• Interview mit Regisseurin Konstanze Lauterbach: „Es wird getanzt. Durch die Zeiten“

Interview mit Regisseurin Konstanze Lauterbach : „Es wird getanzt. Durch die Zeiten“

Das Potsdamer Hans Otto Theater eröffnet seine Saison mit „Das achte Leben (Für Brilka)“ Regisseurin Konstanze Lauterbach über unerfüllte Sehnsüchte und dunkle Ruinen der Vergangenheit.

Konstanze Lauterbach, Theaterregisseurin, inszeniert am Hans Otto Theater "Das achte Leben (Für Brilka)" nach dem Roman von Nino Haratischwili.
Konstanze Lauterbach, Theaterregisseurin, inszeniert am Hans Otto Theater "Das achte Leben (Für Brilka)" nach dem Roman von Nino...Foto: promo


Frau Lauterbach, Sie führen beim diesjährigen Eröffnungsstück „Das achte Leben (Für Brilka)“ nicht nur Regie, sondern haben Nino Haratischwilis 1200-Seiten-Roman auch in eine Theaterfassung umgewandelt. Wie sind Sie auf diese wahnwitzige Idee gekommen?

Mit Wahnwitzigkeit fängt der Beruf an! (lacht). Sicher ist das ein „wahnsinniges“ Werk, fast monsterhaft lang, aber diese inhaltliche Wucht ist mir lieber als die Flut von Schlagzeilen, mit denen man heute 24 Stunden bombardiert wird. Die Autorin hat viel zu erzählen und so viel Substanz, dass man daraus gut Themen auswählen kann. Sicher steht man dann auch vor der Qual der Entscheidung, was man erzählen möchte, weil eben so viele gleichwertige Angebote vorhanden sind. Aber ich hatte ja fast ein Jahr Zeit dafür.

Zur Person

Konstanze Lauterbach, 1954 im hessischen Ronneburg geboren, ist Theaterregisseurin. Nach dem Abitur 1972 in Gera absolvierte sie eine Berufsausbildung als Textilfacharbeiterin. 1974 bis 1976 wirkte sie als Requisiteurin in Gera und studierte anschließend bis 1981 an der damaligen KarlMarx-Universität in Leipzig Germanistik und Literaturwissenschaften. In diese Zeit fallen ihre ersten Regiearbeiten am Poetischen Theater der Karl-Marx-Universität. Es folgten mehrere Festanstellungen an Theatern und zahlreiche Gastinszenierungen. 1997 wurde ihr der Preis des deutschen Kritikerverbandes verliehen. 2002 erhielt sie den Caroline-Neuber-Preis der Stadt Leipzig. Von 2001 bis 2003 war Konstanze Lauterbach Regisseurin am Deutschen Theater Berlin, heute arbeitet sie als Regisseurin für Schauspiel und Oper an den Theatern in Wiesbaden, Braunschweig, Essen und Weimar. Ihr Regiestil zeichnet sich vor allem durch eine reiche, artifizielle Körpersprache aus. Sie lebt in Berlin.

Sie formulieren im Programmheft, dass Sie die Geschichte skelettieren müssen ohne dabei das Fleisch der Figuren zu beschädigen. Wie gelingt das?

Das entsteht unter anderem auch in der Arbeit mit den Schauspielern, sobald man sich für bestimmte Figuren entschieden hat. In der nötigen Reduktion kann dann wieder über das Spiel Fülle, pralles und konfliktgeladenes Leben entstehen.

Sie beschränken sich im Wesentlichen auf die Hauptfiguren des Romans, Brilkas Vorfahren aus mehreren Generationen.

Größtenteils. Das ist ja ein hoch emotionaler Roman mit einem weitverzweigten Familienstammbaum um den sich andere Figuren aus verschiedensten Welten ranken. Ich habe selten erlebt, dass Figuren zum Beispiel aus der Politprominenz, politische Gewalttäter, mit menschlicher Substanz, mit all ihren Irrwegen und schmerzhaften Verfehlungen ausgestattet werden. So zum Beispiel Kostja Jaschi.

Oder auch der „Kleine Große Mann“, hinter dem Lawrenti Beria steckt, der Chef der Geheimdienste der Sowjetunion war?

Der nun gerade nicht. Ich denke da eher an Giorgi Alania, der im westlichen Ausland mit der Repatriierung von Exil-Sowjetbürgern beauftragt ist. Das zeichnet Nino Haratischwili als Autorin auch aus, wie sie mit Figuren umgeht, Entwicklungen und unerwartete Wendungen in den weiten Wegen der Figuren schafft. Deswegen liefert der Roman großes Potenzial für Schauspieler. Sich sinnlich, emotional da hinein zu bewegen, ist eine große Lust. Für mich schreit dieser Roman übrigens auch nach Film, aber mir fällt im Moment kein Regisseur ein, der für diese Aufgabe geeignet wäre.

"Das achte Leben (Für Brilka)" erzählt eine Familiengeschichte. 
"Das achte Leben (Für Brilka)" erzählt eine Familiengeschichte. Foto: Thomas M. Jauk

Die Figuren des Romans vereinen die unerfüllten Sehnsüchte, das Scheitern in der Gesellschaft.

Ja, jede Person hat am Anfang immer einen großen Anspruch an das Leben und zwar einen Anspruch auf Selbstbestimmung in Form von Träumen. Die Unfähigkeit, diese Sehnsucht biografisch zu realisieren, das macht das Scheitern aus. Die Gesellschaft regiert in die Menschen hinein und biegt sie, formt sie, fordert sie, verschreckt sie, zerstört sie und lässt sie verkümmern. Eine große Verwaisung. Vaterlose und mutterlose Menschen. Einsame Menschen.

Der Roman spannt sich von der Vorsowjetischen Zeit bis ins Jahr 2007. Wie berühren die unterschiedlichen Epochen die Figuren?

Sie scheinen alle in der Falle des Wiederholungszwangs gefangen. Die Träume werden neutralisiert oder zementiert in den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen. Es ist wie das Wirken eines Schicksals, dem keiner entkommt. Bis am Ende Brilka die Bühne des Lebens betritt. 

Sie sind bekannt dafür, dass Sie mit den Schauspielern sehr körperlich arbeiten. Wird das Schicksal sichtbar sein?

Ja. Zum Beispiel die Frauen haben ein Bindeglied und das ist der Tanz. Der unbedingte Wille zum künstlerischen Ausdruck, bevor sie vom Alltag und der Realität aufgesaugt werden. Lebensentwürfe werden zerstört. Der Traum, Tänzerin zu werden, zum Beispiel bei Stasia hat viel damit zu tun, einen fliegenden Beruf zu haben, schwerelos, nicht geerdet zu sein. Deswegen wird getanzt. Durch die Zeiten. Als Überlebenskunst.

Sie stellen die verschiedenen Epochen also durch den Tanz dar?

Ansatzweise, in unterschiedlichen Tanzstilen. Auch die Kostüme und die Musik verändern sich. Von Tschaikowsky bis zu The Velvet Underground mit „Heroin“ ist es ein weiter Weg. In der Brilka-Figur wird Tanz zum Hoffnungsträger am Ende der langen Reise. Ich glaube Nino Haratischwili ist sehr geprägt von Pina Bausch. Was sie in Sprache umsetzt, hat Pina Bausch im Tanz umgesetzt, wenn ich das mal so vergleichen darf.

Mit Tanz durch die unterschiedlichen Epochen.
Mit Tanz durch die unterschiedlichen Epochen.Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

In dem Roman wird viel georgische Geschichte erzählt, wie gut kannten Sie sich damit aus?

Gar nicht. Ich wusste, dass Prometheus im Kaukasus angekettet war, Medea dort ihre Heimat hatte, ich kannte georgischen Wein, georgische Trachten, georgische schöne Männer und Frauen. Natürlich habe ich nach der Wende die Geschichte verfolgt, die permanente Bürgerkriegssituation. Ich wusste auch, dass Georgien im ständigen Unabhängigkeitskampf mit Russland war, aber erst durch die Arbeit mit dem Buch hat sich das angefüllt. Ich bin neugierig geworden, ich weiß etwas mehr.

Und wollen noch mehr wissen?

Unbedingt. Ich bin angesteckt und möchte jetzt auch mal nach Georgien fahren. Georgien ist im Roman Startrampe. Nationale Verschiedenheiten und Prägungen haben akutes Konfliktpotential in sich. Und so kam und kommt es zu permanenten Frontkriegen, wo es den Panzer auf der Straße immer wieder zum Einsatz bringt. Es ist unter anderem auch ein wesentlicher Treibstoff der Familiensaga.

Können wir von „Das achte Leben“ also etwas lernen für unsere eigene Geschichtsaufarbeitung?

Lernen? Eher erfahren und verstehen, vergleichen und wiedererkennen. Man spürt, dass wir alle etwas mit uns rumtragen, was Fragen auslöst, worauf es keine einfachen Antworten gibt. Und dass die Heimsuchung von Gespenstern aus der Vergangenheit auf keinen Fall nur an georgisches Terrain gebunden ist, die sind internationaler. Im Roman gibt es eine serielle Abfolge von Vergeblichkeitsaufbrüchen, privat und politisch. Zudem finde ich gut an diesem Roman auf der Suche zu sein nach Vergangenem. Die Figuren werden immer wieder mit Nachwehen der Vergangenheit existentiell belastet. Das ist etwas Besonderes im Gegensatz zum heutigen Gegenwartswahn. 

Müssen wir uns mehr mit der Vergangenheit beschäftigen?

Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt, weil die Aufarbeitung des kommunistischen Zeitalters fast tabuisiert wurde – oder eben ideologisiert. Die Französische Revolution scheint uns durch die Geschichtsschreibung näher zu sein, als das letzte Jahrhundert. Und Nino Haratischwili stellt sich dieser Herausforderung. Sie geht auf die Suche, steigt in dunkle Ruinen der Vergangenheit und versucht zu verstehen. 

Vor allem geht es um die Aufarbeitung einer Familiengeschichte. Haben Sie sich mit Ihrer auseinandergesetzt?

Mit meiner Vergangenheit ja. Und mit der Gesellschaft, aus der ich komme. Ich habe immerhin zwei Systeme erlebt und das ist ein ganz besonderer Erfahrungsschatz. Ich bin geprägt von der DDR und ich bin jetzt geprägt vom Kapitalismus. Also zwei Prägungen. Ich würde es bedauern, wenn ich die DDR nicht erlebt hätte.

Inwiefern?

Ich habe in der DDR gelernt, für eine Sache zu kämpfen, zu brennen und Nein sagen zu können. Sich nicht mit allem abzufinden, sich auch durchzusetzen und vieles vieles mehr. 

Müssen Sie das oft, Nein sagen?

Ach, ich sage lieber ja! (lacht) Und lass mich gern begeistern. Aber nicht von jedem Mist.

>>Die Premiere am 23. August ist ausverkauft. Nächste Termine am 7. September um 18 Uhr, 22. September um 15 Uhr und 27. September um 19.30 Uhr.