• Interview mit Potsdams Kulturlobbyisten: „Angst, dass nur noch Stadtbild da ist“

Interview mit Potsdams Kulturlobbyisten : „Angst, dass nur noch Stadtbild da ist“

Mit Fosbury Flop startete am Freitag eine neue Konzertreihe im Fabrikgarten. Dahinter stecken die Kulturlobbyisten. Ihr Sprecher André Tomczak erklärt, warum in seinen Augen mehr Vielfalt nötig ist.

Neue Bühne. Im Fabrikgarten sollen sich den Sommer über nicht nur junge Potsdamer Musiker vorstellen – der Ort soll auch zur Plattform für andere Künstler werden. Immer inklusive ist der Blick auf den Tiefen See.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kristina Tschesch
13.07.2014 22:20Neue Bühne. Im Fabrikgarten sollen sich den Sommer über nicht nur junge Potsdamer Musiker vorstellen – der Ort soll auch zur...

Herr Tomczak, Sie sind Mitglied der Kulturlobby. Warum ist die nötig?

Damit eine Stimme da ist, die gegenüber der Politik und der Verwaltung kommunizieren kann. Das ist eine Herzensangelegenheit. Es geht nicht nur um die Aktiven, sondern auch um die Konsumenten. Eine vielschichtige Kultur ist wesentlicher Aspekt von Lebens- und Aufenthaltsqualität.

 

 

André Tomczak ist 30 Jahre alt, Mitbegründer der Initiative Alte Brauerei und jetzt Sprecher der neu gegründeten Kulturlobby, die sich für unabhängige Kultur in Potsdam einsetzt.

 

 

Damit die Stadt kein Museum wird?

 Potsdam ist ein Museum, seit über hundert Jahren, und das völlig zu Recht. Potsdam ist ein Ort, an dem Vergangenheit lebt. Aber eben auch eine wachsende Stadt, was zu Raumnutzungskonflikten führt. Und diejenigen, die dazukommen, haben einfach keine Spielräume mehr. Wir brauchen Orte, wo sich Menschen treffen und vernetzen können, für Kreation und Rekreation.

So wie jetzt auf der Bühne im Fabrikgarten, wo diesen Sommer jeden Freitag etwas stattfinden soll. Was ist das Konzept für die Reihe?

Eigentlich sind es Begegnungen. Das ist das, was wir uns vorgestellt haben. Musik wird dazugehören, aber auch darstellende Kunst, ein buntes Programm.

Wie kam es dazu?

Ralf Grüneberg, der Cheftechniker der „fabrik“, kam irgendwann auf Arne Assmann zu, der die Reihe initiiert hat, und hat gesagt, hier sei eine Bühne, die aber einfach so rumsteht. Er soll mal was machen.

Einfach so?

 Nein. Wir hatten bereits mit der Initiative Alte Brauerei große Öffentlichkeit für die Kreativen geschaffen, nachdem die zahlreichen Mieter der Brauerei im Januar die Kündigung ihrer Werkstätten und Proberäume erhielten. Und dann kam die Idee, eine Sache zu machen, die sich den ganzen Sommer trägt.

Also alle auf eine Bühne zu kriegen?

 Sicher, auch um die Potsdamer Musik an die Oberfläche zu bringen, sichtbar zu machen. Aber auch um einen Ort zu finden, der Podium für unsere Anliegen ist, an dem wir auch ein anderes Publikum erreichen. Damit bringen wir auch unsere Selfmade-Kultur und unser Improvisationstalent in die Schiffbauergasse.

Hat sich das Konzept beim Auftakt mit Fosbury Flop am Freitag bestätigt?

Auf jeden Fall. Der Fabrikgarten war gut besucht.

Es war also eine bewusste Entscheidung, in die Schiffbauergasse zu ziehen?

 Das Angebot kam uns sehr gelegen, da wir eine breite Öffentlichkeit für die Belange der unabhängigen Kultur sensibilisieren wollen. Wir haben uns bewusst nie in Opposition zum Hans Otto Theater oder zur Hochkultur allgemein gestellt – auch wenn wir schon mit einem Bruchteil dieser Fördersummen Gewaltiges erreichen könnten. Zudem gab es anfangs auch unterstützende Angebote, zum Beispiel vom „nachtboulevard“.

Die Kulturlobby hat sich aus der Notwendigkeit gegründet, dass etwas weggebrochen ist?

Am Anfang gab es einen Aufruf: Künstler und Kreative brauchen Freiraum. Ich bin dem gefolgt wie viele andere. Es ist offensichtlich, dass hier etwas schiefläuft. Dass der Druck so groß ist, dass die letzten Reste wegbrechen. Dass wir uns vernetzen und gemeinsam unsere Bedarfe anmelden müssen.

Was genau ist das Kernproblem?

Mit der Kündigung der Proberäume und Ateliers in der Brauerei wurde offensichtlich, dass es keinen Ersatz in der Stadt gibt. Die Brauerei war eine letzte Bastion von Proberäumen in innerstädtischer Lage. Ersatz stand überhaupt nicht in Aussicht. Als Mitte Mai Räume in Babelsberg auf den Markt kamen, war die Erleichterung bei den Betroffenen groß.  

 Aber die Situation ist nicht gelöst?

Keinesfalls! Auch dort in Babelsberg gibt es eine dreimonatige Kündigungsfrist, wir können hier erst einmal nur von zwei bis drei Jahren ausgehen. Zudem ist das Objekt ziemlich weit draußen.

Hat die Kulturlobby ein konkretes Konzept, wie das Problem gelöst werden kann?

Es ist offensichtlich, dass wir diejenigen sind, die sich darüber Gedanken machen müssen, als Betroffene. Wir müssen das artikulieren. Zumal es in der etablierten Politik bislang kaum ein Bewusstsein für die Bedeutung der unabhängigen Kultur und der Kreativwirtschaft gibt.  

 Was muss denn von politischer Seite kommen?

Wir haben hier überhaupt nichts erwartet. Gefreut hat uns, dass sich nach unserer ersten Aktion am 1. März auf der Brandenburger Straße prompt Frau Seemann vom Fachbereich Kultur und Museen bei uns meldete. Überrascht war ich auch vom Prüfantrag der Grünen, der die Husarenkaserne für kreative Nutzungen vorschlägt. Daneben sollen auch die Nebengebäude am Alten Landtag und der Persiusspeicher geprüft werden.

Es gibt also drei potenziell nutzbare Gebäude in der Stadt?

Es gibt sogar noch viel mehr. Das mit dem Prüfantrag ist ein Beispiel dafür, dass wir die Situation nur artikulieren mussten. Schick essen gehen und teuer wohnen ist halt ein bisschen wenig.  

 Die Orte sind also da, werden aber nicht genutzt?

Dafür gibt es das Beispiel Fachhochschule am Alten Markt, wo vor anderthalb Jahren schon ein Nutzungskonzept eingereicht wurde, wo sogar Fördergelder in Aussicht waren, aber gemauert wurde. Da steht die Hälfte der Räume leer, da wird einmal im Monat ein Schaufenster genutzt, da ist die Galerie Sperl. Das ist ein klassisches Beispiel für ein Potenzial, das absolut brach liegt.

Wo sind denn noch Brachen in Potsdam?

 Die Schiffbauergasse selbst wird viel zu wenig genutzt. Da gibt es eine ganze Reihe von Orten, die deutlich intensiver bespielt könnten.

Da fehlt es aber an Vernetzung?

 Eher an Angeboten. Mit dem Ruby's Tuesday geht nun die letzte Reihe zu Ende, die unter der Woche Konzert und Tanzmusik geboten hat. Zudem fehlt einfach Dichte. Alles ist sehr aufgeräumt. Uns freut natürlich zu hören, dass auch die etablierten Akteure in der Schiffbauergasse eine gewisse Verantwortung für unsere Kultur von unten spüren.

Und die Kulturlobby will diese Vernetzung übernehmen?

 Ja, nach innen und außen. Mit der Seite kulturlobby.de haben wir zudem einen eigenen Blog, ein Social Network mit Gruppenfunktionen, mit Bildern und Texten.

 

Kann sich jeder dort registrieren?

Das kommt erst noch. Bisher braucht man dafür eine Einladung.

Wie viele Leute sind das bisher?

Wir sind rund 350 Leute. Es geht ja nicht nur um Musiker oder Künstler, die ein Atelier brauchen. Es geht auch um Menschen, die ein Büro brauchen, um Studierende, die einen Platz zum Arbeiten benötigen.  Es geht nicht nur um Künstlerisches.

Ist der Name Kulturlobby da nicht ein bisschen irreführend?

Das hat doch alles mit Kultur zu tun. Es geht darum, dass es eine Stadt gibt, in der man sich verschiedene Inputs holen kann. Wo man auch diskutieren kann. Potsdam ist ein Wissenschaftsstandort mit einer Uni, Fachhochschulen, Instituten. Wir haben Angst, dass alles aus der Stadt gedrängt wird und nur noch Stadtbild da ist.  

Das Gespräch führte Oliver Dietrich

Am nächsten Freitag gibt es im Fabrikgarten ab 20 Uhr ein Konzert mit Fermentum und Improtheater mit Uniater. Der Eintritt ist frei.

 

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