• Interview mit Tobias Wellemeyer: „In der Familie beginnt die Welt“

Interview mit Tobias Wellemeyer : „In der Familie beginnt die Welt“

Intendant Tobias Wellemeyer über die Themen der kommenden Spielzeit und Theaterträume für die Schiffbauergasse

Egal ob Mann oder Frau. In Shakespeares „Hamlet“ geht es trotz all der Zerrissenheit der Hauptperson immer auch um das Wissen, dass es eine Zukunft gibt. In Peter Zadeks herausragender Inszenierung aus dem Jahr 1999 spielte Angela Winkler diesen Hamlet. Wer ihn in der Potsdamer Inszenierung spielen wird, ist noch nicht bekannt gegeben geworden.Alle Bilder anzeigen
Foto: Archiv
22.05.2014 21:25Egal ob Mann oder Frau. In Shakespeares „Hamlet“ geht es trotz all der Zerrissenheit der Hauptperson immer auch um das Wissen,...

Herr Wellemeyer, die Zeit ist aus den Fugen, sagt Hamlet, die wohl bekannteste zerrissene Persönlichkeit in der Theaterwelt. „Hamlet“ steht auch auf dem Spielplan für die kommende Saison im Hans Otto Theater. Ist die Zerrissenheit des Menschen, sein Hin- und Hergeworfensein in den Verhältnissen, das große Thema in der kommenden Spielzeit?

Meine Leitfigur für die neue Spielzeit ist der Junge Christopher in „Supergute Tage“, ein Autist, der sich auf die Suche nach seiner Mutter macht und der es schafft, den Raum seiner festgefügten Welt zu verlassen, sich aus dem Bestehenden zu lösen, sein Leben zu ändern. Das ist ein durchgehendes Motiv: der Glaube daran, dass man sich auf den Weg begeben kann. Es begegnet uns auch in Spielzeitfiguren wie Fürst Nechljudow in „Auferstehung“ oder eben in Hamlet. Die Figuren gehen davon aus, dass es Zukunft gibt. Theater lädt ein, Spaß daran zu haben, über die Gestaltung von Gesellschaft nachzudenken.

Tobias Wellemeyer, geb. 1961 in Dresden, studierte Theaterwissenschaften in Leipzig. Seit Sommer 2009 ist Wellemeyer Intendant und Regisseur am Hans Otto Theater.

Mit „Auferstehung“ bringen Sie Leo Tolstois letzten Roman auf die Bühne. Es geht darin auch um die Frage: Wie sollen wir leben? Kann das Theater solche Fragen beantworten?

Nein – es kann aber Fragen stellen. Nicht das Theater kann die Welt verändern – Menschen können die Welt verändern. In einer Realität wie der unsrigen, in der die Verhältnisse immer komplexer und komplizierter werden, kann Theater zu den wichtigen, existenziellen, klaren Fragen ermutigen: „Wie soll man leben?“

Und dann erzählen Sie mit „Zorn“, ein Stück der australischen Autorin Joanna Murray-Smith, von einer Frau, in deren scheinbar heile und geordnete Welt das Unheil einbricht. Und das ausgerechnet durch den eigenen Sohn. Sind wir nicht einmal mehr in der eigenen Familie sicher?

In der eigenen Familie waren wir noch nie sicher. Die großen Dramen, Mythen und Gewalterzählungen kommen aus der Familie; in der Familie beginnt die Welt. Darum spielt die Familie in unserer Spielzeit eine wichtige Rolle, ganz prononciert in den neuen Geschichten, die wir für Kinder und Jugendliche ausgewählt haben, aber auch in eigenen Reihen, wie etwa unserer Lesereihe „Na so was?“. Das Stück „Zorn“ befasst sich aus der Konstellation der Familie heraus mit der großen Frage: Wie kann man Welt beschreiben und verändern?

Nach welchen Kriterien haben Sie die Stücke für die kommende Spielzeit ausgewählt?

Ausgangspunkt unserer Spielplanung ist immer die Lebenserfahrung hier vor Ort, unser Leben in einer modernen Stadtgesellschaft mit ihrer Pluralität, ihren Fragen und Chancen. Wir wollen Lust darauf machen, sich damit zu befassen. Es geht um Themen und Inhalte, aber auf der anderen Seite auch um den „Klang“ der Spielzeit, es soll ein farbiges Interpretationsmuster unserer Wirklichkeit entstehen.

Der Zwiespalt Mensch ist und bleibt dabei aber das große Thema im Theater?

Ja, natürlich. Dass man nicht alles von sich wissen kann, ermöglicht immer neue Entwürfe und Vorstellungen von sich selbst, spielen und ausprobieren. Der Mensch ist nie fertig – das ist die große Chance. Theater findet Bilder für diese potenzielle Unendlichkeit des Menschen.

Welche Stücke finden mehr Publikum? Unterhaltsame, leichte Komödien oder Inszenierungen, die offensichtlich, aber auch für den Zuschauer herausfordernd, aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft verhandeln?

Auf lange Sicht ganz klar die herausfordernden Stoffe. Das zeigt der große, interessierte Zuspruch etwa zu Aufführungen wie „Wie im Himmel“, „Der Turm“ oder „Urfaust“. Zuschauer erwarten gerade im Theater Dimension. Es darf natürlich Spaß machen – und auch die vermeintlich leichten Stoffe haben ja ein großes Potenzial im Reflektieren über das Leben.

In dieser Spielzeit kam mit „Kirschgarten – Die Rückkehr“ ein Stück zur Premiere, das sich deutlich auch auf Potsdam und die jüngste Geschichte bezieht. Ist eine solche Inszenierung auch für die kommende Spielzeit zu erwarten?

Ja, wir interessieren uns ausdrücklich für die Themen von hier! Für unseren Jugendspielplan wird die Autorin Petra Wüllenweber mit „Und morgen?“ in unserem Auftrag eine Geschichte aus unserer Potsdamer Gegenwart erzählen; wir zeigen die Uraufführung. Der Potsdam-Bezug spiegelt sich natürlich ganz grundsätzlich in der Art und Weise, wie wir unsere Stoffe erzählen und aufschließen. Aber es gibt auch ausgesprochene Bezüglichkeiten und auf Potsdam passende Geschichten, wie etwa in Lutz Hübners Gegenwartskomödie „Richtfest“ über eine Bauherrengemeinschaft, die ihren Traum von den eigenen vier Wänden verwirklichen will, aber ihre Interessen nicht so einfach aufeinander abstimmen kann.

Wie wichtig sind für ein Theater die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Themen in der eigenen Stadt überhaupt? Sollten sich diese auch weiterhin auf der Bühne widerspiegeln?

Selbstverständlich – vor allem auch im Zusammenhang mit den größeren Dynamiken im Land, in Europa, in der Welt, in der Anbindung über das Lokale hinaus. Im Lokalen kann man am besten über das Universelle sprechen. Das Politische findet sich am Theater übersetzt wieder, in die Erzählungen von Menschen und zwischen Menschen in ihrer Unfertigkeit und Offenheit, in ihrer Vorläufigkeit und ihrem Scheitern, in ihren Widersprüchen. Darüber hinaus verstehen wir uns als Forum für die Stadtgesellschaft. Wir vernetzen uns intensiv mit anderen Akteuren aus der Stadt und bieten Kreativen aus anderen Bereichen Plattformen an, gerade in der Diskussion: „In welchen Städten wollen wir leben?“

Welchen Stellenwert hat heute noch ein Stadttheater, das oft genug unter schwierigen Bedingungen arbeiten muss?

Ein Stadttheater ist heute nicht mehr nur Repräsentationsort oder Ort, an dem man den Kanon zeigt – es ist ein spielerisch-intellektuelles Forum der ausdifferenzierten, pluralen Stadtgesellschaft, Demokratisierungsinstrument, Begegnungsort. Stadttheater war immer schon in der ständigen Verwandlung begriffen. Es ist eine großartige deutsche „Familientradition“, man kann so weit gehen zu sagen: Das Stadttheater macht die Stadt.

Der Ausblick auf eine neue Saison lädt auch immer zu einem Rückblick ein. Wie erleben Sie Potsdam in ihrem sechsten Jahr als Intendant am Hans Otto Theater?

Potsdam ist meine Heimat geworden. Ich erlebe die Stadt als vitale, moderne, sich rasant entfaltende Bürgerstadt. Wir erleben das auch in der Entwicklung unseres Publikums; es kommen ständig ganz neue Gesichter dazu. Das Ensemble bekommt aus der Stadt, von unseren Gästen viel interessiertes, differenziertes Feedback. Dank ihrem Zuspruch findet es immer mehr Formen für Begegnungen mit den Zuschauern. Potsdam hat für uns eine inspirierende Atmosphäre, in der Nachbarschaft zu Berlin, als Standort wissenschaftlicher Institute, die sie an die überregionalen Diskurse anschließen, aber auch als Lebensmittelpunkt unserer Schauspieler, die hier mit ihren Familien wohnen.

Was würde Sie besonders reizen, wenn Sie unbegrenzte Möglichkeiten dafür hätten, auf die Bühne des Hans Otto Theaters zu bringen?

Wir würden gern internationale Künstler, internationale Gastspiele in ganz verschiedenen Theaterformen einladen, vielleicht zu großen Festspielen auf der Schiffbauergasse. Künstler, zu denen man nicht selbst hinfahren kann, die hoch interessante Erzählungen und Perspektiven auf unsere Gegenwart eröffnen. Wir würden gern eine große internationale Bühnen- und Kostümbildner-Biennale veranstalten. Wir würden gern junge Theaterkünstler einladen, sich bei uns auszuprobieren, das Theater und seine Möglichkeiten bei uns zu erforschen, ihnen Raum und Zeit für ihre Suche geben, die Erfolg, aber auch niveauvolles Scheitern einschließen darf und die nicht immer umgehend nach Auslastungszahlen bewertet wird. Wir würden gern die „Stadt für eine Nacht“ umwandeln in eine permanente Werkstatt-Veranstaltung auf der Schiffbauergasse.

Die Fragen stellte Dirk Becker

Das Spielzeitheft für die Saison 2014/2015 ist kostenlos im Hans Otto Theater oder kann heruntergeladen werden von der Hompage des Theaters unter

www.hansottotheater.de

 

 

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!