Jan Konst liest in der Potsdamer Villa Quandt : Geschichten aus dem weißen Häuschen

Der Literaturwissenschaftler und Niederlandist Jan Konst liest in der Villa Quandt aus seinem Buch „Der Wintergarten“.

Der Schriftsteller Jan Konst. 
Der Schriftsteller Jan Konst. Foto: Ekko von Schwichow

Potsdam - In Weinböhla, einer kleinen Gemeinde nahe Meißen, beginnt die Geschichte. Im Keller eines weiß verputzten Häuschens mit Wintergarten und Tannen vor der Tür lagert das umfangreiche Archiv einer deutschen Familie. Dessen Hauptcharaktere: vier Ehepaare – das sind Emil und Hedwig, Hanna und Hanns, Hilde und Hellmuth, Brigitte und Gerd. 130 Jahre Historie veranschaulichen ihre Lebenswege. Während ihrer Zeit brach die Weimarer Republik zusammen, der Nationalsozialismus überschattete die Welt, dann folgte der Aufbau der DDR, und schließlich die friedliche Revolution.

Der niederländische Autor und Literaturwissenschaftler Jan Konst hat sich vor allem auf die Schicksale der Frauen konzentriert. „Der Wintergarten“ heißt die non-fiktionale Erzählung über seine bürgerliche Schwiegerfamilie, die er Sonntag in der Villa Quandt vorstellt. Was schon der Titel verrät: Dunkle und sonnige Seiten birgt das Porträt. Das weiße Häuschen wurde erst nach der Wende erbaut. Und dennoch beginnt Konst hier, weil er hier seine Recherche aufnimmt, die wie ein roter Faden durch sein Buch leitet. Brigitte, die Mutter seiner Frau, war es, die ihn dazu anregte, die Geschichte aufzuschreiben. 2016 wurde der Plan konkreter, 2018 erschien sein drittes Buch auf Niederländisch, seit dem 8. März ist es nun auch auf Deutsch zu haben.

Annäherung über Gegenstände

Zunächst sind es Gegenstände, über die Konst die Familiengeschichte erzählt. Da wäre etwa Emils Schreibtisch aus Walnussfurnier, mit Schellack poliert. Emil muss lange an ihm gesessen haben. Er schafft es Ende des 19. Jahrhunderts als Sohn eines Gemüsebauers zum Professor im Gymnasium. In Hedwig ist Emil schon lange verliebt, bevor sie zusammenkommen. Als Tochter eines Stofffabrikanten gehört Hedwig einem anderen Stand an. Ihr Großvater hatte um 1850 in Dampfmaschinen investiert, so die Fabrik aufgebaut – nebenbei erfährt der Leser von den technischen Erneuerungen, die die Generationen prägten.

Urteilsfrei bleibt der Autor nicht. Insbesondere dann nicht, wenn Emil seiner Tochter Hanna die Lehrerausbildung vorenthält. Das Lehrerinnenzölibat steht im Weg, Emil will, dass seine Tochter heiratet. „Frauen spielten im 20 Jahrhundert immer die zweite Geige“, sagt Konst. Hannas Schwester Hilde soll im Mittelpunkt stehen – das sagt der Buchrückentext, beim Lesen vernimmt man nicht unbedingt, dass sie Konsts Liebling ist. Der Autor hat sie in ihren letzten fünf Lebensjahren kennengelernt, war schwer beeindruckt davon, wie sie noch mit 97 Jahren die Kohle aus dem Keller im weißen Häuschen nach oben schleppen konnte.

Einiges bleibt oberflächig

Mit immer wieder derselben Ausdauer beschreibt Konst die einzelnen Facetten. Einiges bleibt oberflächig, bei einigen Lücken spricht er seine Vermutungen aus. War der Großvater meiner Frau ein Kriegsverbrecher?, fragt er. Das macht seine Erzählungen lebendig. Schließlich ist keine Familiengeschichte frei von offenen Fragen.

>>17. März, 11 Uhr, Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47, Eintritt 10 Euro