• Kultur in Potsdam: „Hier traut man sich was“

Kultur in Potsdam : „Hier traut man sich was“

Julia Brömsel arbeitet im Rechenzentrum und will sich neu erfinden. Jetzt stellt sie bei „Matschke“ aus.

Übermalt. „Gelbes“ nennt Julia Brömsel dieses Bild. Fünf Schichten liegen übereinander.
Übermalt. „Gelbes“ nennt Julia Brömsel dieses Bild. Fünf Schichten liegen übereinander.

Potsdam - Der Lärm der Baumaschinen dringt durch das Fenster. Die Bohrer für die Fundamentpfähle der Garnisonkirche drehen sich genau unter dem Atelier von Julia Brömsel. Die Malerin gehört zu den rund 250 Nutzern des Rechenzentrums und ist froh, hier arbeiten zu können. Trotz des Lärms. Manchmal dreht sie die Musik ganz laut auf, um gegenzusteuern. Manchmal verlässt sie auch wieder das Haus, malt zuhause kleinere Formate und kommt erst abends wieder, wenn die Bauarbeiten ruhen und der Verkehr in der Breiten Straße nachlässt.

Ihren Bildern ist dieser Lärm nicht anzumerken. Sie sind wie eine Oase des Rückzugs, des in sich Ruhens, des liebevollen Miteinanders. Die Südsonne, die Julia Brömsel so mag, scheint herein und lässt die kraftvollen Farben auf ihren Bildern tanzen. Das Licht verfängt sich in den großäugigen Gesichtern, in den sich aneinander schmiegenden Paaren: archaische Figuren, eingebettet in eine wilde Flora und Fauna, die den Betrachter wie auf einer Theaterbühne hineinziehen.

Doch der erste Blick gibt nicht alles preis. Die Potsdamerin mag es vielschichtig. Julia Brömsel ist bekannt für ihre Landkarten, Stickmusterbögen oder Fotos, die sie schwungvoll übermalt. Seit kurzem übermalt sie sogar ihre eigenen Bilder, mit freiem Gestus, bis ins Abstrakte treibend. Unter dem schemenhaften „Rüsseltier“ ist ein Liebespaar versenkt. Wenn sie den ersten Pinselstrich setzt oder mit dem Tuscheschwamm drüber wischt, hält sie den Atem an. „Es ist ein unheimlich radikaler Moment. Es kann sein, dass ich es danach bereue, aber das Risiko gehe ich ein.“ Julia Brömsel will sich neu erfinden, experimentieren. Vielleicht liegt das auch an dem neuen Atelier.

„Ein wunderschöner Beruf, aber kein Zuckerschlecken“

Es gehört Mut dazu, Altes zu verlassen, ohne zu wissen, was kommt. In der Malerei, wie im Leben. Julia Brömsel brauchte schon oft Mut: auf ihrer vielbeschriebenen Lebenslandkarte. Die Leidenschaft zur Kunst wies ihr dabei den Weg. Während sie die Bilder im Rechenzentrum nach und nach abhängt, in Folie wickelt, und für die Ausstellung im Café Matschke transportbereit macht, schaut sie zurück in die Zeit ihrer Theaterlaufbahn, die sie als Kind bei Zaba, der Theatergruppe von Ulrike Schlue im Offenen Kunstverein, begann. Auch damals malte sie neben dem Spiel. Es lag auf der Hand, dass sie auch beruflich in die Kunst eintauchen würde. Die Eltern lebten es vor, die Mutter als Holzbildhauerin, der Vater als Kameramann.

Mit 17 hatte sie ihre erste Ausstellung: im Frauenzentrum Potsdam. Doch ihr Wunsch war es, Puppenspielerin zu werden. Das hätte alle Neigungen miteinander vereint. Doch für ein Studium war sie noch zu jung und auf ein Abitur hatte sie keine Lust. Also ging sie in die Lehre zur orthopädischen Schuhmacherin: mitten hinein in die Männerdomäne. „Ein wunderschöner Beruf, aber kein Zuckerschlecken.“ Zumal der Meister mehr von ihr wollte. Und schon sind wir bei MeToo. „Ich wollte die Ausbildungsstelle behalten und mich dennoch abgrenzen. Eine harte Lebensschule.“ Julia Brömsel wechselte in einen anderen Laden und beendete die Lehre. Und sie malte weiter, oft bis in die Nacht hinein. Dann las sie eine Anzeige für das Pantomimenstudium auf der Folkwangschule in Essen.

Lange hielt sie es im mimischen Solo-Ritt nicht aus

„Sie nahmen mich sofort, auch ohne Abi.“ Die rothaarige junge Frau mit den geflochtenen Zöpfen strahlt, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie an der Seite ihrer Kommilitonen nach dem Studium mit dem Stück „Die Mörder sind unter uns“ herumtourten und Preise bekamen. „Ich dachte, jetzt rocken wir die Welt.“ Aber ihre Mitspieler gingen bald in feste Engagements und Julia Brömsel war als Clownin auf sich zurückgeworfen. Doch sie ist eher ein Gruppenmensch, auch hier im Atelier, wo die Tür immer offensteht und sie sich über jeden Besucher freut. „Zum Tag des Offenen Ateliers kamen etwa 400 Leute, und einige kauften auch“, sagt sie frohgemut.

Lange hielt sie es im mimischen Solo-Ritt nicht aus. Es trieb sie zu „Ton und Kirschen“, das von ihr seit Kindertagen hochgeschätzte Wandertheater. Zwei Jahre wanderte sie mit: schauspielernd, malend. Und überall fielen ihr Landkarten in die Hand.

Heute ist ihre Ateliertür von einem Landkartenbogen überspannt, auch zwei kleine Stiefel mit Landkartenmuster stehen davor. Sie sind von ihren sechs und acht Jahre alten Kindern. Als Julia Brömsel Mutter wurde, war es mit dem Herumziehen erstmal vorbei. Fehlt ihr etwas? „Ja“, sagt sie sofort. „Theater ist Gemeinschaft.“ Es kann sein, dass sie irgendwann zurückkehrt. Aber auch dazu braucht es wieder Mut.

„Ich brauche die Leere, um neue Sachen entstehen zu lassen“

Jetzt ist sie erstmal damit beschäftigt, zu schauen, wie es im Atelier weitergeht. Im August laufen die Mietverträge aus. Auch wenn sie verlängert werden, stehen Preiserhöhungen an. Die Betriebskosten müssen reinkommen. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, eine höhere Miete zu zahlen. Im Moment sind es sieben Euro pro Quadratmeter. Wie viele bleiben nach einer Mietsteigerung dann wirklich im Haus? Die Ambitionen sind da, aber auch die Konditionen müssen stimmen.“ Julia Brömsel ist oft acht bis zehn Stunden im Rechenzentrum. „Hier traut man sich was, weil nichts so glatt ist.“

Vor drei Jahren hat sie das Atelierhaus Scholle 51 mitgegründet, jetzt ist sie hier, an einem zentraleren Ort, ist von der Nord- zur Südseite gewechselt. „In der Scholle war ich damals eine der wenigen Bildenden Künstler. Hier gibt es eine regere Nachbarschaft, auch wenn der Austausch noch besser sein könnte.“ Aber der Sommer mit seinen Interaktionen im Hof stehe ja noch bevor.

Am Ende unseres Gesprächs sind die Wände fast leer, Julia Brömsels Träume sind verpackt. Der Raum wirkt trist, als würde plötzlich die Sonne fehlen. Sie selbst fühlt sich befreit. „Ich brauche die Leere, um neue Sachen entstehen zu lassen“. Am liebsten hätte sie einen zweiten Raum, einen, der immer für Neuanfänge offensteht. Für ihre Liebenden, Träumenden, die sich nach dem sehnen, was oft fehlt auf dieser Welt.

Julia Brömsel zeigt ihre „Übermalungen“ bis 24. Juni im Café Matschke, Alleestraße 10.

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