• Interview zu Friedrich II: „Facebook und Twitter würde er nutzen“

Interview zu Friedrich II : „Facebook und Twitter würde er nutzen“

Er kann noch immer Vorbild sein: Jürgen Luh zieht Bilanz nach dem Jubiläumsjahr „Friedrich 300“

Dirk Becker
Hauptsache die Nachwelt sieht in mir den Großen. Friedrich II., dessen 300. Geburtstag im vergangenen Jahr entsprechend und ausgiebig gewürdigt wurde, wusste sehr gut sich in Szene zu setzen, wie hier auf dem Gemälde von Anton Graff.
Hauptsache die Nachwelt sieht in mir den Großen. Friedrich II., dessen 300. Geburtstag im vergangenen Jahr entsprechend und...Foto: Jörg P. Anders /SPSG

Herr Luh, 2012 war das Jahr, das in Potsdam vor allem durch den 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich II. geprägt wurde. Auf der Konferenz „Friedrich300 – Eine Bilanz“ sind Sie nun unter anderem auch der Frage nachgegangen, welche Rolle Friedrich II. heute noch politisch spielt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Im Vergleich zu früheren Friedrich- oder Preußen-Jahren wie noch 1986 oder 2001 ist Friedrich heute keine politische Figur mehr. Der König wurde von keiner Seite mehr für irgendeinen politischen Zweck instrumentalisiert. Damit bestätigte sich, was die Experten schon seit längerer Zeit sagen: Friedrich ist heute keine politische Figur mehr, mit ihm lässt sich kein Eklat mehr provozieren.

Im Zusammenhang mit dem Politischen wird auch immer die Frage nach dem Vorbildhaften bei Friedrich bemüht. Ist das überhaupt noch zeitgemäß?

Das Vorbildhafte an Friedrich war immer gekoppelt an das, was man als preußische Tugenden bezeichnet. Auch das stellte ja eine politische Inanspruchnahme dar. Nehmen wir nur die viel gerühmte Sparsamkeit des Königs. Im vergangenen Jahr ist sehr deutlich geworden, dass Friedrich gar nicht so sparsam war, dass er sich gern etwas gegönnt hat. Bei unserer Bilanz-Konferenz hat sich nun gezeigt, dass die menschliche Seite Friedrichs, sein Umgang mit anderen, stärker in das Interesse der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung getreten ist. Und da hat sich gezeigt, dass er doch noch vorbildlich sein könnte.

Inwiefern?

Im Umgang mit den Medien seiner Zeit. Das, was wir heute Public Relations nennen, hat er sehr gut beherrscht. Das ist früher weniger beachtet worden.

Friedrich II. beherrschte den Umgang mit den Medien vor allem zu seinen Zwecken, wusste da auch geschickt zu manipulieren. Das soll vorbildhaft sein?

Natürlich stellt sich hier die Frage, ob man das positiv oder negativ bewerten will. Ich sehe das vor allem positiv, weil er bestimmte Entwicklungen frühzeitig erkannt und für sich genutzt hat. So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Friedrich, würde er heute leben, einen sehr schnellen Zugang zu Facebook und Twitter gehabt hätte. Er war ja immer bestrebt, ein historisch Großer zu werden. Und als Manager in eigener Sache nutzte er dafür sämtliche Medien seiner Zeit. Da kann sein Geschick auch heute noch, etwa im anstehenden Wahlkampf, vorbildlich sein. Und dann ist da noch sein breites Interesse, seine Allgemeinbildung.

Als eine Eigenschaft, die ihn heute noch zum Vorbild macht?

Schauen wir uns heute die Schule oder das Studium an, so läuft das ja fast alles in eine Richtung und frühzeitig auf ein Ziel zu. Ich nenne das jetzt mal keck Fachidiotentum. Ein Fachidiot aber wollte Friedrich mit Sicherheit nie sein. Er besaß ein viel zu großes allgemeines Interesse. Und diese Einstellung, sich in der Breite zu interessieren, sich für viele verschiedene Dinge zu öffnen und sich aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln eine Meinung zu bilden, dafür kann Friedrich heute durchaus noch vorbildlich sein.

Wie hat sich die intensive Auseinandersetzung mit Friedrich II. im vergangenen Jahr auf das wissenschaftliche Bild vom Preußenkönig ausgewirkt?

Wir hatten bei der Tagung mit Ewald Frie von der Universität Tübingen einen Referenten, der sich einleitend damit beschäftigt hat, wie sich das Bild von Friedrich vom 19 Jahrhundert bis etwa 2007 darstellte. Ergebnis: Bis zum Ersten Weltkrieg war der König bei den Historikern und Kunsthistorikern ein ganz großes Thema. Mit der Niederlage und dem Ende der Monarchie 1918 ließ das Interesse dann erheblich nach, ging in den 1930er Jahren wieder nach oben, um dann, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wieder nachzulassen. Erst Anfang der 1980er Jahre und intensiviert im Vorfeld des Jubiläums von 2012, hoffentlich dank unserer Tagungen, begann wieder eine Auseinandersetzung mit Friedrich vor allem bei jüngeren Wissenschaftlern. Das hat in den vergangenen fünf bis sechs Jahren zu einem regelrechten Boom geführt.

Auch zu neuen Ergebnissen in der Friedrich-Forschung?

Ja. Wir haben uns mittlerweile von der Vorstellung verabschiedet, dass Friedrich sich immer und überall einzig und allein für seine Untertanen und für Preußens Zukunft abgearbeitet hat. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Friedrich in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass es ihm vor allem und in erster Linie um seine Person ging – und da um seinen Ruhm beziehungsweise seinen Nachruhm. Das ist schon eine sehr starke Veränderung des bislang vorherrschenden Bildes vom aufopferungsvollen König.

Zumindest in Sachen Nachruhm ist sein Konzept aufgegangen, wenn man sich die intensive Auseinandersetzung mit ihm oder allein die zahlreichen Buchveröffentlichungen im vergangenen Jahr anschaut.

Nun fußt nicht jedes Buch, das zum Jubiläum erschienen ist, auf diese wissenschaftliche Auseinandersetzung. Aber es gibt auch Ansätze, das haben uns die Universitätswissenschaftler auf unserer Tagung bestätigt, diese Forschungen weiterzuführen.

Insgesamt sieben Konferenzen zu Friedrich II. haben Sie in den vergangenen Jahren durchgeführt. War „Friedrich der Große – Eine Bilanz“ der Abschluss dieser Reihe?

Für Friedrich war das jetzt der Abschluss. Was sicherlich bleiben wird, ist diese jährliche Konferenzreihe. Für den 11. Oktober planen wir unter dem Arbeitstitel „Perspektivwechsel. Brandenburg-Preußen von außen betrachtet“ unsere nächste Konferenz und haben auch schon die ersten Zusagen von Referenten erhalten. Wir öffnen uns also der gesamten Hohenzollerngeschichte in Brandenburg-Preußen von 1415 bis 1918. Da wird Friedrich sicherlich auch eine Rolle spielen, aber nicht mehr die zentrale.

Wie geht es für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nach „Friedrich300“ und der Ausstellung „Friederisiko“ in diesem Jahr mit dem Preußenkönig weiter?

Wir werden im Frühjahr zusammen mit dem Geheimen Staatsarchiv etwas zu Friedrichs Finanzpolitik bei perspectivia.net veröffentlichen, die „Rote Schatulle“. Man wird sehen, dass Friedrich ein sehr interessantes Finanzsystem entwickelt hatte, das aus vielen verschiedenen schwarzen Kassen bestand, in das nur er und ein, zwei seiner Vertrauten Einblick hatten. Das zeigt, dass nur er und seine Vertrauten wussten, wie das Finanzsystem Preußens funktioniert hat, ob Geld da war oder nicht.

Aber auch der Kunstsammler Friedrich steht in diesem Jahr im besonderen Interesse der Stiftung.

Ja, in dem wir uns dem 250-jährigen Jubiläum der Bildergalerie widmen und so zeigen, was für eine Art Kunstsammler Friedrich war. Es heißt immer, dass sich Friedrich hier sehr oft auf seine Berater verlassen hat. Aber das ist wohl nur zum Teil richtig, denn Friedrich hatte seine eigenen Vorlieben und Interessen, die er in der Gestaltung und Ausstattung der Bildergalerie sehr genau verfolgt und umgesetzt hat. Und wie schon am Neuen Palais lässt sich so zeigen, welche Intentionen Friedrich damit verfolgt hat.

Das Gespräch führte Dirk Becker

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