• Interview | Regisseur Rainer Simon: „Ein Film wird nicht gut, weil er verboten ist“

Interview | Regisseur Rainer Simon : „Ein Film wird nicht gut, weil er verboten ist“

Rainer Simon war unter den Defa-Regisseuren der Widerspenstige. Ein Gespräch über Freiheiten in der DDR, westliche Arroganz – und sein Faible für Unangepasste wie Jan Josef Liefers.

Regisseur Rainer Simon.
Regisseur Rainer Simon.Foto: Ottmar Winter

Herr Simon, Sie sind soeben von der Defa-Stiftung für Ihr Lebenswerk geehrt worden. Was bedeutet Ihnen der Preis – für ein Werk, das viele Jahre zurückliegt? 
Man freut sich immer über eine Anerkennung der eigenen Arbeit. Aber es ist wie ein Rückblick in ein anderes Leben. Es freut mich trotzdem, nicht nur für mich, sondern auch für die Kollegen, die vor und hinter der Kamera dabei waren. Und, darauf lege ich großen Wert: Ich möchte mich sehr bei denen bedanken, die mir das Geld für die Filme gegeben haben. Es war damals bekannt, dass ich in vielen Dingen andere Ansichten hatte als die offizielle Politik. Trotzdem konnte ich die Filme machen. Das ist im Westen nicht so möglich.

Inwiefern ist das heute nicht möglich?
Auch nach dem verbotenen Film „Jadup und Boel“ hat man mich weiter Filme machen lassen. Man hat mir viel Geld für Filme gegeben wie „Wengler & Söhne“. Auch der Humboldt-Film „Die Besteigung des Chimborazo“ war ein sehr teurer Film. Ich weiß nicht, ob andere Leute so großzügig gewesen wären. Heutige Leute.

Heute ist es schwieriger, sperrige Ideen zu finanzieren als zu Defa-Zeiten?
Auf alle Fälle. Das habe ich selbst erlebt. Ich sehe auch, was heute produziert wird. Und wie wenig Sperriges dabei ist.

Wird nicht vielleicht einfach heute viel mehr produziert – von allem?
Der Punkt ist, dass zu DDR-Zeiten ein Großteil der Leute, die Filme machten, Bücher schrieben oder malten, etwas bewirken wollte. Das war auch eine Selbstüberschätzung, das sehe ich heute. Die Kunst bewirkt nun mal nicht so sehr viel. Nur in Ausnahmesituationen. Heute bewirkt sie gar nichts mehr. Heute trifft sie ohnehin nur die Leute, die sich dafür interessieren.

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Und wie war das zu DDR-Zeiten?
Wir sind damals mit einem sehr hohen Anspruch an die Dinge herangegangen. Ich bin sehr froh darüber, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, wo das möglich war – womit ich nicht nur die DDR meine. Es war die Zeit des Neorealismus, der Neuen Welle in Frankreich, sowjetischer Filme wie „Die Kraniche ziehen“. Das waren alles Filmemacher, die etwas bewirken wollten. In den großartigen Filmen von Antonioni ging es um die Entfremdung. Heute ist sie normal. Heute sind alle entfremdet.

Gehen Sie denn heutzutage ins Kino?
Im Moment gehe ich nicht ins Kino, weil mich die Masken nerven. Aber ich gucke mir jeden Tag Filme in der Arte Mediathek an. Fernsehen ist sonst unerträglich. Ich gucke nur Skispringen und Unterwassersendungen. Ich habe seit Beginn der Pandemie keine einzige Talkshow gesehen. Und ich lese auch keine Zeitungen. Ich kann diese ganze Panikmache nicht ertragen. Angst ist der schlechteste Ratgeber in dieser Situation. Das Virus wird sich über von Angst geschwächte Organismen freuen.

Wie denken Sie über Impfungen?
Ich bin auch geimpft. Wobei ich sagen muss, ich habe mich in erster Linie impfen lassen, weil ich wusste, dass meine Freiheiten sonst in Kürze sehr stark eingeschränkt werden.

Ihre Art, über Angst zu sprechen, erinnert an „Till Eulenspiegel“ mit Winfried Glatzeder. Bei Ihnen war er der Inbegriff von geradezu störrischer Angstfreiheit.
Deswegen wird der Film auch nicht gezeigt. Da scheint es eine Abmachung zu geben, diesen Film nicht zu zeigen.

Was meinen Sie?
Ich wurde vor zwei oder drei Jahren als „Bruder Eulenspiegel“ ausgezeichnet. In Schöppenstedt im Harz. Die Preisträger bilden eine sehr illustre Runde, von Konrad Adenauer bis Loriot. In dem Museum werden Ausschnitte aus dem Film gezeigt. Auch die Schlussszene, in der Glatzeder den Herrschenden den nackten Arsch zeigt. Den nackten Arsch aber haben sie rausgeschnitten.

Aus Prüderie?
Ja, das ist eine allgemeine Prüderie heute. Vor zwanzig Jahren lief der Film mal im Filmmuseum für einen westdeutschen Eulenspiegelverein. Und die haben damals schon gesagt: „Den Film hätten Sie bei uns nicht drehen können.“

Warum hätte der Film in der BRD nicht gedreht werden können
Wegen der Angriffe auf die Kirche vor allen Dingen. Und wegen des subversiven Tons gegen die Machthaber. In der DDR wurde das übersetzt auf die damaligen Machthaber. Jetzt gilt das ganz direkt. Die Kirchenoberen sind ja jetzt wieder da. So ein nackter Arsch trifft sie dann wahrscheinlich ganz persönlich.

In der DDR war „Eulenspiegel“ ein Erfolg.
Der Film hatte ungefähr eine Million Zuschauer. Obwohl es bei einigen „Bezirksfürsten“ große Widerstände gab. Die Diskussionen, die ich damals im Studio hatte, sind lächerlich im Vergleich zu dem, worum es heute geht.

Haben Sie ein Beispiel?
Wenn der Leitung etwas nicht gefiel, wurden Ersatzdiskussionen geführt, um irgendein absurdes Detail. Beim „Eulenspiegel“ gibt es eine Szene, wo er den Schwanz einer Kuh wie einen Pumpenschwengel bewegt und dann fällt die Kuhscheiße in eine Pfanne. Der Kuhfladen wird dem Ritter dann zum Essen angeboten. Davon, wie der Fladen in die Pfanne platscht, gab es eine Großaufnahme. Um diese Einstellung gab es einen endlosen Schriftverkehr zwischen dem Studioleiter Wilkening und mir. Die Großaufnahme fiel raus, der Gehalt der Szene blieb der gleiche.

Zur Person

Rainer Simon, geboren 1941 in Hainichen, ist Regisseur, Drehbuchautor und Autor. Während des Studiums an der Babelsberger Filmhochschule gründete er das „Kollektiv 63“, Diplomfilm war „Peterle und die Weihnachtsgans Auguste“. 1975 erschien „Till Eulenspiegel“ nach Christa und Gerhard Wolf. „Jadup und Boel“ wurde 1981 verboten und erst 1988 gezeigt. 1985 erhielt Simon für „Die Frau und der Fremde“ den Goldenen Bären der Berlinale. 1989 erschien „Die Besteigung des Chimborazo“. Nach der Wende folgten u.a. „Fernes Land Pa-isch“ und Dok-Filme wie „Die Farben von Tigua“.  

1981 wurde „Jadup und Boel“ verboten, als letzter DDR-Film. Hat Sie das überrascht?
Überhaupt nicht. Überrascht hatte mich, dass man den Stoff überhaupt verfilmen wollte. Mein Kameramann Roland Dressel meinte sofort: Das müssen wir machen. Kurt Böwe sagte einen Fernsehfilm dafür ab. Wir wussten, dass es ein ganz heißes Eisen ist. Schon während der Dreharbeiten war klar, dass es Schwierigkeiten geben würde. Als sich der Generaldirektor Muster anguckte, ist er ausgeflippt. Aber wissen Sie, eigentlich will ich gar nicht über diesen verbotenen Film reden.

Warum denn nicht?
Ein Film wird nicht deshalb gut, weil er verboten ist. In der jetzigen Zeit stürzen sich viele auf die verbotenen Filme – und viele andere gute Filme werden überhaupt nicht mehr beachtet. Dass man die DDR-Filme nur an den Verboten ausrichtet, ist absurd. Das zeugt auch von einer westlichen Arroganz. Weil da immer mitschwingt: Solche Verbote würde es bei uns nicht geben.

Was an „Jadup und Boel“ heute mit am meisten erstaunt, ist wie zeitgenössisch einem die Bildsprache vorkommt.
Ich finde den Film nicht so polemisch, wie oft gesagt wird. Wir zeigen die DDR, wie sie zu der Zeit eben war. Ich finde auch gerade die Kinder wie die Figur Edith heute wieder interessant. Vielleicht wäre sie heute so etwas wie die Greta Thunberg. Das Unangepasste fehlt mir manchmal, wenn ich mir die heutige Jugend angucke.

Sucht man nach Gemeinsamkeiten von Filmen wie „Eulenspiegel“, „Die Besteigung des Chimborazo“ und „Jadup und Boel“, dann scheint es eben dieses Widerspenstige zu sein. Menschen, die sich gegen eine Mehrheit stellen, weil sie nicht anders können.
Ungewöhnliche Leute haben mich immer interessiert – aber eben nicht nur Humboldt, sondern auch gewöhnliche ungewöhnliche Leute. Mich haben immer die Unangepassten interessiert. Die braven Leute nie.

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Worum ging es Ihnen? Rebellion? Wahrheitssuche?
Sich nicht einfach mit dem abfinden, was ist. Was ist, kann man immer verändern – oder sollte man immer verändern. Die Zustände in der DDR luden dazu ein, sich zu äußern. Die wichtigen Filmemacher haben das auch getan. Von den anderen reden wir nicht.

Mit dem Mythos der Defa-Familie konnten Sie nie viel anfangen. Warum?
Man erinnert sich immer lieber an das Angenehme als an das Schlimme. Wir waren jeweils für einen Film ein wirklich gutes Team. Als Regisseure hatten wir einen großen Einfluss auf die Auswahl aller Mitarbeiter, ich habe immer nur mit Leuten gearbeitet, die ich auch mochte. Aber eine „Familie“? Gerade in dem Konflikt bei „Jadup und Boel“ habe ich gemerkt, dass es keinesfalls nur Solidarität gab. Der Film kam erst acht Jahre später in die Kinos. Aber als ich 1993 „Fernes Land Pa-isch“ machte, gab es keine Verbote mehr und es hat trotzdem sieben Jahre gedauert.

Weil das Geld fehlte?
Weil sich kein Verleih fand. Er war wieder zu subversiv. Verbot oder nicht, das ist alles relativ.

Sie meinen, heute regelt das der Markt?
Ja. Aber nicht nur. Die Leute wissen genau, was sie schreiben dürfen. Das erlebt man z.B. auch im Rahmen der Pandemie ständig. Bloß kein falsches Wort. Das sieht man auch daran, wie man sich jetzt auf Liefers gestürzt hat. 

Jan Josef Liefers wurde im Rahmen von #allesdichtmachen stark kritisiert. 1988 spielte er in „Die Besteigung des Chimborazo“ den Alexander von Humboldt.
Für die Rolle des Humboldt war er eigentlich zu jung, aber er hat mir gefallen. Er hatte einen eigenen Kopf. Solche Schauspieler wie Eberhard Esche, Käthe Reichel, Jürgen Holtz oder Renate Krössner haben mich mehr interessiert als die, die immer nur machen, was man ihnen zuflüstert. Nachdem Liefers sich zuerst zu Corona zu Wort meldete, habe ich ihm eine Mail geschrieben. Dass ich mich freue, wenn sich Prominente jetzt einmischen. Es gibt offensichtlich keine intellektuelle Elite in diesem Land.

1985 erhielten Sie als einziger Defa-Regisseur einen Goldenen Bären, für „Die Frau und der Fremde“. Was hat das verändert
Dass wir den Bären kriegten, war schon eine irre Geschichte. Und das hat mir sicher auch geholfen – letztlich auch dabei, dass wir den Humboldt-Film drehen konnten. Das war eine Koproduktion zwischen DDR und BRD. Aber nach der Wende hat das überhaupt nichts genützt. „Die Frau und der Fremde“ ist bis heute nicht im bundesdeutschen Fernsehen gelaufen.

1993 haben Sie den letzten Spielfilm gedreht, aber Sie waren nach 1989 nahezu ungebrochen kreativ. Machten Dokumentarfilme, schrieben Bücher. Wie gelang das?
Der glückliche Umstand war wirklich, dass ich 1988 den Humboldt-Film gedreht habe. Daraus hat sich eine sehr intensive Beziehung zu Ecuador und zur indianischen Kultur ergeben. Als ich merkte, dass ich die Sachen, die mich interessieren, nicht mehr machen konnte, hätte ich verzweifeln können oder mich aufhängen. Aber ich habe mich mit einem Kameramann zusammengetan und bin mit einer Videokamera und wenig Geld nach Ecuador. Statt mit 50 Leuten waren wir zu dritt unterwegs. Das ging auch.

Südamerika als künstlerisches Exil?
Es war eine neue Aufgabe. Und ich bin in diese Gedankenwelt, diese indianische Kosmovision sehr tief eingedrungen. Das hat mir neue Welten eröffnet, von denen ich vorher keine Ahnung hatte.

Diese neuen Welten haben auch Ihr Verhältnis zur Natur verändert.
Grundsätzlich. In den letzten Jahren war ich ständig unterwegs, in Südamerika, Indonesien, Nepal. Viele Freunde haben mich gefragt: Wie hältst du das jetzt aus, dass Du nicht reisen kannst? Ungelogen: Ich genieße es genauso, in den Neuen Garten oder nach Sanssouci zu gehen und in die Wälder rund herum. Ich lebe seit sechzig Jahren in Potsdam und war noch nie so viel unterwegs hier. Ich habe meine Bäume, zu denen ich gehe, an denen ich Kraft sammle. Und wenn die Leute denken, jetzt spinnt der Simon absolut – bitte, sollen sie. Mir tut das gut.

Das Gespräch führte Lena Schneider

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