Kultur : Kunst im Asyl

Christian Klischat las im Wohnheim am Nuthetal

Astrid Priebs-TrögerD

Die Idee ist großartig. Im April vergangenen Jahres ist Potsdams Asylbewerberheim nach langer Randlage endlich in ein Wohngebiet umgezogen. Nachbarschaftliche Kontakte und gesellschaftliche Teilhabe sind so für seine Bewohner besser möglich als vorher. Vor vier Monaten wurde vom Träger des Heims, dem Diakonischen Werk Potsdam, eine Reihe mit dem Namen „Kunstasyl“ ins Leben gerufen, die einmal pro Monat stattfindet, und das Ziel hat, Künstler, Asylbewerber und Potsdamer in Kontakt zu bringen. Seit November waren vor allem Musiker zu Gast und einige Asylbewerber hatten sich da schon vorsichtig unter das Publikum gemischt.

Das sah am Mittwochabend, als der ehemalige HOT-Schauspieler Christian Klischat, der extra aus Weimar angereist war, sein Programm „Sysiphus oder der Kellner meines Onkels“ präsentierte, völlig anders aus. Zwar blieben die beiden Männer, die im Glasfoyereingang des Heimes den Eintritt kassierten, eine ganze Weile in der letzten Reihe sitzen. Aber nach der von Klischat sprachlich und spielerisch souverän dargebotenen Begebenheit des Treffens zweier sehr ungleicher Männer mit dem gleichen S-Fehler, die von Wolfgang Borchert stammt, verließen sie schnell den Ort des Geschehens.

Denn neben profunden Deutschkenntnissen wurde den etwa zwei Dutzend Zuhörern dabei auch noch eine „Übersetzungsleistung“ in punkto Sprechfehler abverlangt. Und während sich die sprachmächtigen Gäste großartig amüsierten, wenn Klischat den Onkel „Armesch kleinesch Luder“ oder den Kellner immer wieder „Schischifusch“ lauthals ausrufen ließ, hatten die beiden Bewohner wahrscheinlich einfach den Anschluss verloren. Auch die zwei anderen Geschichten, die Christian Klischat nicht „freihändig“ vortrug aber pointiert und spannungsvoll las, konnten keinen der Menschen, die am gläsernen Vortragsraum immer wieder mit Einkaufstaschen vorbei gingen, hereinlocken. Türenklappen und Kinderlachen gab es dagegen – in diesem Falle störend – immer mal wieder im Hintergrund.

Stattdessen waren die ortsfremden und literaturbegeisterten Zuhörer unter sich und ließen sich von Franz Hohlers vielschichtig-teuflischer Erzählung „Das Haustier“ amüsieren und genossen sichtlich den nur im flackernden Schein einer Kerze vorgetragenen Edgar Allan Poe. Auch hier ein glänzend aufgelegter Klischat, der es vermochte, den Wahnsinn des Protagonisten, der wegen eines wasserblauen Auges zum Mörder an einem alten Mannes wird, nachhaltig zum Leben zu erwecken. Viel Beifall nach einer guten Stunde mitreißender Lese- und Schauspielkunst.

Die zweite Staffel des „Kunstasyl“ wird gerade aufgelegt. Im März werden Roman Gegenbauer und Rosemarie Goetze als Gäste erwartet und es bleibt zu hoffen, dass die, an deren jetzigem Lebensmittelpunkt die Künstler auftreten, nicht wieder „draußen vor der Tür“ bleiben. Und noch besser wäre es, wenn man ihnen nichts Fertiges vorsetzen würde, sondern sie dazu bewegen könnte, selbst in Aktion zu treten. Denn wirkliche Begegnung kann nur stattfinden, wenn man sich einerseits an den unterschiedlichen Bedürfnissen orientiert und andererseits die „Hausherren“ ermuntert, selbst Angebote zu machen. Astrid Priebs-Tröger

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