Kultur : Irre irren nicht

Klaus-Rüdiger Otto stellte sein Buch bei Wist vor

Gerold Paul

Psychiater sind diskret. Psychiater sind rücksichtsvoll. Sie reden mit gedämpfter Stimme, um ihre Patienten durch laute Töne ja nicht zu erschrecken. Im Literaturladen Wist freilich hätte Klaus-Rüdiger Otto, einer dieser Zunft und Buchautor dazu, ruhig lauter reden sollen. Anlässlich seiner Buchpräsentation „Irre irren nicht“ war es im ersten Stock des Hauses nämlich knüppeldicke voll, wer hinten saß, verstand nicht viel. Da die fachlich-menschliche Lebenssumme eines Potsdamer Psychiaters aber kaum Gegenstand des allgemeinen Interesses gewesen sein wird, kamen wohl zuerst Fachkollegen und irgendwie davon Berührte als Zuhörer in Betracht. Carsten Wist jedenfalls fand, Otto habe bei ihm mehr Ohren gefunden als beispielsweise Herta Müller; nun, das wird seine Gründe schon haben.

Der seit 1981 in Potsdam ansässige Psychiater schrieb sein Buch zusammen mit seinem Kollegen Helmut F. Späte, wobei die jeweiligen Anteile unbenannt blieben. Beide sind im Pensionsalter, haben viele Jahre in der „Bezirksnervenklinik Brandenburg“ gearbeitet. Diese verzeichnete um 1970 neben einem vielköpfigen Personal etwa 1700 weibliche, 600 männliche Patienten, dazu noch um die 300 Kinder. Grund genug, Leser und Hörer zu einem Rundgang durch dieses „Dorf“ zu bitten, und dabei über Freuden und Leiden des Arbeitens am Menschen zu berichten. „Irre irren nicht“ ist ja nicht nur das berufliche Credo von Klaus-Rüdiger Otto, sondern auch sein eigener Lebensbericht.

Er führt den Leser in die Chefetage, macht ihn mit Schwestern und Stationen, mit Ärzte und Patienten bekannt. Man hörte von der Ohnmacht der Obhutspflichtigen, von Macht und Hierarchie des Pflegepersonals gegenüber den Ärzten, von der „Versandung der Lebensumstände“ im geschlossenen Kreislauf der Einrichtung, vom „Anstaltssyndrom“ auf beiden Seiten. In diesem „hochpathologischen Sozialsystem“ waren die Behandlungsmethoden rigid bis zum Elektroschock, Patientenproteste zwecklos, „Mitschwimmer“ durften am schnellsten wieder raus. Andere kamen jedes Jahr zum „Überwintern“. Die Krankheitsbilder reichten von Psychosen und Medikamentensucht bis zum Alkoholismus, „Drogen gab es damals nicht“, sagte Otto. Für viele der Patienten auch keine Heimkehr. Sie hatten ihr soziales Umfeld draußen inzwischen verloren. Dieses „Dorf“ funktionierte so blind, dass kein Verantwortlicher auch nur auf die Idee kam, etwas zu ändern.

Was hier so ehrlich und ohne Anklage über die DDR-Psychiatrie der sechziger bis achtziger Jahre mitgeteilt wird, trieb einer Hörerin nach zwei Lesestunden die Tränen in die Augen. Der Autor habe aus ihrer Seele gesprochen, aber aus eigener Erfahrung wisse sie, dass es heute genauso schlimm sei. Ja, bestätigte Otto, „nur etwas hygienischer“. Und auf besserer Rechtsgrundlage! fügte ein Hörer rasch hinzu. Aus Berufs- und Lebenserfahrung stellt sich Otto ganz auf die Seite der Patienten, versucht mit ihnen gemeinsam die Krankheit zu ergründen. Behutsam, leise, individuell. Das Wichtigste dabei sei ihm das Staunen, schon deshalb, weil „im Fach“ grundsätzlich nicht gestaunt werde – über eine Patientin etwa, die nicht mehr weinen kann. Staunen sei kostenlos, benötigt keine Sprache, sei mehr dem Herzen als dem Intellekt zugetan. Jeder kann, jeder sollte wieder Staunen, deshalb nennt er das Buch ja auch „Psychiatrie für Jedermann“. Gerold Paul

Helmut F. Späte und Klaus-Rüdiger Otto: „Irre irren nicht“, Verlag Ille & Riemer, Leipzig/Weißenfels 2010, 19,95 Euro