Kultur : Kraft und Zärtlichkeit

Un Loup pour L’Homme begeisterten zur Eröffnung der Tanztage

Astrid Priebs-Tröger

Die Mischung aus Akrobatik, Kampfsport-, Spiel- und Tanzelementen, die die vier Männer der französischen Companie Un Loup pour L’Homme als diesjährigen Auftakt der Tanztage am Mittwoch in der Schinkelhalle in einer rechteckigen Arena präsentierten, fühlte sich ungewohnt und überraschend an. Auch wenn die Begründer der Gruppe Frédéric Arsenault und Alexandre Fray mit ihrer kämpferischen Körperstudie „Appris par corps“ schon vor zwei Jahren in Potsdam enthusiastisch gefeiert wurden.

Paarweise betraten die Darsteller bei der Deutschlandpremiere von „Face Nord“ die Arena. Paar eins in grauer Sportkleidung und kurz darauf Paar zwei. Dieses war in farbige Fantasierüstungen gekleidet, die eine wilde Mischung aus Kopfbedeckungen, Brust- und Schulterpanzern aus dem Eishockey, American Football, Boxen und Taekwondo darstellte. Und die ersten sportlich-rituellen Umarmungen bis zum Umfallen brachten die Plastikrüstungen zum Scheppern und die Zuschauer ins befreiende Lachen. Denn wenn man ein sportlich-martialisches Kampfspektakel erwartet hatte – die Ankündigungsplakate konnten diesen ersten Eindruck vermitteln – wurde bald eines Besseren belehrt: Kraft und Zärtlichkeit, Wettkampf und Empathie, Poesie und Fragilität waren die tragenden Komponenten der knapp einstündigen Aufführung.

Das alles wurde mit Witz und Ernst von Frédéric Arsenault und Alexandre Fray, Mika Lafforgue und Sergi Parés verkörpert, die neben ihren clownesken Talenten vor allem durch ihre akrobatische Meisterschaft begeisterten. Denn kaum hatte Paar zwei seine Fantasierüstungen und das sportlich-männliche Gebaren abgelegt, waren da vier Suchende auf dem grünen Feld, die sowohl männlich-kraftvoll als auch sensibel und intuitiv untersuchten, wer und was ihre Beziehungen zueinander konstituiert, trägt und hält. Das konnte man in eindrucksvollen akrobatischen Figuren aber auch in den witzigen Kontaktimprovisationen, die eine Fortbewegung durch die gesamte Arena ermöglichten, oder durch das kindlich anmutende „Mäh“-Spiel erspüren und teilen.

Die Energien, die sich da zwischen den Akteuren entfalteten, taten ungemein wohl, weil die vielen verschiedenen Facetten von Männlichkeit, die ja eine Seite von Menschlichkeit ist, so wunderbar kräftig und spielerisch-leicht zugleich zum Tragen kamen. Großartig solche Figuren wie der Versuch des Auseinanderbringens der Rücken an Rücken stehenden Artisten, der „Fortbewegungswurm“ oder dieser poetische Reigen des immerwährenden Werdens und Vergehens, bei dem sich Kraft, Eleganz und Zärtlichkeit so kongenial die Waage hielten.

Ungemein faszinierend an der gesamten Inszenierung war auch die gleichzeitige Anwesenheit von großer Kraft, und, für jeden sichtbar, von Fragilität. Diese vier Artisten zogen keine „perfekte“ Show ab, sondern man spürte die immense Kraftanstrengung, die die akrobatischen Figuren kosteten, spürte die immerwährende Suche nach der Grenzerfahrung und es war atemberaubend, wenn diese Männer ihre „Verwundbarkeit“ offen zeigten und Scheitern zum Abend (und zum Leben) dazu gehörte. Wie stark das Gruppengefühl sein muss, um sich solchen Gefühlen auszuliefern, kann man auch auf den feinfühligen Fotografien von Milan Szypura im Eingangsbereich der Schinkelhalle sehen, die während der Residenz der Gruppe an ganz unterschiedlichen „Spielplätzen“ in Potsdam entstanden.

Minutenlanger Beifall setzte ein, als die Vier ihre akrobatisch-philosophische (Innen-)Schau beendet hatten und die tiefe Bewegung auf beiden Seiten der Arena war deutlich zu spüren. „Face Nord“ war ein ungemein vielschichtiger und dabei sehr intimer Beginn der diesjährigen Tanztage. Astrid Priebs-Tröger

Heute 20 Uhr, morgen 21 Uhr „Land-Research“ von Arkadi Zaides, auf der Großen Bühne der „fabrik“

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