• Interview mit Marion Brasch: „Familie wird man nicht los“

Interview mit Marion Brasch : „Familie wird man nicht los“

Die Autorin Marion Brasch über ungestellte Fragen an ihre Mutter, ihre späte politische Rebellion in der DDR, ihre Sicht auf die unwählbare AfD und über ihre Lieblingsfilme und den Sound ihres Lebens.

Marion Brasch
Marion BraschFoto: Manfred Thomas

Frau Brasch, zur Eröffnung der Spielzeit des Nikolaisaals hat das neue Filmorchester-Gala-Format „Soundtrack des Lebens“ Premiere. Sie sind gemeinsam mit Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck die ersten Gäste. Wie klingt Ihr Soundtrack?
Mein Soundtrack klingt sehr unterschiedlich. Das hängt von den jeweiligen Situationen ab, in denen ich mich gerade befinde. Es gibt sehr verschiedene Musik, die zu verschiedenen Lebensphasen gehört.

Und welche Musik ist es jetzt gerade?
Auch da reicht es vom Jazz bis Heavy Metal. So wie die Launen des Tages wechseln, wechselt mein Soundtrack. Aber das ist wohl bei jedem Menschen so, oder?

Über den „Sound“ Ihres Lebens haben Sie als einzige Überlebende Ihrer Familie auch vor sieben Jahren in Ihrem autobiografischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ geschrieben. Man hat den Eindruck, dass Sie auch danach nicht zur Ruhe kommen und die Familie Sie weiterhin beschäftigt.
Familie wird man nicht los, man trägt sie immer mit sich herum, ob man will oder nicht. Dass ich diesen Roman geschrieben habe, hat dieses Gefühl natürlich verstärkt. Ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil: So verkorkst diese Familie auch gewesen sein mag, ich habe sie geliebt.

Sie haben mal gesagt, dass Ihre großen Fragen erst kamen, als keiner mehr da war, der sie beantworten konnte. Ihr Vater, der Antifaschist, jüdische Katholik und Parteifunktionär Horst Brasch starb 1989, Ihr Bruder Klaus 1980 und die beiden anderen Brüder, Thomas und Peter, 2001. Welche Fragen treiben Sie immer noch um?
Vor allem Dinge, die meine Mutter betreffen. Sie starb, als ich 14 war. Die wirklich wichtigen Fragen an sie sind mir erst eingefallen, als sie nicht mehr da war. Meine Eltern haben sich im englischen Exil kennengelernt, dort wurde auch mein Bruder Thomas geboren. Allerdings ist meine Mutter, die ja Wienerin war, meinem Vater erst ein Jahr später nach Deutschland gefolgt. Ich hätte sie gern gefragt, warum. Und ich habe nie daran gedacht, sie zu fragen, warum sie ihren Traum aufgegeben hat, Schauspielerin oder Sängerin zu werden. Heute ärgere ich mich, das nicht zu wissen – Ignoranz der Pubertät.

Wie akribisch waren Sie bei den Recherchen?
Die Recherche ist schon sehr weit gegangen. Ich habe auch viel in Archiven gesessen, Personal- und Stasiakten gelesen. Das Problem war, dass viele Menschen, die mir über meine Eltern etwas hätten erzählen können, nicht mehr lebten.

Inwieweit hat sich Ihr Blick auf die Familie durch das Buch verändert?
Besonders meinen Vater habe ich viel besser verstanden. Für den Roman musste ich mich in seine Lage versetzen, und so ein Perspektivwechsel führt ja immer zu differenzierterem Verständnis. So war das auch bei mir. Da war dieser Mann dann eben nicht mehr nur der zwar strenge, aber großzügige Vater und autoritäre Parteifunktionär, sondern ein Mensch mit Brüchen, Zweifeln und einer großen Einsamkeit. Das war mir vorher so überhaupt nicht klar. Das Verständnis für meinen Vater habe ich mir erst erschrieben und damit auch ein größeres Verständnis für die Person, die ich damals war und heute bin. Freunde haben zu mir gesagt: Andere legen sich beim Psychiater auf die Couch, du hast das Buch geschrieben. So ist es vermutlich.

Nach Ihrem Buch gab es im vergangenen Jahr die Dokumentation „Familie Brasch“ von Annekatrin Hendel. Wie ging es Ihnen, als Sie im Kino saßen?
Das war für mich unglaublich interessant. Annekatrin Hendel erzählt ja nicht nur die Geschichte dieser Familie, indem sie mit Leuten spricht, die sie gekannt haben. Sie öffnet auch den Blick auf das Land und die Zeit, in der diese Familie gelebt hat. Das ist eine große Leistung, finde ich, weil sich auch jeder andere darin spiegeln kann. Außerdem habe ich in diesem Film Dinge erfahren, die ich gar nicht wusste.

Welche zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass mein Bruder Thomas so eng mit Christoph Hein befreundet war und warum diese Freundschaft irgendwann in die Brüche ging.

Christoph Hein deutet in der Dokumentation an, dass sein Studium an der Filmhochschule Babelsberg durch den Einfluss Ihres Vaters, der stellvertretender Kulturminister war, vorzeitig beendet wurde, weil der einen schlechten Einfluss auf seinen Sohn Thomas fürchtete. Nach Heins Rausschmiss bekam Ihr Bruder diesen Studienplatz. Sorgte Ihr Vater wirklich dafür, dass Thomas Brasch diesen Platz bekam?
Nein, warum sollte er? Er hatte gar kein Interesse daran, dass mein Bruder Film studierte, das war ihm eher suspekt. Da spielte wohl der Zufall mit. Der Platz war frei und Thomas bekam ihn. Das würde auch nicht dem entsprechen, was ich über meinen Vater weiß. Er hätte sowas nicht gemacht.

Seine Funktion ausnutzen?
Genau. Er verachtete Leute, die ihre Macht missbrauchten. Zum Beispiel stand in Karl-Marx-Stadt mal mein Schuldirektor bei uns zu Hause auf der Matte, um sich bei meinem Vater einzuschleimen. Er bot ihm an, sich dafür einzusetzen, dass ich Abitur machte, obwohl ich nur einen Durchschnitt von 2,4 hatte. Den hat mein Vater aber sowas von abtreten lassen. Und so war er immer. Er hat uns nie das Gefühl gegeben, etwas Besseres zu sein als andere. Diese Haltung hat mich sehr stark beeindruckt und auch geprägt.

Gab es Druck seitens Ihres Vaters? Sollten Sie die Vorzeigetochter sein?
Nein, überhaupt nicht. Aber ihm war wichtig, dass mein Klassenstandpunkt stimmte. Er wollte nicht, dass ich den „Irrwegen“ meiner Brüder folgte. Naja, hat ja auch ganz gut funktioniert, jedenfalls für ziemlich lange Zeit.

Wie lange?
Sehr lang. Ich wollte eigentlich immer meine Ruhe haben und bin – wie die Mehrheit der DDR-Bürger – schön mitgelaufen, damit bin ich ganz gut gefahren. Das änderte sich im Sommer 1989, als die Atmosphäre in der DDR immer unerträglicher wurde. Da habe auch ich angefangen, den Mund aufzumachen und Position zu beziehen. Sehr spät, aber noch nicht zu spät, glaube ich.

Wenn man von Ihnen spricht, hat man immer auch Ihre Familie im Blick. Sie sind dadurch sehr gläsern geworden. Stört Sie das nicht auch manchmal?
Ich empfinde mich nicht als gläsern. Es gibt einen Unterschied zwischen persönlich und privat. Ich bin davon überzeugt, dass weder der Film noch mein Roman diese Grenze überschreiten. Auch wenn ich mehr in der Öffentlichkeit stehe als früher – als Privatperson bin ich genauso anonym wie jeder andere auch, daran hat sich nichts geändert.

Über den Dokufilm wurde geschrieben, dass er ein Zeitpanorama sei, ein Epos über den Niedergang des „Roten Adels“, die „Buddenbrooks“ in DDR-Ausgabe.
Journalisten brauchen Schubladen und Schlagworte. Ich selbst sehe mich weder als Teil eines „Roten Adels“, noch wäre ich jemals auf die Idee gekommen, meine Familie mit den „Buddenbrooks“ zu vergleichen. Auch wenn meine Familiengeschichte in mancher Hinsicht exemplarisch ist für eine bestimmte Zeit, ist es eine Geschichte unter vielen. Gerade hat zum Beispiel Alexander Osang einen Roman über die Geschichte seiner russischen Großmutter veröffentlicht, auf den bin ich sehr gespannt.

Die Dokumentation „Familie Brasch“ erschien 30 Jahre nach dem Tod Ihres Vaters. Braucht es Distanz, um Nähe zu kriegen?
Diese Frage gibt es immer wieder. Ich denke, dass solche Geschichten schon immer erzählt wurden, nur die Aufmerksamkeit dafür ändert sich jetzt. Das ist gut, weil dadurch auch ein differenzierterer Blick auf Geschichte möglich ist, eine Differenziertheit, die nach meiner Ansicht dringend nötig ist, denn es gibt nicht die eine Wahrheit über die DDR, sondern so viele Wahrheiten wie Menschen in diesem Land gelebt haben. Dass immer mehr Geschichten dazukommen und gehört werden, ist gut und wichtig.

Und dazu wird auch der Abend im Nikolaisaal beitragen?
Ich bin sehr gespannt darauf. Es ist ja schon ein besonderes Privileg und ein Luxus, dass dieses tolle Filmorchester Babelsberg die Musik spielt, die man gut findet. Und ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Matthias Platzeck und Max Moor. Ob über Musik, Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.

Wie schauen Sie in diese Zukunft?
Sehr beunruhigt, wenn ich an die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen denke.

Macht es Ihnen Angst?
Nein, Angst nicht. Dafür verachte ich die AfD viel zu sehr. Ich finde eine Partei, die Nazis in die Parlamente bringt, unerträglich und unwählbar.

Warum gibt es diese Radikalisierung in Ostdeutschland?
Dazu gibt es viele Thesen und Theorien, und ich bin kein Soziologe. Doch ich glaube, eine Ursache dafür liegt darin, dass nach 1989 ganze Landstriche im Osten ausgeblutet sind und viele Menschen Arbeit und Perspektive verloren haben. Und die Rechten haben ihre Netze ausgeworfen und guten Fang mit Demagogie gemacht. Andererseits: 21 Prozent sind nicht die Mehrheit, und was gern vergessen wird: In Baden-Württemberg haben bei den letzten Landtagswahlen 15 Prozent AfD gewählt, das sind 800.000 Leute. Man sollte aufhören, mit dem Finger immer auf den Osten zu zeigen, das macht es nur schlimmer.

Noch einmal zurück zum Sound Ihres Lebens. Welche Musik wird im Nikolaisaal zu hören sein?
Es gab eine Repertoireliste des Filmorchesters mit Filmmusik und darauf habe ich die Musik angekreuzt, die mit mir zu tun hat. Dazu gehört die Filmmusik aus „Der Pate“, „Spur des Falken“, „Shaft“ oder „Solo Sonny“, in dem mein Bruder Klaus mitgespielt hat. Ich bin auch sehr gespannt, was Matthias Platzeck ausgesucht hat. Wird sicher eine lustige und schöne Mischung.



Prominente Familie

Marion Brasch, geboren 1961 in Berlin, entstammt einer Familie deutsch-österreichischer Kommunisten mit jüdischen Wurzeln. Ihr Vater Horst Brasch (1922–1989) bekleidete nach seiner Rückkehr aus dem Exil hohe Ämter in der Kulturpolitik der DDR, ihre Mutter Gerda Brasch (1921–1975) war Journalistin. Marion Brasch ist die Schwester der Schriftsteller Thomas Brasch (1945–2001) und Peter Brasch (1955–2001) sowie des Schauspielers Klaus Brasch (1950–1980). Marion Brasch absolvierte eine Ausbildung als Schriftsetzerin und arbeitete zunächst in einer Druckerei, später bei diversen Verlagen.

Von 1987 bis 1992 war sie beim Radiosender DT64 tätig. Heute arbeitet sie freiberuflich bei Radio Eins.

Zu ihren Werken gehören „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“, „Wunderlich fährt nach Norden“, „Lieber woanders“.