• Interview mit Margarethe von Trotta: „Versteinerter Blick auf die Welt“

Interview mit Margarethe von Trotta : „Versteinerter Blick auf die Welt“

Regisseurin Margarethe von Trotta spricht über das Potsdamer Festival Moving History, unsichtbare neue Mauern und Hoffnungen.

Margarethe von Trotta ist eine deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin.
Margarethe von Trotta ist eine deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frau von Trotta, während des Moving History Festivals, das am Sonntag zu Ende ging, sprachen Sie von den neuen unsichtbaren Mauern, die 30 Jahre nach dem Mauerfall entstanden sind. Wie können Filme diese Mauern abtragen helfen?
 

Filme können die Menschen nicht wirklich verändern, aber sie können vielleicht dazu beitragen, dass Menschen noch einmal über ihre Geschichte oder die Geschichte ihres Landes nachdenken. Sie lösen Gespräche aus. Und das Miteinanderreden ist immer noch das Allerwichtigste. Und das findet auf einem Festival, das sich auch noch mit Geschichte befasst, statt.

Zur Person

Margarethe von Trotta wurde 1942 in Berlin geboren. Nach Auftritten in Stuttgart spielte sie 1969/1970 am Kleinen Theater am Zoo in Frankfurt am Main. In dieser Zeit übernahm sie auch Rollen in vier Filmen von Rainer Werner Fassbinder. 1971 heiratete sie Regisseur Volker Schlöndorff. Seit 1977 führt sie selbst Regie. Nach ihrer Trennung von Schlöndorff lebte sie zunächst in Italien und heute in Paris. Beim Deutschen Filmpreis 2019 bekam sie für ihr Lebenswerk den Ehrenpreis für „herausragende Verdienste um den deutschen Film“.

Auch von Ihnen als Schirmherrin lief ein Film: „Das Versprechen“ aus dem Jahr 1995 über eine Beziehung, die vor dem Mauerbau 1961 beginnt und sich bis zum Mauerfall 1989 erstreckt. Wie waren die Reaktionen.

Der Film ist am frühen Nachmittag gelaufen. Ich war überrascht, wie positiv der Film von den Zuschauern aufgenommen und beurteilt wurde. Ich hatte mich eigentlich auf mehr Abwehr vorbereitet. Peter Schneider, mit dem ich das Drehbuch geschrieben habe, und ich, wir kamen ja aus dem sogenannten „Westen“, was für die meisten, die hier aufgewachsen sind, ein Verdikt geworden ist. Aber wir hatten uns sehr gut dokumentiert, Peter hat von 1960 bis zum Fall der Mauer in Berlin gelebt, ist sehr oft nach Ostberlin gefahren. Er kannte sich sehr gut aus. Wir haben dann noch viele Menschen getroffen und sie zu ihrem Leben und ihren Gefühlen befragt. Damals waren viele ja fast begierig, ihre Geschichte zu erzählen. Dennoch würde ich sagen, wir hätten vielleicht nicht nur die „Hochmomente“ dieser 28 Jahre zeigen sollen. Eine Zuschauerin hat mir aber gleich heftig widersprochen: Genau so habe ich es erlebt.

Sie lebten damals in Rom. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Ein italienischer Produzent, der zu Sylvester am Brandenburger Tor mitgefeiert hatte, meinte: Du musst jetzt einen Film über die Jahre der Mauer machen. Zum ersten Mal gibt es die Möglichkeit, über beide Deutschlands zu berichten. Vorher haben die Regisseure in der BDR Filme über sich und ihre Geschichte gemacht, die DDR-Regisseure ebenso über ihr Land. Du hast „Die bleierne Zeit“ gemacht, Du bist es Dir schuldig.

Margarethe von Trotta auf dem diesjährigen Moving History Festival.
Margarethe von Trotta auf dem diesjährigen Moving History Festival.Foto: Manfred thomas

Wie bewerten Sie das Festival?

Ich finde es großartig, dass es nun endlich auch in Deutschland ein Festival des historischen Films gibt, und das in Potsdam, einem geschichtsträchtigen Ort. Ich fand es immer unbegreiflich, dass ausgerechnet in einem Land mit einer so komplizierten und komplexen Geschichte ein solches Festival fehlen sollte. Und die Veranstalter sind so voller Enthusiasmus und Sachkenntnis. Was sie alles zu dem diesjährigen Thema des Mauerbaus und -falls zusammengetragen haben, ist verblüffend. Ich bin ja nur die Schirmherrin, mache nicht das Programm. Ich bin voller Bewunderung für die Recherchearbeit.

Warum hat man Sie zum zweiten Mal als Schirmherrin ausgewählt – jetzt auch zum Thema 30 Jahre Mauerfall? Es hätte ja auch ein Ostdeutscher sein können.

Sehen Sie, das sind die unsichtbaren Mauern, von denen ich sprach. Es sollte doch allmählich egal sein, ob ich eine West- oder eine Ostdeutsche bin. Es war von Anfang an so festgelegt, dass ich zwei Jahre lang Schirmherrin sein würde. Ich denke, man hat mich dazu berufen wollen, weil ich mich in meinen Filmen sehr oft mit deutscher Geschichte befasst habe, weil ich international bekannt bin, weil ich im Ausland lebe, also eher Europäerin bin. Aber davon abgesehen: ich war schon zur Zeit der Mauer sehr oft in Ost-Berlin, meine Filme wurden in der DDR gezeigt, meine Drehbücher veröffentlicht, ich war korrespondierendes Mitglied der Akademie von Ost-Berlin, genau wie Wolfgang Kohlhaase und Heiner Carow Mitglieder der Akademie in West-Berlin waren. Wir haben lange vor dem Mauerfall versucht, miteinander zu reden.

Glauben Sie, dass Filmgespräche während des Festivals etwas angestoßen haben?

Für die, die daran teilgenommen haben, bestimmt. Sie fragten nach den Mauern. Im Moment scheint es, dass die Vorurteile, von denen wir glaubten, sie seien verschwunden, sich wieder verfestigen, dass sich der offene und neugierige Blick in die Welt zurückverwandelt und verengt, so dass Gespräche, auch Zweifel an der eigenen Position nicht mehr zugelassen werden. Ich kann also nur hoffen, dass das Festival die Fenster wieder ein wenig aufgestoßen hat.

Potsdamer Moving History Filmfestival
Roland Suso Richter ist der Regisseur  von "Das Wunder von Berlin".Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Manfred Thomas
26.09.2019 17:44Roland Suso Richter ist der Regisseur  von "Das Wunder von Berlin".

Wie nahe sind Sie heute dran an der deutschen Misere?

Ich lebe in Paris, also bin ich mehr eine Beobachterin. Doch ich werde oft auf die deutsche Gegenwart angesprochen, auch wenn ich manchmal ratlos bin. Ich sehe es aber als meine Aufgabe an, um Verständnis zu werben. Ich bin ja auch viel auf Festivals eingeladen, wo ich ebenso nach Deutschland gefragt werde. Dass ich dabei nicht für die AfD werbe, das versteht sich wohl von selbst.

Was sind die größten ungelösten Probleme?

Das muss ich Ihnen sicher nicht beantworten, das wissen Sie selbst. Das neue Unverständnis, würde ich sagen, der Unwille, einander zuzuhören. Der Eröffnungsfilm von Marcel Ophüls „Novembertage“ hat mir noch einmal ins Gedächtnis gerufen, mit wie viel Jubel die Menschen damals in die vermeintliche Freiheit und die neue Zeit aufgebrochen sind, und wie viele Enttäuschungen übrig geblieben sind. Ob zu Recht oder Unrecht, darüber kann ich nicht befinden, aber man darf diese Enttäuschung nicht ausgrenzen, muss darauf reagieren.

Welche Hoffnungen hatten Sie nach dem Mauerfall.

Natürlich waren wir erst einmal alle begeistert. Obwohl ich in Rom gelebt habe, war ich ja öfter in Ostberlin zu Besuch – zum Beispiel bei Christa Wolf oder meinen Regiekollegen – und ich habe mich immer gewundert, wie viele Westberliner Ostberlin nie betreten haben oder wollten, obwohl sie die Möglichkeit dazu hatten. Nach dem Fall der Mauer hoffte ich, und nicht nur ich, dass nun ein größerer Austausch stattfinden würde. Es ging ja nicht nur um Deutschland, sondern auch um die anderen Ostländer wie Polen, Russland oder die Tschechoslowakei, mit denen der Kontakt nicht einfach gewesen war. Diese Erleichterung der Kommunikation begrüßten wir, wir dachten, wir könnten uns jetzt unsere Filme gegenseitig vorführen. Die große Enttäuschung kam, als wir merkten, dass die Amerikaner den Markt eroberten und man bald in Polen und so weiter nur noch amerikanische Filme sehen konnte.

Haben Sie neue Filmprojekte? 

Ich hoffe, dass mir noch etwas einfällt. Wie gesagt: ich bin eine Utopistin.