Kultur : Kontrastprogramm

Grafik und Plastik von Fritz Böhme und Lothar Kittelmann in der Galerie Am Neuen Palais

Almut AndreaeD

Üppigste Formen von Weiblichkeit gehen auf Blickfang. Rundliche Körper, kugelige Köpfe und Bäuche, schwellende Hüften und ausladende Brüste im Übermaß. Die geräumige Ausstellungsfläche in der Galerie Am Neuen Palais bietet reichlich Platz für so viel Freizügigkeit. Zu der auf Podesten kauernden Damenwelt in Terrakotta gesellen sich hie und da auch ein paar männliche Exemplare in betont kantiger Manier. Eine weitere Spezialität des Bildhauers Fritz Böhme sind die monumentalen, überlebensgroßen Figuren aus Holz. Aus einem Stamm gesägt und gehauen scheinen die spröden Giganten inmitten der „Dicken Erzgebirgsmädchen“, wie Böhme einen Großteil seiner weiblichen Terrakotta-Figuren nennt, wie von einem anderen Stern. Ebenfalls aus der Reihe fallen eine „Stehende“ und eine „Liegende“ aus Muschelkalk und einige weitere Stücken aus Travertin.

In der aktuellen Ausstellung beim Galeristenpaar Oswald ist der Bildhauer aus dem Erzgebirge mit 55 Arbeiten vertreten. Die gegossenen Terrakotta-Figuren stellt Fritz Böhme in einer Auflage von bis zu drei Stücken her. Der 1948 im sächsischen Glauchau geborene Holz- und Steinbildhauer lebt heute bei Zschopau. Mit der bildhauerischen Tradition des Erzgebirges fühlt er sich stark verbunden. Böhmes Arbeit wirkt denn auch sehr bodenständig und von der handwerklichen Ausführung her grundsolide. Allerdings unterstreicht die geballte Präsentation seiner sich häufig stark ähnelnden Figuren die spürbare Tendenz einer schematisierenden Darstellung von Körperlichkeit.

In denkbar größtem Kontrast zur fülligen Figurenwelt Fritz Böhmes bewegen sich die vergleichsweise zurückhaltenden Farbholzschnitte seines Künstlerfreundes Lothar Kittelmann. Deren Reize liegen eher im Verborgenen.

Der gebürtige Thüringer Lothar Kittelmann, Jahrgang 1934, ist seit langem in Chemnitz zu Hause und seinerzeit wie auch Fritz Böhme als Autodidakt zur freien Kunst gekommen. Beiden gelang zu DDR-Zeiten die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler. Kittelmann hatte nach einer Ausbildung zum Maschinenschlosser, Werkzeugmacher und Schweißer als junger Produktionsarbeiter von 1960 bis 1962 mit Erfolg die Mal- und Zeichenschule in Zwickau besucht. Seinen Metallarbeiterberuf hing er trotz seiner offenkundigen künstlerischen Begabung nicht gleich an den Nagel. Mit der damals propagierten Kunstauffassung ging der systemkritische Kittelmann indes nicht konform. Die Motive seiner Bilder und Grafiken suchte und fand der Künstler schon immer in der Natur, aber auch in der figürlichen, teils gleichnishaften Darstellung. In Arbeiten wie „Der Samariter“ oder „Einsamen Weg gehend“ erlangen seine Holzschnitte eine eindringliche Qualität und Tonalität im Ausdruck. Auch wer Kittelmann nicht kennt: aus der klaren Struktur seiner expressiven Formensprache teilt sich ganz unmittelbar die Geradlinigkeit und Unbeirrbarkeit der dahinter stehenden Künstlerpersönlichkeit mit. Eine zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit verharrende Grundspannung prägt seine Bildaufbauten. Konsequent werden in der Ausstellung ausschließlich Holzschnitte gezeigt, in denen sich das künstlerische Profil Lothar Kittelmanns, der immer auch gemalt hat, eindrucksvoll mitteilt. Zwar ist der Zenit seiner künstlerischen Produktion inzwischen überschritten. Doch spiegeln sich in der Auswahl der knapp 40 gezeigten Holzschnitte – viele von ihnen entstanden in der Vor- und Nachwendezeit – die große Ernsthaftigkeit und handwerkliche Präzision dieser Druckgraphik wider.

Die Gegenüberstellung der beiden extrem unterschiedlich arbeitenden Künstler ist für die Ausstellung insgesamt ein Gewinn. Zu der nicht immer leicht zu entschlüsselnde Bildsprache des einen bildet die vordergründig-sinnliche Leiblichkeit des anderen ein konkretes Gegengewicht. So wie die Skulpturen von Fritz Böhme vor allem eine Betrachtung aus der Nähe einfordern, erschließen sich die Holzschnitte Kittelmanns vor allem aus der Distanz. Ob einem das ein oder andere eher liegt, ist am Ende eine Frage des persönlichen Geschmacks. „Das Schönste auf der Welt“, vermeldet ein Ausstellungsbesucher im ausliegenden Gästebuch, „ist eine DICKE Frau!!!“. Auch hier scheiden sich ganz sicher die Geister. Almut Andreae

Besuchszeiten der noch bis zum 17. Mai geöffneten Ausstellung mit Plastik von Fritz Böhme und Druckgraphik von Lothar Kittelmann: Fr-So 13-18 Uhr. Galerie Am Neuen Palais, Am Neuen Palais 2A.

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