Kultur : „Jeder hat seine Rolle“

Auf dem Theaterschiff: Stück über Hannelore Kohl

Astrid Priebs-Tröger

Auf dem Theaterschiff: Stück über Hannelore Kohl Eine Frau mit einer Taschenlampe betritt ihre bunkerartige Behausung. Sie setzt sich an den Tisch, mit dem Rücken zum Publikum und beginnt, im Kegel der Taschenlampe, einen Brief zu schreiben. Es ist ein Abschiedsbrief... Vor vier Jahren, fast auf den Tag genau, erschütterte eine Nachricht die Bundesrepublik Deutschland: Hannelore Kohl hatte ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Sie litt an einer schweren Lichtallergie. Sascha Schmidt (Jahrgang 1970), der bis dahin als Musiker in Berlin lebte, war fasziniert von dem Verhältnis von Licht und Schatten in Kohls Umgebung. Schmidt interessierte nicht nur der Fall Hannelore Kohl, sondern er versuchte herauszufinden, was Frauen dieser Generation, die ein ähnliches Schicksal im Schatten ihrer Männer erlebten, im Innersten bewegte. Als er Anna Haack, Schauspielerin in Hannover und Stuttgart, seinen Text zu lesen gab, wußte er nicht, dass sie ebenfalls mit einem Politiker verheiratet war. Im April 2004 hatte sein Solostück in Hannover Premiere und seitdem ziehen beide damit durchs Land und stellen fest, das sich viele, vor allem Frauen angesprochen fühlen. Denn was sie zu sehen bekommen, hat es in sich. Eine Frau zieht Bilanz über ihr Leben an der Seite eines mächtigen Mannes. Und diese ist erschütternd: „Jeder hat seine Rolle. Ich wollte nie die Hauptrolle spielen. Aber nun spiele ich sie doch einmal, am Ende“. Sie zeigt eindringlich das Wachsen und das Sterben einer langen Beziehung, in der sie erst Geliebte, dann Ehefrau und irgendwann hauptsächlich „Mutter“ war und gern „geliebte Ehefrau“ gewesen wäre. Sie macht deutlich, wie sehr ihr Schicksal mit dem seinigen verknüpft und wie sie auf sich gestellt und einsam und das nicht nur am Ende in ihrer bunkerartigen Behausung war. Dabei strampelt sie sich ab auf ihrem Hometrainer, um mithalten zu können in der Politik. Und sie macht nachvollziehbar, wie verletzbar und gekränkt die „Barbie aus der Pfalz“, das „Pfannkuchengesicht“ gewesen sein muß. Dabei ist sie nicht weinerlich und nur verbittert, sondern auch ironisch und witzig. Und es gelingt Anna Haack, eine lebendige Frau zu zeigen mit ihren Schmerzen und ihrer Freude, mit ihren Eitelkeiten und Verbohrtheiten, mit ihrer Wut, ihrer Angst und in ihrer Einsamkeit. Zuerst versucht sie die Maske aufzubehalten, „es geht mir gut, auch jetzt noch“, aber am Schluss, an ihrem „Independence-Day“ steht dort eine klarsichtige Frau mit blutendem Mund. Mit der man kein Mitleid haben muss, aber mitfühlen kann. Die Wirkung dieses Monologs könnte noch stärker sein, wenn der Gegenpart, der „starke Mann“ nicht alle Klischees bedienen würde und auch hier ein wenig Menschlichkeit durchscheinen könnte. Am Freitagabend haben nur wenige Zuschauer den 75-minütigen Abend erlebt, doch diese dankten mit herzlichem Applaus. Am 29. Juli, um 19.30 Uhr besteht nochmals Gelegenheit, „Hannelore Kohl - ein Leben im Schatten“ auf dem Theaterschiff zu erleben.Astrid Priebs-Tröger

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