• Jürgen Böttcher alias Strawalde: Schau zum 90. Geburtstag

Jürgen Böttcher alias Strawalde : Schau zum 90. Geburtstag

Jürgen Böttcher ist einer der prägendsten Defa-Regisseure und gehört als Strawalde zu den wichtigen Künstlern der Gegenwart. Jetzt ist er 90 geworden.

Dieses Foto von Jürgen Böttcher ist 2018 entstanden.  
Dieses Foto von Jürgen Böttcher ist 2018 entstanden.  Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - „Es würde sich lohnen, genauer zu gucken, wer überhaupt alles was und wie von Jürgen Böttcher, von Strawalde, gelernt hat fürs Leben.“ Das schreibt einer, der Jürgen Böttcher selbst zu seinen Lehrern zählt: Der Filmemacher Thomas Heisig. Die Regisseurin Helke Misselwitz nennt ihn bewundernd einen „Zauberer ohne Tricks“ und Wim Wenders kam vor ein paar Jahren eigens zu einer Strawalde-Ausstellung nach Sacrow. 

Kuratiert hatte die Schau 2018 die Potsdamer Galeristin Friederike Sehmsdorf – und nun hat sie sich diesen in seiner Vielseitigkeit so schwer greifbaren Strawalde wieder vorgenommen. Der Anlass diesmal: Jürgen Böttcher ist im Juli 90 Jahre alt geworden. Sehmsdorf will das feiern, sowohl in ihrer eigenen Galerie Kunstkontor als auch im Schulterschluss mit der Galerie Cavallerie26. Zusammen laden sie zum zweitägigen Kunstfest, zwei Ausstellungseröffnungen inklusive.

Ein Mädchen ist zu sehen, dass Böttcher gemalt hatte, als er neun war

Diese Doppelgleisigkeit will passen auf einen, der selbst in der Kunst immer zweigleisig unterwegs war. Jürgen Böttcher, 1931 im sächsischen Frankenberg geboren, begann schon früh zu malen. „Dezennien“ heißt Sehmsdorfs Hommage, deren ehrgeiziges Ziel: Aus jedem Lebensjahrzehnt prägende Werke zeigen. Das älteste Werk stammt von 1940. Damals war Böttcher neun: ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und einer Träne im Gesicht. Es ist hier erstmals zu sehen, sagt Sehmsdorf.

Das Bild von 1940 hatte Böttcher gemalt, als er neun Jahre alt war.
Das Bild von 1940 hatte Böttcher gemalt, als er neun Jahre alt war.Foto: Ottmar Winter

Auch andere frühe Zeichnungen zeigen den staunenswert genauen Strich des jungen Jürgen Böttcher: ein Porträt des in sich versunkenen Vaters, ein so kämpferisches Selbstporträt von 1953. Da war Böttcher schon ein paar Jahre Mitglied bei der SED.

„Drei von vielen“ heißt die Ausstellung in der Galerie Cavallerie26

Bald kommt sein künstlerischer Eigensinn der Ergebenheit für den noch jungen Staat DDR in die Quere. Neben den Zeichnungen entstehen abstrakte Bilder, eine Formsprache, die dem Ideal vom sozialistischen Realismus ferner nicht sein konnte. Von 1961 bis 1979 kann der Maler, der sich seit 1976 Strawalde nennt, nicht ausstellen – dafür wird der Filmemacher Jürgen Böttcher geboren. In den Jahren 1955 bis 1960 bereits hatte er in Babelsberg Film studiert, seitdem arbeitete er an dem Defa-Studio für Dokumentarfilm als Regisseur.

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Sein einziger Spielfilm („Jahrgang 1945“) landete 1965 sofort im Giftschrank. Aber solange muss Böttcher gar nicht warten, um anzuecken. Gleich einer der ersten Filme wird verboten: „Drei von vielen“, eine Arbeit über die drei Künstlerfreunde Peter Herrmann, Peter Graf und Peter Makolies. Böttcher hatte sie in Dresden kennengelernt, wo er an der Volkshochschule unterrichtete. Auch ein gewisser Ralf Winkler gehört in diesen Kreis – als A. R. Penck sollte er später zu dem Bekanntesten der Runde werden.

Jürgen Böttchers Selbstporträt von 1953.
Jürgen Böttchers Selbstporträt von 1953.Foto: Ottmar Winter

„Drei von vielen“, so heißt auch die Ausstellung in der Galerie Cavallerie26, die Arbeiten von Herrmann, Graf und Makolies versammelt. Auch die frühen experimentellen Filme von Jürgen Böttcher wird man dort entdecken können: Neben „Drei von Vielen“ wird Böttchers „Im Lohmgrund“ (1962) und „Venus nach Giorgione“ (1986) gezeigt – filmische Variante der Übermalungen klassischer Werke, die auch den Maler Strawalde umtrieben. 

Wie vielseitig Strawaldes Werk ist, zeigen die Streiflichter im Kunstkontor. Pastoser, fast wütender Farbauftrag in abstrakten Formen steht neben figürlichen Porträts oder einem wild aufgetragenen „Weißbild“: Grau, Beige, Eisblau geben der Farbe Weiß unzählige Nuancen.

„Jürgen Böttcher malt wie andere kochen“, sagt Friederike Sehmsdorf. „Er probiert verschiedenste Zutaten aus und guckt, wie sie schmecken.“ Die jüngsten Werke sind Collagen aus Tusche und Stoffproben. Entstanden am 8. Juli 2021, Böttchers 90. Geburtstag. 


„Drei von Vielen“: Eröffnung am 11.9. um 17 Uhr in der Cavallerie26, Berliner Str. 26b, „Dezennien“, Eröffnung am 12.9 um 16 Uhr im Kunstkontor, Bertiniweg 1A

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