• Konzerttheater in der Friedenskirche: Wetterleuchten mit Flöten und Pauken

Konzerttheater in der Friedenskirche : Wetterleuchten mit Flöten und Pauken

Das Poetenpack spielte Shakespeares Sommernachtstraum in der Friedenskirche, das Neue Kammerorchester lieferte die musikalische Untermalung.

Babette Kaiserkern
Im Elfenreich. Der Sommernachtstraum in Sanssoucis Friedenskirche.
Im Elfenreich. Der Sommernachtstraum in Sanssoucis Friedenskirche.Foto: Stefan Gloede

Potsdam - Beim Saisonabschlusskonzert in der Friedenskirche Sanssouci konnte man nachträglich meinen, dass Göttervater Jupiter persönlich die Regie führte und nicht Ud Joffe vom Neuen Kammerorchester Potsdam und Kai Schubert vom Theater Poetenpack. Schon vor Beginn stimmten im Atrium weiche, harmonisch gespielte Klänge zweier Violoncelli das Publikum auf einen zauberhaften Abend ein. Da das musikalisch-theatralische Spektakel aus bautechnischen Gründen nicht wie vorgesehen in den Arkaden stattfinden konnte, musste man in die Kirche ausweichen. Das erwies sich als Glücksfall. Denn nur dort passten statt der vorgesehenen 150 die 400 Zuhörer wirklich hinein.

Dass der alte Donnergott noch dazu den anfänglich lauen Sommerabend mit kräftigen Regenschauern abrupt beendete, wirkte wie ein zweiter glücklicher Umstand. In der fast tropischen Wärme der Kirche blühte und wogte, schimmerte und glühte die Musik umso märchenhafter. Aus dem äußersten Winkel erklingen die ersten Töne von Felix Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum sehr zart in den Bläsern, wandern in die flimmernden Violinen und Bratschen, bis der volle Klang schließlich Shakespeare erreicht. Die asymmetrische Aufstellung des Orchesters in dem durch Stuhlreihen verengten Kirchenschiff wirkt wie ein choreografischer, das Theater wunderbar unterstützender Kunstgriff.

Zwei Podeste und ein großer Stuhl reichen als Bühne für die drei phantasievoll kostümierten Schauspieler, die das Publikum ins Elfenreich von Oberon und Titania entführen. Ob das nun Traum ist oder Wirklichkeit, kann keiner sagen, schon gar nicht Shakespeare (Felix Isenbügel). Angesichts des kruden Ehekriegs zwischen der rustikalen Titania (Barbara Fressner) und dem gewitzten Oberon (Teo Vadersen) zieht er es vor, zu träumen. Bis er selbst als Esel in ihre liebestollen Intrigen verwickelt wird und feststellt, dass es vielleicht ja auch „ein Sommernachtsalbtraum“ gewesen sei. Mit Alltagsrede, Originalversen und deftigem Spiel produziert das Theater Poetenpack eine köstliche Shakespeare-Miniatur. Sie wird genussvoll gesteigert von Mendelssohns Traummusik, die übrigens vor 175 Jahren unter der Leitung des Komponisten im Schlosstheater des Neuen Palais bei einer dreistündigen Inszenierung uraufgeführt wurde.

Lodernde, donnernde, nachhaltige Klangbilder

Am vergangenen Freitag spielte das Neue Kammerorchester wunderbar packend und präzise, quecksilbrig und deftig. Schon während der letzten Sätze hatte Jupiter draußen mit Blitz, Donner und Wolkenbruch das Regiment an sich gerissen. Nach der Pause, in der die wunderbare Sommernacht buchstäblich ins Wasser fiel, huldigte das Orchester dem römischen Göttervater mit Mozarts gleichnamiger Symphonie. In die watteweichen Klangwolken der Streicher donnern unvermittelt Paukenschläge, wetterleuchten Flötenblitze. Welch Aufruhr, welch borstige Dissonanzen entfachen sich schon im ersten Satz! Es wirkt, als wollte Mozart in seiner letzten Symphonie den althergebrachten Formen „mit einem Handkuss“ – wie eine von ihm hier zitierte Melodie lautet – alles Beschauliche austreiben.

So malt das äußerst eindringlich gespielte Andante keine friedliche Idylle, sondern kommt in zahllosen, suchenden Anläufen sehnsüchtig, zerrissen kaum zur Ruhe. Im aufgesetzt prunkvollen Menuett spielen die Orchestergruppen gemessenen Schrittes einander große Bälle zu. Das exaltierte Finale stellt Mozarts technische Kunstfertigkeit zur Schau. Seine schwindelerregende Melange aus Fuge und Sonate erweist sich als disparate Collage von Versatzstücken aus dem Handwerkskasten des Komponisten. Spätestens hier wandelt sich der Sommernachtstraum zum exzentrischen, postmodernen Albtraum – Seelenfrieden bleibt Fiktion.

Bis zum Schluss hält das Neue Orchester unter Ud Joffes Leitung die Spannung, modelliert lodernde, donnernde, nachhaltige Klangbilder. Ob das Werk für diesen Anlass eine passende Wahl war, wäre eine Frage – wenn nicht Jupiter an diesem sehr besonderen Sommerabend so eigensinnig dazwischengefunkt hätte. 

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