Kultur : Koste es was es wolle

Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm „Let’s make money“ bei der Ökofilmtour

Astrid Priebs-TrögerD

Dieser Film lässt niemanden kalt. Es sei denn, man gehört zu den etwa drei Prozent der Weltbevölkerung, die mit ihrer unvorstellbar großen Menge an Geld die „Spielregeln“ auf unserem Planeten bestimmen. Oder zu ihren Helfershelfern in Regierungen, Banken und Unternehmen weltweit. Das Filmmuseum war am Donnerstagabend bis auf den buchstäblich letzten Platz besetzt und man hatte den Eindruck, dass die allermeisten Zuschauer nahezu atemlos den bestürzenden Bildern und Fakten des neuesten Dokumentarfilmes des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer (Jahrgang 1961) folgten, der als weiterer Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Ökofilmtour gezeigt wurde.

Dabei zeigte er eigentlich nichts Neues oder gar Unbekanntes. Denn der vor mehr als zwanzig Jahren noch hierzulande sozialisierte Staatsbürger hat es nahezu mit der Muttermilch serviert bekommen, wie der „Kapitalismus“ bzw. seine höher entwickelte Form „Imperialismus“ aus der Sicht von Marx, Engels und Lenin eigentlich ticken. Insofern hatte „Let’s make money“ etwas von einem Déjà-vu-Erlebnis. Und auch wieder nicht. Denn was einem damals als vereinfachende Schwarz-weiß-Malerei in oft unverständlichen -ismen daherkam, hat hier konkrete Gesichter und eindringliche, bedrückende Bilder. Wagenhofer, der für diesen Film drei Jahre lang um die Welt reiste, nicht mit großem Stab, sondern allein mit Assistentin Lisa Ganser, ist es gelungen, Menschen vor die Kamera zu holen, die offen erzählen, wie der Neoliberalismus (was für ein Euphemismus) hier und heute funktioniert. Josef Ackermann hat seinen „Auftritt“ übrigens noch ganz kurzfristig absagen lassen.

Denn die „Offenheit“ und Kaltschnäuzigkeit eines Mark Moebius – seines Zeichens Fondsmanager und Präsident von „Templeton Emerging Markets“ – hätte er wohl kaum aufbringen können, ohne zumindest hierzulande einen Sturm der Entrüstung auszulösen. Aber Moebius sagt ganz ungeniert in die Kamera, „dass es die beste Zeit zu kaufen ist, wenn das Blut auf den Straßen klebt.“ „Auch wenn es dein eigenes ist“, fügt er noch hinzu und meint damit, dass während kriegerischer oder revolutionärer Auseinandersetzungen für Leute seines Schlages die beste Zeit zum Geldverdienen ist. Vor allem ums Geld ging es auch im Irakkrieg – auch das „wissen“ die meisten von uns – aber wenn der ehemalige Wirtschaftskiller John Perkins davon erzählt, wie Amerika die Politik anderer Länder mit Hilfe von „Schakalen“, und wenn die nichts erreichen, mit offenen kriegerischen Auseinandersetzungen zu seinem Vorteil dreht, dann kann einem das Blut in den Adern gefrieren.

Die Arroganz und Ignoranz der herrschenden (Geld)-Eliten verschlug auch dem Alternativen Nobelpreisträger Michael Succow die Sprache, der in der anschließenden, etwas wirren und ziemlich emotionalisierten Podiumsdiskussion sagte, dass der wahnsinnige globalisierte Kapitalismus kurzfristig die Basis der menschlichen Zivilisation zerstört und der in allen Kulturen tradierte „Mythos der Sintflut“ sich jetzt schon erfüllt. Diese Erkenntnis kam ihm nicht leicht über die Lippen.

Auch wenn der Film vor allem die da „oben“ porträtierte und große Teile, beispielsweise der indischen oder afrikanischen Bevölkerung, vorwiegend als „Opfer“ darstellt, vermag er auch die Zusammenhänge aufzuzeigen, die unseren „Anteil“ an diesem „Spiel“ ausmachen. Denn getrieben von den Urinstinkten Gier und Angst tragen wir alle dazu bei, koste es was es wolle, den größtmöglichen Anteil vom Kuchen zu ergattern. Dass wir selbst und unsere Erde dabei über kurz oder lang auf der Strecke bleiben, leuchtet leider den allerwenigsten ein. Aber nach diesem Film kann niemand mehr sagen, „man hätte es nicht gewusst.“

Astrid Priebs-Tröger

„Let’s make money“ läuft nochmals am 14. Januar um 16.30 Uhr im Babelsberger Thalia

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