• Konzert in der Gedenkstätte Lindenstraße: "Für diese Schweine keine Träne"

Konzert in der Gedenkstätte Lindenstraße : "Für diese Schweine keine Träne"

Bei dem Konzert „Klänge hinter Mauern“ in der Gedenkstätte Lindenstraße wurden die Erinnerungen von ehemaligen Stasi-Gefangenen in Musik übersetzt.

Ehemalige politische Häftlinge aus dem Stasi-Gefängnis in der Lindenstraße 54 erinnern sich etwa an das Zuschlagen der Zellentüren oder der Essensklappen. 
Ehemalige politische Häftlinge aus dem Stasi-Gefängnis in der Lindenstraße 54 erinnern sich etwa an das Zuschlagen der Zellentüren...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Klopfzeichen: Gegen die Angst, das Alleinsein, für die Solidarität, das Leben. Man hätte am Donnerstag das Konzert in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 auch „Klopfzeichen“ nennen können. Die fünf Komponisten, die sich an dem Projekt „Klänge hinter Mauern“ beteiligten, haben ihren kammermusikalisch besetzten Werken für zwei Violinen, Viola, Kontrabass, Flöte, Trompete, eine zumeist bildhaft-plastische Darstellung verliehen, in der die Klopfzeichen besonders präsent sind. Die Gedenkstätten-Stiftung initiierte und organisierte gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam das Projekt, bei dem die Komponisten Alberto Arroyo, Hector Docx, Giordano Bruno do Nascimento, Ephraim Peise und Felix Stachelhaus ihre Begegnungen und Gespräche mit Zeitzeugen musikalisch reflektieren.

Die Werke kamen im überaus gut besuchten Veranstaltungssaal zur Uraufführung. In dem von 1952 bis 1989 als Stasi-Untersuchungshaft fungierenden Gerichts- und Gefängnisgebäude haben die Häftlinge Wochen oder Monate zubringen müssen. Demütigungen mit körperlicher und psychischer Folter waren an der Tagesordnung. Die Sehnsucht nach Freiheit brachte die Projekt-Gesprächspartner Hannelore Rutz, Helga Scharf, Lothar Aust, Alfred Bretschneider und Bernd Richter in die Unfreiheit. Ein Ausreiseantrag, Fluchtversuch oder Flugblätter waren für die Stasi Anlass, sie in Gewahrsam zu nehmen.

Klopfzeichen als Verbindung

„Für diese Schweine keine Träne“ – das schwor sich Hannelore Rutz nach der ersten Haftnacht in der Lindenstraße, die sie mit großer Anfechtung verbrachte. Die Klopfzeichen der anderen Häftlinge gaben ihr Trost und Zuversicht. Rutz schrieb darüber ein Buch. Der Komponist und Pianist Hector Docx hat den Titel seines Werks an Hannelore Rutz’ Schwur angelehnt.

Die sechs Musiker saßen so auf der Bühne, dass sie keinen Blickkontakt hatten. Ihre Klopfzeichen, ausgeführt auf den Instrumenten, schafften jedoch eine Verbindung unter ihnen. Der aus Brasilien stammende Giordano Bruno do Nascimento konnte von eigenen Diktatur-Erfahrungen in seinem Heimatland sprechen. Darum sei er von den Potsdamer Zeitzeugenberichten so ergriffen gewesen. In seinem Stück „Eingemauert“ hörte man dann auch das Aufgewühltsein, Schreie und Stille. Das „Vaterunser“, fragmentarisch von den Musikern gesprochen, schien eine Hilfe zu sein.

Überzeugende Kompositionen

Zeitzeuge Lothar Aust ist ein begeisterter Saxofonist. Zwei Sätze des Stücks „Lindenstraße“ von Ephraim Peise aus Wolgats konnte er selbst auf seinem Instrument spielen – ein bewegender Moment. In der Komposition ist viel von dem permanenten Beobachtetwerden durch die Wachleute zu hören, doch auch die unbändige Sehnsucht nach Freiheit. In „Poesie des Vergessens“ von dem Spanier Albert Arroyo wird die Unheimlichkeit des Gefängnisses durch die teilweise raue Farbe des Klangs verdeutlicht. Der in Essen geborene Felix Stachelhaus hat die Berichte von Helga Scharf kompositorisch reflektiert. Die tröstenden Glocken, die sie auf dem Gefängnishof in der Bauhofstraße vernommen und ihm beschrieben hat, kamen von der Heilig-Kreuz-Kapelle, die im Turm der zerstörten Garnisonkirche untergebracht war. Bei Stachelhaus’ Komposition gehen die gebrochenen Klänge im Lärm des Haftalltags fast unter.

In der überragenden Qualität der Interpreten von der Kammerakademie Potsdam (Bettina Lange, Flöte; Michael Brooks Reid und Matthias Leupold, Violine; Ralph Günthner, Viola; Tobias Lampelzammer, Kontrabass; Nathan Plante, Trompete), die souverän mit den fraglos schwierigen Partituren umgingen, hatten die Kompositionen die Chance, in überzeugender Transparenz, Schönheit und Balance zu erscheinen. Die erstklassigen Musiker sowie die mit dem Thema sensibel umgehenden Komponisten wurden vom Publikum herzlich und mit Dankbarkeit gefeiert.