• Konzert in Potsdam: Besser als schlafen ist tot sein

Konzert in Potsdam : Besser als schlafen ist tot sein

Das Saisonfinale für KAPmodern-Reihe.

Peter Buske

Potsdam - Letzte Worte haben es in sich. „Mehr Licht“ soll Goethe auf dem Sterbebett verlangt haben. Von Jesus’ Hinscheiden am Kreuz sind gleich sieben letzte Worte für die Nachwelt überliefert. Joseph Haydn hat sie in einer gleichnamigen Quartettfassung vertont und gedanklich überhöht. Wie denn überhaupt finale Feststellungen in der Musik mehr als nur ein Ende beschreiben – sie stellen Fragen und infrage.

Zu den Infragestellern gehört der 1957 in Linz geborene Bernhard Lang, der Haydns „Letzte Worte“ – bestehend aus sieben Sonaten nebst entsprechendem Christuswort – als Vorlage für sein III. Streichquartett „The Anatomy of Disaster“ benutzt hat. Dabei zitiert er kurz die Anfänge der originalen Sonaten, verfremdet ihren Klang jedoch so, dass nur noch Rudimente übrigbleiben. Wie schön, dass vor der Aufführung des langschen Werkes am Donnerstag im Nikolaisaal-Foyer Tobias Lampelzammer, Kontrabass-Solist der Kammerakademie und Spiritus Rector der verdienstvollen KAPmodern-Reihe, die Verarbeitungsabsichten des Komponisten dem zahlreich erschienenen Publikum verständlich erläutert. Und mit Klangzitaten erlebbar macht.

In der Introduzione ist Haydns pochendes Motiv zu einer dissonanten Klangdauerschleife verarbeitet, was an das Bild der hängenden Abtastnadel am Rillenende einer Schallplatte erinnert. Eine Metapher für die stillgestellte, in sich kreisende Zeit. Da gibt’s keine Entwicklung mehr: die Musik wird sinnentleert, vermag nichts mehr zu erzählen. Da neben der Introduzione an diesem Abend noch drei ausgewählte Sonaten und „Il Terremoto“ (Das Erdbeben) gespielt werden, ist einerseits die Gefahr zunehmender Langeweile durch die unablässige Wiederholung klangrissiger Tonfolgen geradezu vorprogrammiert. Andererseits offenbaren die kurzen Phrasen ihre Kleinststrukturen, sodass sich der Klang in seine Fasern zerlegt. Der Verstand kann sie begutachten, wenn er ätherisch-surrealistische Figurationen, chaotische Entwicklungen oder elegisch-seufzende Passagen analysieren will. Yuki Kasai und Maia Cabeza (Violine), Jennifer Anschel (Viola) und Ulrike Hofmann (Violoncello) sind ein perfekt aufeinander eingestimmtes Quartett, dessen präzises Zusammenspiel begeistert.

Viel von Wiener Schmäh, morbidem Charme und von der fatalistischen Erkenntnis, dass das meiste hienieden ohnehin vergeblich sei, sodass man darüber auch lachen dürfe, erzählen die Kabarettchansons des Österreichers Friedrich Cerha für Klavier (Prodromos Symeonides), Kontrabass und Percussion (Adam Weisman). Die Kölner Sopranistin Julia Giebel nimmt sich ihrer an, kostet Jandels aphoristischen Witz („Je müder ich bin, umso lieber bin ich in Wien“) genauso überzeugend aus wie Klabunds „Epitaph“ auf 27 Jungfrauen aus Stralsund oder die Sprachwirbeleien eines Kurt Schwitters. Schade nur, dass sie das Wiener Sprachidiom nicht zu treffen vermag.