Kultur : Kreativurlaub

fabrik-Camp: Ergebnisse von Choreografinnen

Astrid Priebs-Tröger

Für Lina Lindheimer waren die beiden Augustwochen wie ein Geschenk. Die junge Berliner Tänzerin genoss es, den ganzen Tag ein Studio zur Verfügung zu haben, aufmerksam umsorgt zu werden und regelmäßig zu den gemeinsamen Mahlzeiten ihre sechs Kolleginnen zu treffen und sich mit ihnen über ihren Arbeitsprozess auszutauschen. Das ist bei Tänzerinnen ohne Kompanie nicht der Normalzustand und schon gar nicht, wenn sie ihre ersten Schritte als Choreografin tun.

Lina Lindheimer arbeitet in ihrem jüngsten Projekt über Autorschaft im Tanz und geht der Frage nach, ob ein Urheberrecht auf Bewegung möglich ist und ob Qualität nicht vielmehr durch freie Kooperation unter Gleichen statt durch Wettbewerb entsteht. Wie setzt man solche Gedanken in Bewegungen und Bilder, also letztlich in eine Choreografie um? Das ist ein langwieriger Prozess, für den man neben Inspiration, Ideen und Durchhaltevermögen, auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen auch Zuspruch oder Auseinandersetzung, Resonanz von anderen braucht.

Im Rahmen des Programms „Artists in Residence“ in der fabrik wurden die Ergebnisse des Kreativcamps von Choreografinnen aus Berlin, Toronto und Tallinn in einer sogenannten Zuschauerschule präsentiert. Die sieben Tänzerinnen hatten sich mit ihren Projekten Anfang des Jahres für einen Arbeitsaufenthalt beworben und wurden aus mehr als 40 eingereichten Bewerbungen ausgewählt. Neben vier Soloprogrammen gab es eine gemeinsame Performance von drei Tänzerinnen zu sehen.

Lea Helmstädter, Lena Meierkord und Sybille Müller aus Berlin stellten sich auf der tageshellen Arbeitsbühne zu einer „Leiberplastik“ zusammen. „Plötzlich“, so auch der Titel ihres Projektes, verändert eine Tänzerin ihre Position, die anderen folgten im selben Moment. Augenscheinlich geht es ums Berühren, Halten, Stützen und anfangs ist Geborgenheit und Nähe ein durchaus positives Grundgefühl. Was aber ist, wenn Eine die „Tanzfamilie“ verlassen und ihren eigenen Weg gehen will? Halten die anderen und sie selbst diesen Verlust aus? Nach zehn Minuten und einem kurzen Break ein anderes Bild: Die Tänzerinnen berühren sich nicht mehr mit ihren Körpern und sind doch noch eine Gruppe, in der alle miteinander agieren. Die beiden gezeigten Sequenzen machten Lust auf mehr und waren in ihrer Intensität vielleicht schon der Auftakt einer spannungsgeladenen Choreografie. Wesentlich weiter fortgeschritten im Arbeitsprozess waren die beiden internationalen Gäste: Meagan O“ Shea aus Kanada und Eike Ülevain aus Estland. Ihre Soloprogramme mit dem Titel „something blue“ und „Välurebane“ haben Ende diesen beziehungsweise Anfang nächsten Jahres Premiere. O´Shea interessiert sich in ihrer expressiven Performance für die zerbrochenen Beziehungen ehemals verheirateter Frauen. Die kräftige und sehr kraftvolle blonde Tänzerin eroberte den jetzt schwarzen Bühnenraum mit weitausgreifenden Schritten. Den anfänglichen Überschwang lässt sie in artistische Schulterrollen einmünden. Doch irgendwann rollt sie nur noch durch den Raum und als auch das vor Erschöpfung nicht mehr geht, zuckt zuletzt einzig der Kopf am ehemals energiegeladenen Leib.

Eike Ülevain präsentierte ein multimediales, sehr spielerisch anmutendes Tanzprojekt. In dem neben einem witzigen „Zitronenballett“ auch ein gefalteter Papierfuchs, beides in eingeblendeten Videosequenzen gezeigt, und ein Schattenspiel der dabei zuschauenden Tänzerin eine Rolle spielten.Astrid Priebs-Tröger

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