Kultur : Jubel, Glanz und Abschiedstränen

Das Saisonfinale des Neuen Kammerorchesters

Peter Buske

Eine Saison lang tanzte das Neue Kammerorchester Potsdam durch die Welt der barocken bis modernen Ballettmusik. Dabei setzte es mit seinen vier Konzerten seinem 15-jährigen Bestehen einen Glanzpunkt nach dem anderen. Das Finale am Donnerstag in der Erlöserkirche unter dem Titel „Bach trifft Pulcinella“ absolvierten Musiker wie Zuhörer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen freute man sich über die erfolgreiche Existenz dieses unverwechselbaren Klangkörpers unter Leitung des Dirigenten Ud Joffe in der Potsdamer Kulturlandschaft. Zum anderen musste man den Abschied des unermüdlich tätigen Trägervereinsvorsitzenden Christian Seidel wehmütig betrachten, dem Laudator Burckhard Exner viel Rühmliches attestierte. Der Geehrte durfte sich danach ins Goldene Buch der Stadt Potsdam eintragen. Doch zunächst erklang zur Einstimmung die quirlige „Sortie“-Pièce des Franzosen Louis Lefébure-Wély, von Tobias Scheetz auf der geradezu jahrmarktschreierisch registrierten Schuke-Orgel lustvoll gespielt.

Nicht weniger witzig die vom Dirigenten zitierten Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie, nach der Vögel gelernt hätten, die Klänge von Bach- und Strawinsky-Werken zu unterscheiden. Auch Karpfen seien diesbezüglich lernfähig gewesen. Drei wieselnde Gestalten in weißen Flattergewändern mit Spitzhut und Hakennasenmaske, die sich als neapolitanische Variante des Harlekins, Pulcinella genannt, entpuppen, kommentieren die Studien pantomimisch (Theatertruppe Poetenpack). Dann verbreitet die um 1720 entstandene Orchestersuite Nr. 1 C-Dur BWV 1066 von Johann Sebastian Bach ununterbrochen viel barocken Glanz. Sie wird herrlich erfrischend, federnd und leicht, präzise und glasklar sowie mit vielen klangfarblichen Nuancen musiziert – wie es sich für eine überzeugende analytische Sichtweise geziemt, die polyphone Strukturen enthüllt. Eine sehr lebendige, Herz und Verstand gleichermaßen ansprechende Deutung, die ohne akademisches Tüfteln auskommt. Der Durchhörbarkeit sind auch bei Igor Strawinskys „Pulcinella“-Ballettsuite keinerlei Grenzen gesetzt. Hier nun sorgen gleich vier Pulcinellen (einer davon ist Ud Joffe!) für raumgreifenden Trubel. Sie lassen mit Fakten aus Politik, Kunst, Wissenschaft und Forschung das Uraufführungsjahr 1920 lebendig werden, flechten manche amüsant-frivole Texte von Künstlern mit ein. Nicht alles davon ist hörverständlich. Das Musikalische allerdings schon: sauber, konzentriert, mitunter derb und grell auftrumpfend sorgen sie für den lapidaren Strawinsky-Sound. Schier endloser Jubel.Peter Buske