• Interview zum Filmfestival moving history: „Die bittersüße Art des Träumens“

Interview zum Filmfestival moving history : „Die bittersüße Art des Träumens“

Ilka Brombach, die Leiterin des Potsdamer Festivals des historischen Films, über Flucht, Mauerfall und Nachwendefilme.

Ilka Brombach.
Ilka Brombach.Foto: Andreas Klaer

Frau Brombach, 2017 gab es zum ersten Mal das Filmfestival moving history. Warum pausierten Sie im vorigen Jahr?
 

Die erste Festivalausgabe haben wir in ganz kurzer Zeit realisiert, es war eine Pilotausgabe. Nach dem guten Feedback haben wir 2018 das Gespräch mit den Förderinstitutionen gesucht und dann beschlossen, weiterzumachen. Ab 2019 gibt es uns nun jährlich!

Zur Person

Ilka Brombach, geboren 1969 in Berlin, lebt in Potsdam. Sie studierte von 1993 bis 1999 Theater- und Filmwissenschaft sowie Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Danach arbeitete sie als Verlagslektorin bei Vorwerk 8 in Berlin, war Lehrbeauftrage an der Freien Universität Berlin sowie freie Autorin in der Film- und Literaturkritik. Von 2011 bis Juli 2014 war sie Lehrbeauftragte an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und ab 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt „Regionale Filmkultur in Brandenburg“ und Leiterin des Teilprojekts zum Studentenfilmarchiv der HFF „Konrad Wolf“ an der Filmuniversität Babelsberg. Ihre Arbeit als Filmhistorikerin und Kuratorin konzentriert sich auf deutsche und europäische Filmgeschichte. Sie ist Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende des Vereins moving history – Festival des Historischen Films Potsdam und seit 2016 die Festivalleiterin.

Es gibt in Potsdam bereits das studentische Filmfestival Sehsüchte und das Nachspiel der Berlinale. Warum braucht es dieses Festival?

Wir sind ein Festival für Geschichtsfilme, das einzige dieser Art in Deutschland. Als wir uns vor gut zwei Jahren an der Filmuniversität zusammensetzten, fanden wir, dass Potsdam der perfekte Ort dafür ist. Nebenan in Berlin gibt es natürlich viele Filmfestivals und hier die „Sehsüchte“, die vor allem ein studentisches Publikum ansprechen. Das eine, größere Publikumsfestival gab es in Potsdam bislang nicht; es ist also durchaus noch Luft für ein solches Kinoevent.

Sie widmen sich in dem diesjährigen Festival dem Mauerfall und der Nachwendezeit. Wie haben Sie persönlich diese Zeit des Umbruchs erlebt?

Ich war 1989 20 Jahre alt, Ostberlinerin. Im Juli bin ich über Ungarn geflüchtet. Zu diesem Zeitpunkt war die Grenze noch nicht geöffnet, der Schießbefehl aber bereits aufgehoben. Ich habe mir mit einem Bolzenschneider den Weg durch die Grenzzäune gebahnt.

Allein?

Nein, mit einem Freund.

Das war ein Riesenschritt. Sie konnten ja nicht ahnen, dass vier Monate später die Mauer fällt und Sie Ihre Familie und Freunde wiedersehen.

Keiner ahnte das im Juli. Ja, es war wirklich ein Riesenschritt. Heute ist mein Sohn 20 und ich wünsche mir sehnlichst, dass er nicht solche abenteuerlichen Dinge tut.

Letzte Kontrolle. Aus „Novembertage“ von Marcel Ophüls, 1990.
Letzte Kontrolle. Aus „Novembertage“ von Marcel Ophüls, 1990.Foto: Ziegler Film

War es das allgemeine Unwohlsein in den Zwängen der DDR oder gab es einen konkreten Auslöser für diese Flucht?

Ich habe während meiner Schulzeit in den 80er Jahren einen permanenten Druck erlebt, mich positiv zum Staat zu bekennen, in die gesellschaftlichen Organisationen einzutreten; mir wurde angetragen, Parteimitglied zu werden. Ich hatte das Gefühl, irgendwann nicht mehr in den Spiegel schauen zu können, wenn ich bleibe.

Was störte Sie am meisten?

Dinge zu sagen, die man nicht meint, empfand ich als eine Art der Demütigung.

Sie haben jetzt monatelang Filme über Revolution, Mauerfall und Nachwendezeit gesehen, was können Filme anderes erzählen als es die eigenen Erinnerungen vermögen?

Ich habe die Retrospektive gemeinsam mit meinem Kollegen Chris Wahl von der Filmuniversität Potsdam kuratiert. Bei der Recherche waren wir zunächst einmal überrascht, wie viele Filme es zum Thema 1989/90 gibt. Wir haben etwa 200 Filme gesichtet und damit längst nicht alle gesehen. Was mir als erstes auffiel: Man hat oft zuerst die Medienbilder im Kopf. Günter Schabowski auf der Pressekonferenz am 9. November oder die Tanzenden auf der Mauer. Doch diese Bilder lösen nichts mehr aus, vielleicht weil sie zu oft wiederholt wurden. Anders ergeht es einem, wenn man die Dokumentarfilme sieht, die direkt in den Wochen und Monaten vor und nach der Grenzöffnung entstanden sind. Hier gibt es ganz großartige Filme, die die Erinnerung wieder wach rufen. Sie vermitteln die Erfahrung von damals, den Moment, in dem ein System entmachtet wurde, das eben noch so machtvoll war.

Sie kamen aus dem Westen durch die offene Mauer zurück in den Osten?

Ich war nach meiner Flucht erst in Gießen und dann in Marienfelde im Auffanglager und schließlich in einem Asylantenwohnheim in Berlin-Zehlendorf. Und genau am 9. November durfte ich das erste Mal meine Familie in Ostberlin wieder besuchen.

Sie durften wieder zurück in den Osten?

Ja, Ausgereiste und Geflüchtete durften nach einiger Zeit eine Besuchserlaubnis für die DDR beantragen. Mir wurde dieser Antrag erstaunlicherweise sehr früh genehmigt. Ich bin dann am Morgen des 9. November zu meiner Familie gefahren und als ich abends wieder zurück nach Westberlin reiste, ging just in dem Moment die Mauer auf. Ich war mit die erste, die am Bahnhof Friedrichstraße über die Grenze gegangen ist. Gemeinsam mit vielen jubelnden Leuten um mich herum.

Die Flucht über Ungarn war also umsonst?

Die vielen jungen Leute, die geflüchtet sind, haben den Umbruch auch mitbefördert. In jeder Familie fehlte plötzlich ein Sohn, eine Enkelin, eine Nichte. Das hat die DDR über Nacht delegitimiert. Aber zurück zu Ihrer Frage nach den Filmen: Historische Filme unterscheiden sich immer von den eigenen Erinnerungen: Sie sind schöner, bunter, intensiver. Meist erzählen sie auch aus einer anderen Perspektive als der eigenen. Darum bereichern sie uns. Durch sie können wir die Erfahrungen anderer teilen, die eigene Perspektive weiten. Dieser Aspekt war uns auch beim Kuratieren wichtig. Im Programm sind Filme von ost- und westdeutschen Regisseuren und auch Burhan Qurbanis „Wir sind jung. Wir sind stark“, einer der wenigen Filme, die aus der Sicht einer vietnamesischen Familie und damit aus einer migrantischen Sicht erzählen.

Sie zeigen historische Filme und aktuelle Film über die Historie. Was kann der Zuschauer alles erwarten?

Wir zeigen Dokumentar- und Spielfilme, Fernseh- und Kinofilme aus der Zeit von 1989 bis 2019. Darunter Klassiker wie „Good bye, Lenin!“ und „Go Trabi Go“. Aber auch Filme, die so gut wie nie gezeigt worden sind.

Welche zum Beispiel?

„Nie wieder schlafen“ von Pia Frankenberg, ein Spielfilm von 1992, eine offene Erzählung, aus weiblicher Perspektive. Drei Frauen ziehen durch das Nachwendeberlin, erkunden den Grenzstreifen in Berlin-Mitte und erobern sich das Areal spielerisch zurück. Ein Film, der damals ganz schnell wieder aus den Kinos verschwand und erst jetzt auf der Berlinale wiederentdeckt und sehr positiv wahrgenommen wurde. Wir zeigen nun die Premiere der restaurierten Fassung. Auch der Film „Im schönsten Wiesengrunde“ der Kameramänner Dieter Chill und Peter Badel lief nur einmal. Die beiden sind 1991 durch die Provinz gefahren, um zu dokumentieren, was sich ein Jahr nach der Wiedervereinigung verändert hatte.

Warum werden die Filme jetzt – nach 30 Jahren – noch einmal interessant?

Ich glaube, die Debatte um Pegida, AfD und die Frage, was in der Entwicklung in Ostdeutschland schief gelaufen ist, lässt uns noch einmal neu auf die Filme schauen: Wir war denn die Zeit damals tatsächlich? Die bisherigen Jubiläen zum Mauerfall haben die Ereignisse vor allem positiv gewertet. Die wirtschaftlichen Folgen, die Brüche in den Biografien standen lange Zeit nicht im öffentlichen Fokus. Das wird erst jetzt intensiv diskutiert.

Andreas Dresen kritisierte nach dem Film „Das Leben der Anderen“ die undifferenzierte Sicht von Westregisseur Florian Henckel von Donnersmarck.

Es ist interessant, wie sich die Themensetzung in den Filmen über die DDR in den letzten 30 Jahren verändert hat. Und wie sich die öffentliche Diskussion über diese Filme parallel dazu entwickelte. Wenn man sich die Spielfilme anschaut, dann entstanden gleich 1990 ganz unterschiedliche Filme. Die Bilder waren völlig divers: von Christoph Schlingensiefs Horrortrashfilm „Das deutsche Kettensägenmassaker – die erste Stunde der Wiedervereinigung“, über „Go trabi Go“, den Roadmoviekultfilm, bis „Das Versprechen“ von Margarethe von Trotta, unserer Schirmherrin: ein Film, der den großem historischen Bogen von 1961 bis zum Mauerfall schlägt. Ab Ende der 1990er kamen dann die Komödien, wie „Sonnenallee“ oder „Good bye, Lenin!“, die beim Publikum sehr erfolgreich waren. Im Feuilleton hieß es aber oft: Es sei zu viel Ostalgie mit im Spiel. In Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ ging es nun um die Staatssicherheit, um Überwachung und Repression in der DDR. Der Regisseur hat seinen Film damals selbst als Antwort auf die vermeintliche Ostalgie, als Form der Aufklärung promotet. Anschließend entstand eine große Vielzahl von Filmen, die Themen wie Flucht, Mauer, Stasi behandelten. Der Historiker Andreas Kötzing hat festgestellt, dass es seit „Das Leben der Anderen“ fast keinen Film über die DDR mehr gab ohne Stasifiguren. Darunter waren sehr gelungene Filme, aber auch solche mit einem vereinfachten, negativen DDR-Bild.

Dresens Idee von „Gundermann“ war dann die Antwort auf „Das Leben der Anderen“.

Ja, es hat allerdings zehn Jahre gedauert, bis er die Finanzierung beisammen hatte. Dresen ging es darum, die Geschichte aus einer ostdeutschen Perspektive zu erzählen und ein differenzierteres DDR-Bild zu zeigen. Aber es ist auch spannend, dass sich der Eindruck, es gäbe einen klaren Gegensatz zwischen ost- und westdeutschen Regisseuren, nicht bestätigt, wenn man die Filme in ihrer Gesamtheit betrachtet. In den 90er Jahren zum Beispiel haben westdeutsche Regisseure sehr kritisch die ökonomische Transformation und die Arbeit der Treuhand beschrieben, etwa Dominik Graf in „Die Verflechtung“ und Vadim Glowna in „Der Brocken“. Diese tollen Fernsehfilme sind erst noch wiederzuentdecken.

Großen Erfolg hatte „Good bye, Lenin!“. Warum?

Der Film galt lange als Paradebeispiel eines ostalgischen Kinos. Sein Erfolg wurde einer rückwärtsgewandten Sehnsucht des Publikums nach der untergegangenen DDR zugeschrieben. Von heute aus betrachtet, erscheint das als ein Missverständnis.

Wurde nicht genau hingeschaut?

Ich denke, man befürchtete, die DDR-Geschichte würde nicht genügend aufgearbeitet, es würde vieles verdrängt. Erfahrungen mit einem anderen Kapitel deutscher Geschichte, Fragen der Aufarbeitung beziehungsweise Verdrängung des Nationalsozialismus haben hier vielleicht eine Rolle gespielt und den Diskurs implizit strukturiert. Sieht man „Good bye, Lenin!“ heute, erkennt man allerdings, dass der Film vor allem von der Wendeerfahrung der Ostdeutschen erzählt, dem plötzlichen Wandel der gesamten Alltagswelt – und nicht von eine Sehnsucht nach der alten Diktatur.

Das Motto des Festivals heißt „Als wir träumten“ und bezieht sich auf den Roman von Clemens Meyer, den Andreas Dresen verfilmte. Von was träumen Sie nach der Wende?

Sowohl der Film als auch der Roman handeln von einer bittersüßen Art des Träumens. Sie erzählen von Jugendlichen, die direkt in diesem Umbruch erwachsen werden und in eine Welt hineintreten, die untergeht. Das ist ein Träumen zwischen Verlorenheit und Hoffnung.

Sie hatten sich zwar schon vorher die Freiheit erkämpft, aber dennoch war es auch für Sie eine Zeit aus den Fugen. Wie waren Ihr Träume?

Ich hatte vor der Flucht und auch danach einen Medizinstudienplatz, aber es war eigentlich nicht das, was ich machen wollte. In der DDR hatte ich mich dafür entschieden, weil ich dachte, es sei ein unpolitisches Fach. Die Freiheit, die ich mir als erstes genommen habe, war die, das zu studieren, was mich wirklich interessierte: Literatur- und Filmwissenschaften. Ich bin an die FU in Westberlin gegangen, als eine der allerersten Ostdeutschen. Ein Standardsatz meiner Kommilitonen war: „Ach, du bist aus dem Osten? Du bist ja trotzdem nett.“

Haben Sie sich in einem der 200 Filme, die Sie sahen, besonders gut wiedergefunden?

In keinem ganz, in den vielen Filmen jeweils ein kleines Stück.

Drei Jahrzehnte gab es für manche der 30 Filme, die Sie zeigen, nur ein kleineres Publikum. Werden die Zuschauer jetzt die Häuser, also das Filmmuseum und das Thalia, stürmen?

Das Festival findet ja erst das zweite Mal statt, und es wird nicht jeder Film ausverkauft sein. Aber ich sehe an den Vorbestellungen, dass es Interesse gibt: für diese Fenster zurück in die Wendezeit.

Es wird auch wieder die Clio als Filmpreis für einen aktuellen Geschichtsfilm geben.

Wir zeigen alle sechs nominierten Filme und natürlich den Gewinnerfilm: „Kulenkampffs Schuhe“ von Regina Schilling.

Was passiert zur Eröffnung?

Da zeigen wir den wohl stärksten Dokumentarfilm, den es über die Wende gibt: „Novembertage“ von Marcel Ophüls. Der in Frankreich lebende 92-jährige Regisseur hat den Film 1990 für die BBC gedreht. Dazu hat er Leute interviewt, die in den Nachrichtenbildern des BBC am Tag des Mauerfalls vorkamen. Er hat sie ausfindig gemacht und ein Jahr später nochmal befragt. Außerdem kommen viele Politiker und Intellektuelle zu Worte: ein ganz virtuoser vielschichtiger Dokumentarfilm. Als Festival, das aktuelle und eben auch ältere Filme zeigt, freuen wir uns riesig, dass eine Legende wie Ophüls zu uns kommt und seinen Film diskutiert. Das gehört zu unserem Festival: Wir zeigen keinen Film ohne Gast. Wir wollen darüber ins Gespräch kommen, wie wir unsere Geschichte erinnern.