• Kultur in Potsdam: Heimatkunde digital: Brandenburgs Identität

Kultur in Potsdam : Heimatkunde digital: Brandenburgs Identität

Wie das HBPG mit neuem Format im Internet der alten Frage nach nachgehen will: Was ist die Identität Brandenburgs?

Zu Hause? Hisbolluh, 16 Jahre alt, floh unbegleitet aus Afghanistan nach Deutschland. Er wohnt in Trebbin. Die Ausstellung „Heimatkunde“ zeigt ihn beim Boxtraining auf einem Foto von Abdulsalam Ajaj, geflüchtet aus Syrien. Die Beteiligung von Geflüchteten ist Neuland für das HBPG, ebenso wie die Form der Schau: Sie ist digital. F.: A. Ajaj
Zu Hause? Hisbolluh, 16 Jahre alt, floh unbegleitet aus Afghanistan nach Deutschland. Er wohnt in Trebbin. Die Ausstellung...

Was für ein staubiges Wort das ist: Heimatkunde. Es schmeckt nach Schulbank und Deutschtümelei, nach verordnetem Wir-Gefühl, und dürfte für manchen im emotionalen Gehalt nicht weit weg sein von Staatsbürgerkunde. Das Haus Brandenburgisch-Preußischer Geschichte (HBPG) hat sich davon nicht schrecken lassen und seinem neuesten Projekt diesen altertümlichen Namen verpasst. Einem Projekt zumal, dass sich museumstechnisch in Richtung Zukunft tastet. „Heimatkunde: Flucht, Migration, Integration in Brandenburg“, so heißt die erste digitale Ausstellung des Hauses. Und sie soll weiter wachsen: mit Besucherbeiträgen zum Thema Heimat auf einem mit der Schau verlinkten Instagram-Account.

„Es sind neue Wege, auf die wir uns begeben“, sagte Kurt Winkler, der Leiter des HBPG, dann auch bei der Pressekonferenz zum Projekt. Neu sowohl im Format wie auch in der Genese der Ausstellung. Die „Heimatkunde“ wird hier nicht nur mit Deutschen und nicht nur auf Deutsch betrieben. Die Schau ist in Zusammenarbeit mit jungen Geflüchteten entstanden, drei Syrern.

Einer von ihnen ist Abdulsalam Ajaj. Der Architekturstudent aus Damaskus flüchtete 2015 nach Deutschland. Jetzt lebt er als Fotograf in Berlin, will eigentlich Film studieren, irgendwann. Von ihm stammen die Videos und Fotos, die in „Heimatkunde“ zu sehen sind. Abdulsalam Ajaj hat sie alle ins Bild gerückt, ist ihnen gerade in seinen Fotos teilweise so nahe gekommen, wie kein Kuratorentext es je könnte. Die minderjährigen Jungs zum Beispiel, 15 unbegleitete Flüchtlinge, die seit 2017 in zwei Wohngruppen in Trebbin leben. Abbdo aus Mali, der beim FC Victoria Jüterbog Fußball spielt und Profifußballer werden will. Oder Tarek aus Damaskus, der es in Trebbin sterbenslangweilig findet und lieber in Neukölln leben will. Oder Hisbolluh aus Afghanistan, der zweimal pro Woche in Neukölln Kickboxen trainiert. In diesen Bildern ahnt man, wie sperrig diese neue Heimat Brandenburg sein kann, und auch, wie sehr sich die Porträtierten danach sehnen, hier – vielleicht auch nebenan in Berlin – anzukommen. Oder auch, wie sehr das, was sie zurückgelassen haben, ihnen hier fehlt. Davon erzählt der Film über die kurdische Mädchentanzgruppe, die die Frauenrechtsaktivistin Sabiha Khalil in Luckenwalde gegründet hat. Um so wenigstens ein Stückchen Heimat nach Brandenburg zu holen.

Die Ausstellungssprachen sind Deutsch, Arabisch, Englisch. Das ist durchaus als Ansage der Macher zu verstehen: Heimat in Brandenburg ist heute mehrsprachig. Und was ist das eigentlich, brandenburgische Identität? Ein Thema, sagt Winkler, das das HBPG schon lange beschäftigt. Auch dass das Haus hierauf keine kurzen, bündigen Antworten sucht, macht Winkler deutlich. „Diese Identität kann nicht normativ gesetzt werden, sondern muss durch bestimmte Prozesse ausgehandelt werden“, sagt er. Was im Übrigen nicht erst seit 2015 gilt, wie Winkler wiederholt betont. „Brandenburgische Identität war immer geprägt von Migration, von dem Miteinander, das damit einhergeht, und manchmal auch von dem Gegeneinander.“

Von beidem, dem Mit-, aber auch dem Gegeneinander, gäbe es im Brandenburg des Jahres 2018 viel zu erzählen. Das Projekt „Heimatkunde“ aber will sich auf das Miteinander konzentrieren, positive Impulse setzen, daraus macht die Schau kein Geheimnis. Ressentiments sollen nicht ausgespart werden, aber: „Wir wollten eher die positiven Geschichten zeigen“, sagt Lisa Barthelmes, Ethnologin und wissenschaftliche Kuratorin von „Heimatkunde“. Sie hat sich seit Juni 2017 mit dem Projekt befasst, hat in brandenburgischen Kommunen recherchiert, sich mit lokalen Politikern, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Willkommensinitiativen unterhalten und zwischen September und Dezember Interviews mit Geflüchteten und Deutschen zum Thema Heimat geführt.

Zehn zeitgenössische Geschichten kann man sich auf der Webseite von „Heimatkunde“ erklicken, neun Videos von 20 Geflüchteten und 13 Deutschen. Darunter auch die deutsche Erzieherin, die in Neuruppin bei einem syrischen Lehrer Arabischunterricht nimmt und auf die Warum-Frage antwortet: „Integration findet in beide Richtungen statt. Wir müssen uns auch integrieren, deshalb bin ich hier.“ Eine bedenkenswerte These. Aus Potsdam wird die Initiative der Gemeindedolmetscher vorgestellt, ein Qualifizierungsprogramm für Geflüchtete, die Dolmetscher werden wollen. Und das im September 2017 vorgestellte Fotoprojekt „On the Move“, in dem acht geflüchtete Jugendliche aus Syrien im Potsdamer Rathaus ihre fotografische Sicht auf Potsdam zeigten.

„Heimatkunde“ begnügt sich nicht mit dem Blick in die Befindlichkeiten von Deutschen und Geflüchteten heute, sondern macht in sechs Beiträgen auch die historische Perspektive auf. Hierin kommt die Schau ihrem schulmeisterlichen Namen vielleicht am nächsten – und ist deswegen doch längst nicht weniger spannend. Im Gegenteil. „Brandenburg ist ein Einwanderungsland“, steht da, und zwar seit dem Mittelalter. Auf so glasklare wie nüchterne Weise werden hier die historisch unterfütterten Fakten geliefert, die man sich merken sollte, sollte man mal in die Verlegenheit kommen und gegen „Überfremdung“ argumentieren müssen: „Von den Anfängen im Mittelalter, als sich ein Territorium mit dem Namen Brandenburg herausbildete, prägten Einwanderer seine Landesgeschichte wesentlich mit.“ Ohnehin wohnten hier einst Slawen, erinnert die Schau. Dann kamen Einwanderer aus dem Westen des heutigen Deutschlands, Belgiens und den Niederlanden. Später kamen, das wohl bekannteste Beispiel für Migrationsbewegungen in Brandenburg, die Hugenotten.

Ob die, die solche Argumente am dringendsten benötigen, diese digitale Ausstellung auch ansehen werden, bleibt natürlich fraglich. Wie man an die herankommt, sei eine „nach wie vor ungelöste Gretchenfrage“, sagte Doris Lemmermeier, die Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg. Die Schwellenangst, die Institutionen wie dem HBPG oft im Wege steht, umgeht diese Schau jedenfalls – ein Anfang. Und alle Freunde des Analogen seien beruhigt: Auch eine kleine Wanderausstellung zum Thema ist geplant, die die Frage nach brandenburgischer Identität dann in die Sparkassen und Rathäuser dieses Landes tragen soll.

„Heimatkunde: Flucht – Migration – Integration in Brandenburg“ ist unter www.heimatkunde-brandenburg.de oder www.instagram.com/heimatkunde.brandenburg zu erkunden

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