• Jörg Schüttauf zum 60.: Der Kommissar, der Honecker war

Jörg Schüttauf zum 60. : Der Kommissar, der Honecker war

Seine Schauspiel-Karriere begann einst am Hans Otto Theater, der Regisseur Egon Günther verhalf ihm zum Durchbruch beim Film. Jetzt feierte Jörg Schüttauf 60. Geburtstag.

Oliver Dietrich
Gebürtiger Chemnitzer, wohnhaft in der Nähe von Potsdam: Der Schauspieler Jörg Schüttauf wurde 60.
Gebürtiger Chemnitzer, wohnhaft in der Nähe von Potsdam: Der Schauspieler Jörg Schüttauf wurde 60.Foto: promo

Potsdam - Vor ein paar Jahren, da war er noch TV-Kommissar in Frankfurt am Main, soll sich folgende Geschichte zugetragen haben. Jörg Schüttauf saß spät abends in der Potsdamer „Unscheinbar“, in ein Gespräch vertieft. Die Bar war damals schon der perfekte Absackerort Potsdams. Einen Tisch weiter saß einer, der an diesem Abend schon tief ins Glas geschaut hatte - und Jörg Schüttauf am Nebentisch dadurch spät bemerkte. Irgendwann jedoch, nach einer glasigen Phase des Anstarrens, rief er zu ihm rüber: „Ey, sach ma, du, dich kenn ick doch!“ Jörg Schüttauf blickte kurz zurück, zwinkerte diplomatisch und antwortete: „Nee, ich glaub nicht.“

„Wer ist denn die Sawatzki?“

Für die folgenden Minuten schien der Trick zu funktionieren. Doch irgendwann kam die erneute Kontaktaufnahme: „Doch, ich kenn dich! Aus dem Fernsehen!“, richtete sich die Stimme vom Nebentisch wieder an Schüttauf. Der hatte jetzt etwas weniger Lust, sich aus seinem Gespräch reißen zu lassen, blieb aber freundlich, sanft, wenn auch bestimmter: „Sie verwechseln mich.“ „Nee“, hakte der Typ triumphierend nach. „Du bist doch der Kommissar vom Tatort! Jetzt hab ich's! Sie sind doch der Kollege von der Sawatzki!“ Schüttauf rollte kurz mit den Augen und entgegnete genervt: „Sawatzki! Wer ist denn die Sawatzki?“

Diese Szene sagt viel aus über den gebürtigen Chemnitzer Jörg Schüttauf, der sich als Charakterdarsteller von der Defa bis zum zweifachen Erich-Honecker-Double durch eine Bandbreite an grundverschiedenen Rollen geschlagen hat, manchen aber doch nur als Tatort-Ermittler Fritz Dellwo hängen geblieben ist - und dann noch im Schatten der omnipräsenten Andrea Sawatzki. 

Als Tatort-Ermittler seiner Zeit voraus

Am zweiten Weihnachtsfeiertag feierte Jörg Schüttauf, der im brandenburgischen Schwielowsee unweit von Potsdam lebt, seinen 60. Geburtstag. Vom Tatort, wo er von 2002 bis 2010 die Rolle des Ermittlers Dellwo übernahm, ist er längst weg. Warum er immer noch oft auf den Ermittler reduziert wird? Wohl weil der Frankfurter Tatort seiner Zeit voraus war. Die von Niki Stein entwickelte Figurenkonstellation dient heute noch als Vorbild, zum einen als Abgesang auf Bullencharaktere wie Schimanski, gleichzeitig aber auch als Rückgriff auf den Realismus. 

Niemand konnte wie Schüttauf schnaufend und rauchend frustriert bei Dämmerlicht seine Berichte abtippen, während Kollegin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) in emotionalen Blasen schwebend den esoterischen Gegenpart verkörperte. Diese fast schon existenzialistische Konstellation führte nicht nur zu einer der besten Tatort-Episoden der Geschichte, sondern zu einer der abgekühltesten Beziehungen eines Ermittlerduos, die jemals inszeniert wurden.

Anfänge am Potsdamer Theater

Dabei blieb der Frankfurter Tatort stets düster, fast unerträglich: etwa im Fall „Der frühe Abschied“ über plötzlichen Kindstod, oder in der fulminanten Täter-Opfer-Umkehr „Weil sie böse sind“, in der Matthias Schweighöfer und Milan Peschel als Charaktere eine ganze Familie einer kriminalen Groteske opfern. Das eisige Zusammenspiel von Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki zieht sich wie ein roter Faden durch alle Episoden. Dass es privat nicht gerade besser lief, gilt als offenes Geheimnis - oder als Beleg dafür, wie sehr filmische Charaktere die Wahrnehmung prägen.

Begonnen hatte Schüttaufs Karriere bereits in den 80er Jahren - und zwar am Potsdamer Hans Otto Theater. Zum Film hatte es ihn eher zufällig verschlagen, 1985 spielte er im Defa-Film „Ete und Ali“ von Peter Kahane Ete, 1990 Wilfried Berger in „Die Architekten“, ebenfalls von Peter Kahane. Der Film über das Scheitern des realsozialistischen Systems platzte mitten in die Wendezeit und verpuffte dort zu Unrecht - nach dem Mauerfall zog es einfach niemanden mehr zu Abgesängen auf die DDR ins Kino. 

Filmischer Durchbruch mit Egon Günther

Schüttauf dagegen rechnete zu dieser Zeit noch mit einem Engagement am Deutschen Theater, das jedoch nie zustande kommen sollte. Die Hauptrolle des „Lenz“ von Autor Egon Günther sollte 1992 eher eine Überbrückung sein. Er nahm sie trotzdem an: Es folgte der filmische Durchbruch für Schüttauf, mit dem Grimme-Preis und über 100 Folgeauftritten in Film und Fernsehen. 

Ob in Krimiserien, auf dem „Traumschiff“, oder in Filmen mit der untergegangenen DDR als Sujet - etwa als Revierpolizist im ZDF-Zweiteiler „Walpurgisnacht“, oder auch sowohl als Original als auch als Doppelgänger von Erich Honecker in der Wendekomödie „Vorwärts immer!“. Niemand schafft den Spagat zwischen überbordendem Komödianten und desillusioniertem Loser so wie Schüttauf.

Gewinner des Publikumspreises der Berlinale

Unvergessen ist auch die Tragikomödie „Berlin is in Germany“ von Hannes Stöhr, in der Schüttauf einen entlassenen Häftling spielt, der sich im wiedervereinigten Berlin nicht zurechtfindet. Völlig verdient heimste er dafür den Publikumspreis der Berlinale 2001 ein. Gealtert ist er in den vergangenen Jahren kaum, das Weiß der Haare hat zwar etwas das charakteristische Blond ersetzt, die hellblauen Augen leuchten wie eh und je. 

Von der Leinwand ist Schüttauf kaum mehr wegzudenken. Während er momentan noch als Horst Brasch in der Filmbiografie „Lieber Thomas“ über Thomas Brasch zu sehen ist - und erneut als Erich Honecker -, steht der nächste Film schon in den Startlöchern: „Das Mädchen mit den goldenen Händen“, in dem er an der Seite von Corinna Harfouch und Gabriela Maria Schmeide spielt, startet am 17. Februar im Kino. Der Film ist, wie sollte es anders sein, eine Geschichte über die Folgen der Wende in der ostdeutschen Provinz. Den Honecker braucht Jörg Schüttauf da bestimmt nicht mehr zu spielen.


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