geschehen der vergangenen zwei Jahre gibt. Jenseits von ideologischen Zuschreibungen oder ebensolchen Gräben.

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An diesem ersten Frühsommerabend war es auch einfach wunderbar, wieder vielen anderen Theaterinteressierten zu begegnen, die sich die insgesamt 13 verschiedenen Aufführungen ansahen und in den Pausen dazwischen unter freiem Himmel essen, trinken und reden konnten. Die meisten Inszenierungen stammten aus dem Tanz- beziehungsweise dem performativen Bereich.

Poetin bringt Samenbomben und Pflanzkartoffeln unters Volk

Die Akteure kamen unter anderem aus Potsdam, Berlin, Cottbus, Birkenwerder, der Uckermark und Rüdersdorf. Zu ihnen zählten das theater 89 mit seinem vorjährigen Georg-Weerth-Programm, aber auch die multimediale Rituale-Performance von Bianca Baalhorn, Udo Koloska und Nicolas Schulze.

Ein besonderes Highlight war die fantasievolle erdapfel-messer-wasser-salz-Performance der Poetin Etta Streicher, die altbekannte Worte wunderbar be- und zerklopfte und sie auf ihre vorwiegend natürlichen Ursprünge zurückführte. Und die dabei ganz nebenbei eine grüne Revolution anzettelte und Samenbomben und Pflanzkartoffeln unters Theatervolk brachte.

Mit dem Prinzip „Hoffnung“ beschäftigte sich auch die Oxymoron Dance Company, die im August mit dem gleichnamigen Stück die Potsdamer Schirrhofnächte eröffnet und sich mit ihrer bewährten Mischung aus Musik, zeitgenössischem Tanz und Bildender Kunst den Gedanken Ernst Blochs nähert.

Die Lange Nacht zeigte, dass bei den freien Theatern des Landes Brandenburg der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung nahezu allgegenwärtig und die künstlerische Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen im vollen Gange ist. 

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