Kultur : Jubel, Trubel, Heiterkeit?

Am 24. Januar jährt sich die Geburt von Friedrich II. zum 300. Mal – Eine kritische Einstimmung

Dirk Becker
Wenn der Bauer seine Kartoffeln zeigt, freut sich sogar der König. Das bildgewordene Klischee von Friedrich II., so wie es der Maler Robert Warthmüller auf seinem Gemälde mit dem Titel „Der König überall“ im Jahr 1886 sah.Alle Bilder anzeigen
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02.01.2012 20:55Wenn der Bauer seine Kartoffeln zeigt, freut sich sogar der König. Das bildgewordene Klischee von Friedrich II., so wie es der...

Es hat noch nicht einmal richtig begonnen dieses Jubiläumsjahr und schon befällt einen Unbehagen. „Happy Birthday, Friedrich“ lautet beispielsweise das Motto am 24. Januar, wenn zu „Friedrichs Nacht zum 300. Geburtstag“ in die historische Innenstadt geladen wird. Dann liest man Überschriften wie „Hoch soll er leben – dreihundertmal hoch!“ und weiß nicht, ob man erschrecken soll wenn es heißt, dass einem im Juli „eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte in einem packenden Musical“ begegnen wird.

Jubel, Trubel, Heiterkeit – der Alte Fritz hat Geburtstag.

Friedrich allerorten, zumindest in Potsdam und der näheren Umgebung, so lässt sich wohl schon jetzt umschreiben, was da auf uns zukommen wird. Ein König soll uns nahe gebracht werden, „unser König“ gar, wie ein Buchtitel verkündet. Es wird viel zu sehen sein zum Thema Friedrich II. in diesem Jahr, viel zu lesen, viel zu hören und hoffentlich auch zu diskutieren. Es gibt Briefmarken und Gedenkmünzen mit dem Konterfei des Preußenkönigs und mit Sicherheit noch allerlei anderen Kokolores. Das Jubeljahr ist noch jung. Lassen wir uns also überraschen, was der grenzenlosen Fantasie der Nippesindustrie noch so alles entspringen wird.

Aber das ist es nicht, was einem Unbehagen bereitet. Das sind die üblichen Begleitumstände die ein solches Jubiläum mal mehr, mal weniger umtanzen. Es ist diese Distanzlosigkeit, die einem aus „Happy Birthday, Friedrich“ oder gar „Hoch soll er leben – dreihundertmal hoch!“ entgegenspringt. Als ob da nur der Geburtstag eines harmlosen Greises mit Faible für abgetragene Waffenröcke zu feiern wäre, der in seinem Schlösschen Sanssouci und seinem zu Stein gewordenen Potenzgehabe namens Neues Palais ausgiebig und fröhlich die Flöte blies. Dabei hatte die Einstimmung auf das Friedrich-Jahr gar nicht so verklärend begonnen.

Schon Anfang November hatte „Der Spiegel“ den Alten Fritz auf sein Titelblatt gehoben. „Friedrich der Größte. Triumph und Tragödie eines Preußenkönigs“ war da zu lesen. Im Heft dann die lustvoll-böse Überschrift: „Der kleine König“. Hier gab es oftmals Saures, keine Verklärung, eher schon Verdammung. Nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tod Friedrichs II. am 17. August 1786 wurde die Titelgeschichte eröffnet. Und das war wohl kein Tag der Trauer gewesen. In vielen Häusern Berlins sollen die Menschen Kerzen angezündet haben, aus Freude über das Ableben des Königs, „und auf den Straßen machte das Wort die Runde, man solle Gott danken, das ,alte Ekel’ sei endlich tot“.

Die üblichen Kapitel aus Friedrichs Leben waren hier nachzulesen: Die Auseinandersetzungen mit dem tyrannischen Vater, der gescheiterte Fluchtversuch, seine Politik und Kriegstreiberei und die hohe Kunst der Selbstinszenierung. Das alles immer wieder gewürzt mit den üblichen Zoten um den Preußenkönig, also über seine Sexualität, seinen gefürchteten Zynismus und das damalige hygienische (Nicht)Verständnis am Hofe. Und auch folgende Sätze werden ihre Wirkung nicht verfehlt und manch dreckiges Gelächter provoziert haben, als es um die berühmten Tafelrunden in Sanssouci ging. „Die Herren schätzen schlüpfrige Witze. Zu Friedrichs Gästen zählen Autoren von Werken wie ,Die Kunst des Fickens’ oder ,Der kleine Mann mit dem großen Schwanz’“. Oh ja, solche Tritte unter die Gürtellinie sitzen!

Es verliert aber auch schnell seinen derb-frivolen Reiz wenn man weiß, dass es sich bei diesem Autoren um den französischen Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie gehandelt hat. Ein streitbarer und umstrittener Zeitgenosse, Anhänger des philosophischen Materialismus und Autor von „L'homme machine“ und einer Streitschrift mit dem Titel „Le Petit Homme à Longue queue“. Aber es gilt leider auch im Friedrich-Jahr: Sex sells! Darunter fällt auch der Verkauf des Gedichts „La Jouissance“ aus der Feder Friedrichs als Entdeckung und Erstveröffentlichung in „Die Zeit“ im September unter dem Titel „Friedrichs Schoßgebet“. In seinem herausragenden Aufsatz „Die höchste Freude, der Materrialist und der preußische König“ hat Hans-Ulrich Seifert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowohl den Hype um die angebliche Erstveröffentlichung von „La Jouissance“ entzaubert als auch den Zusammenhang von Julien Offray de La Mettrie und Friedrich erklärt. Es sind solche Wortmeldungen wie die von Hans-Ulrich Seifert, von denen man sich viel mehr wünscht in diesem Jahr. Und dass sie sich durchsetzen in dem übrigen, klischeebehafteten Marktgeschrei. So richtet sich die Hoffnung auf die Ausstellung „Friederisiko – Friedrich der Große“ der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die Ende April im Neuen Palais eröffnet wird. „Friedrich ist neu! Wir wollen ein klischeebefreites und differenziertes Bild von Friedrich zeigen! Friedrich ist aktuell! Der König suchte in der Krise seine Chance! Friedrich ist herausfordernd! Sein Handeln verpflichtet uns, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem König zu suchen! Friedrich ist motivierend! Die Beschäftigung mit Friedrich fordert uns heraus, sein Erbe zu erhalten und einer breiten Öffentlichkeit erfahrbar zu machen!“

Mit vielen Ausrufezeichen hat die Stiftung versehen, was sie mit ihrer Jubiläumsausstellung erreichen möchte. Abgesehen davon wie aktuell oder motivierend Friedrichs Handeln sein kann, eine der viel versprechendsten Auseinandersetzung in diesem Jahr wird die um die Person Friedrichs sein. Wird es gelingen, ein klischeebefreites und differenziertes Bild vom bekannten Preußenkönig zu zeichnen? In den kommenden Monaten soll auf dieser Seite durch Interviews und Artikel versucht werden, die unterschiedlichen Facetten von Friedrich aufzuzeigen. Jenseits vom „alten Ekel“ oder dem „boshaften Troll“, wie Thomas Mann ihn nannte. Auch mal humorvoll, vor allem aber jenseits distanzloser Verklärung à la „Happy Birthday, Friedrich“ oder „Hoch soll er leben – dreihundertmal hoch!“

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