• Knarziger Solitär beim Orgelsommer Hans Maier und sein mitteltöniges Akkordeon

Kultur : Knarziger Solitär beim Orgelsommer Hans Maier und sein mitteltöniges Akkordeon

Peter Buske

Diesmal durfte die Schuke-Orgel beim annoncierten Orgelsommer-Konzert am Mittwoch in der Erlöserkirche pausieren. Statt ihrer stand nun ein mitteltöniges Akkordeon im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Was ein Akkordeon ist, weiß der kundige Laie: ein jahrhundertealtes Instrument für Volks- und Unterhaltungsmusik jeglicher Couleur, das neben der rechtsseitigen Klaviatur noch über eine linksseitige Knopfreihe mit vorgefertigten Bassakkorden verfügt.

Doch es gibt auch den Typ des Melodiebassinstruments, das linker Hand zusätzlich über vier Bassknopfreihen verfügt und mit einem zweimanualigen Cembalo vergleichbar ist. Damit lässt sich ein Tonumfang von Kontra-E bis zum viergestrichenen Cis erreichen. Das sind fast sechs Oktaven, während es die Klaviatur auf fünfeinhalb bringt. Dieses weltweit einzige und einzigartige Instrument der Firma Pigini, als Solitär gebaut von Hartmut Saam, bringt der Akkordeonist und Alte-Musik-Erforscher Hans Maier aus Trossingen nun bei seinem Orgelsommer-Auftritt zum Klingen.

Nach dem Konzert mit Werken aus der Spätrenaissance und dem Frühbarock gibt er im Gespräch mit dem Friedenskantor und Konzertreihen-Leiter Johannes Lang noch weiteres Detailwissen preis. Dass „Stimmung“ nichts anderes bedeutet als die Festlegung der Tonhöhen (Frequenzen) und das Verhältnis der Töne zueinander, dürfte einem bekannt vorkommen und einleuchtend sein. Doch was bedeutet mitteltönige Stimmung? Nichts anderes, als dass der Tonumfang nicht wie schon längst üblich in Oktaven aufgeteilt ist, sondern in viele reine Terzen und Quinten. Dadurch können allerdings manche Tonarten wie Fis-Dur nicht gespielt werden – weil in ihnen schlichtweg nicht komponiert worden ist. „Beispielsweise klingt ein ,C’ sehr rein, doch je weiter man sich von ihm entfernt desto mehr Schwebungen gibt es“, so Maier. „Komponisten haben auf die Stimmung reagiert und umgekehrt.“

Unter anderem Girolamo Frescobaldi (1538–1643), der als Organist der Peterskirche in Rom wirkt und als Musiker bei gegenreformatorische Klerikern des Vatikans genauso ein gern gesehener Cembalist ist wie bei Hauskonzerten diverser hochgestellter Persönlichen des römischen Patriziats. Bekannt und wegen seiner Affektenkunst besonders bewundert wird er vor allem durch seine Toccaten, Ricercare, Canzonen und Capriccios für Tasteninstrumente. Eine Auswahl dieser intimen Stücke entführt die Zuhörer in die Welt der reinen, reizvollen Klänge. Vieles davon ist weich getönt, reich an warmen und obertonreichen Klangfarben, filigran in der Form, überraschend dissonanzenreich. Manche Register erinnern an die einer Orgel.

Besonders wenn es in die Tiefe geht, scheint ein 16- oder 32-füßiger Orgelbass sich knarzend, schnarrend oder blubbernd in das Klanggeschehen einzumischen. In den Canzonen und Fantasien von Frescobaldi-Schüler Johann Jacob Froberger (1616–1667) und von Domenico Zipoli (1688–1726) geht es temporeicher, raffinierter in den Manualwechseln zu. Dagegen sparen die 2014 entstandenen „Harmonien I – III für mitteltönig gestimmtes Akkorden“ des Neutöners Nikolaus Brass (geb. 1949) nicht mit dissonanten Akkordballungen, variablen Klangschichtungen, extremen Intervallsprüngen, Tremoloeffekten und dergleichen zeitgeistigen Zutaten. Mitunter imitieren helle, durchdringende Stimmen die scharfen Prinzipalstimmen einer Orgel. Ein spannender Abend. Peter Buske

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