Kultur : Kritisch bleiben!

Carmen-Maja und Jennipher Antoni im Gespräch

Astrid Priebs-Tröger

Kurzhaarig, klein und spitznasig sind sie beide. Und das ist definitiv nicht das Schauspielerinnen-Erscheinungsbild,das heutzutage Quote macht. Doch das ist es auch nicht, was beide – Mutter und Tochter – antreibt, auf der Bühne zu stehen oder vor der Kamera zu arbeiten. Das betonten Carmen-Maja Antoni (Jahrgang 1945) und Jennipher Antoni (Jahrgang 1976) mehrfach in der Gesprächsrunde „Der Förderkreis stellt vor“, die am Dienstagabend in der bis auf den letzten Platz besetzten Villa Arnim stattfand.

Wichtiger ist für beide wohl das, was Tochter Jennipher, die vor kurzem am Londoner Soho-Theater bei einem politischen Theaterfestival mit Teilnehmern aus Afghanistan, Pakistan, Afrika und Deutschland dabei war, so formulierte: „Theater muss sich mit Politik beschäftigen, man muss sich Gedanken machen über das Warum, eine Meinung vertreten, auch wenn man aneckt.“ Ähnlich hatte sich ihre Mutter zuletzt in Potsdam geäußert, als sie vor knapp einem Jahr vom Aufsehen erregenden Gastspiel des Berliner Ensembles aus dem Iran zurückgekehrt war (PNN berichteten) und darüber aus erster Hand berichtete.

Auch am Dienstagabend ging sie noch einmal kurz darauf ein, verzichtete aber aus Zeitgründen auf „die Politik“ und erzählte stattdessen gewohnt direkt und pointiert, wie sie den strengen Vorschriften der iranischen Moral- und Sittenwächter mit einiger Frechheit und viel Spielwitz ausweichen konnte. Und sie beschrieb auch, wie gerade das Publikum im Iran auf Pointen, „die hierzulande keiner mehr hört“, mit viel Beifall reagierte und ihre „Mutter Courage“ auf diese Weise einen ungemein aktuellen Kontext bekam. Das Etikett „Brecht-Schauspielerin“ lehnt die Antoni, die ihr Studium an der HFF absolvierte und ihre ersten Bühnenerfahrungen in den 60er Jahren am Hans Otto Theater sammelte, indes ab und erzählte stattdessen, wie Helene Weigel sie wiederholt darum bat, doch endlich ans BE zu kommen. Doch erst nach deren Tod ging Carmen-Maja Antoni 1976 dorthin und ist seitdem mehr als dreißig Jahre lang mit diesem Haus verbunden.

Mit so einem Erbe anzutreten, ist für ihre Tochter – „Mama ist mein beste Freundin“ – nicht immer leicht. Anfangs wollte sie auch gar nicht in die Fußstapfen der Mutter treten und studierte, obwohl sie bereits eigene Erfahrungen beim Film gesammelt hatte, vier Jahre lang Russisch und Japanisch an der Humboldt-Universität. Doch mit Mitte zwanzig und auf Anstoß ihres Kollegen Martin Bennrath entschied sie sich dann doch für ein Schauspielstudium. An der HFF, an der damals auch ihre Mutter lehrte, sei das manchmal „wie ein Spießrutenlaufen gewesen“. Wegen Befangenheit von Lehrenden und Äußerungen von Misstrauen und Neid von Kommilitonen.

Jennipher Antoni war froh, direkt von der Hochschule ans HOT engagiert zu werden. Diese Zeit, betont sie, hat sie geprägt und sie sei „dankbar, dass sie vier Jahre Theater mit mehr als 30 Rollen spielen durfte“. Allerdings hat sie sich, noch vor Bekanntwerden des Intendantenwechsels entschlossen, neue, eigene Wege zu gehen. Denn anders, als in den Anfangszeiten und insbesondere von „Theater unterwegs“, was eine überaus kreative und lebendige Zeit war, stellte sich bei ihr im letzten Jahr ein Gefühl von Stillstand und Bedrückung ein, dem sie mit dem Schritt in die Freiberuflichkeit zu entkommen suchte. Ihre Mutter sagte außerdem, dass es schade sei, „dass Jenni nicht mit einem Joker aus Potsdam rausgehen konnte.“

Neue Erfahrungen machen, über den Tellerrand schauen und kritisch bleiben bis zur Premiere, ist dabei ihr Credo. Außerdem wünscht sie sich, dass gerade „junge Kollegen offener aufeinander zugehen“, als das zum Teil in Potsdam der Fall war.

Auch diesen Ansichten konnte sich ihre Mutter, die mit der Tochter und dem am Dienstag anwesenden Sohn Jakob außerdem die Liebe zur japanischen Kampfkunst teilt, ohne weiteres anschließen. Und nach 90 interessanten und dabei immer unterhaltsamen Minuten blieb der wohltuend zurückhaltenden Moderatorin Heike Neumann, die die erkrankte Lea Rosh souverän vertrat, nur noch übrig, sich für die Offenheit beider, gewohnt starker Frauen auf das Herzlichste zu bedanken. Astrid Priebs-Tröger

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.